Das Kalifat

Stellvertreter Gottes und Führer der Muslime sein, das sind die beiden zentralen Aufgaben eines Kalifen. Im Koran wird Adam, der erste Mensch, bereits als Statthalter (Kalif) Gottes auf Erden bezeichnet. Auch David erhält im Koran den Titel Kalif. Dagegen war Mohammed zeitlebens Prophet Gottes, aber nicht sein Statthalter. Die Kalifen vereinten religiöse und politische Macht. Sie waren oberster religiöser und politischer Führer zugleich. Nach der Absetzung des letzten osmanischen Kalifen 1924 durch Atatürk bildete sich ein Vakuum. Schon die osmanischen Sultane hatten seit dem 19. Jahrhundert die Sehnsucht nach der Zeit der ersten Kalifen angeheizt. Diese Sehnsucht prägt auch den heutigen Salafismus und sogenannten Islamischen Staat und seinen Kalifen Al Baghdadi. Für viele Muslime, vielleicht sogar eine Mehrheit, wirkt der Islam ohne Kalifat führerlos.

Hugh Kennedy, Professor für Arabistik in London, beschreibt in seiner Kalifatsgeschichte, wie nach dem Tod Mohammeds 632 das Kalifat entstand und wie es sich im Lauf der Zeit oft änderte und anpasste. In der Islamgeschichte gab es viele verschiedene Arten von Kalifen. Diese Flexibilität schwächte das Amt nicht, sondern stärkte es. Neben dem IS haben auch die Wahhabiten in Saudi-Arabien die kalifenlose Zeit genutzt, um ihren Einfluss auf den Gesamtislam zu verstärken. Der Nimbus eines Kalifen fällt heute auf die heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina und ihre Hüter, die Wahhabiten.

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Kennedy, Hugh

Das KalifatVon Mohammeds Tod bis zum „Islamischen Staat“

Verlag C.H. Beck, München 2017, 367 S. mit 11 Abb. und 2 Karten, 28 €

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