Pius XII.Kirchengeschichte als Thriller

Ein Heiliger oder moralischer Versager? Kaum ein Papst polarisiert so sehr wie Pius XII. Im Vatikan läuft seit 1965 noch immer ein Selig- und Heiligsprechungsverfahren, während der Dramatiker Rolf Hochhuth ihn 1963 in seinem Stück „Der Stellvertreter“ als einen Verbrecher sieht, weil er zum Holocaust geschwiegen hat. Kein Papst lebte in solch politisch unheilvollen Zeiten wie er. Im Wesen Pius’ XII. sind vielfache Ambivalenzen erkennbar – so sieht es der amerikanische Historiker Mark Riebling. Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli „besuchte mehr Länder und sprach mehr Sprachen als jeder Papst vor ihm – und blieb doch ein Stubenhocker, der bis zum Alter von 41 Jahren bei seiner Mutter wohnte. Der kinderliebe Mann, der den Umgang mit Diktatoren nicht scheute, zeigte sich Bischöfen und Priestern gegenüber schüchtern. Sein Leben war eines der öffentlichsten und zugleich einsamsten der Welt… Fremden trat er mit Offenheit und Freunden mit Nachdenklichkeit gegenüber.“

Während Rieblings Historikerkollege Ian Kertzer im Buch „Der erste Stellvertreter“ über Pius XI. und in einem Interview mit dem CIG (Nr. 47/2016, S. 521) Pius XII. moralisches Versagen vorwirft, versucht Riebling eine Ehrenrettung dieses Papstes – indem er ihn zu einer zentralen Figur des Widerstands gegen Hitler macht. Pius XII. war demnach die Schaltzentrale zwischen dem deutschen Widerstand und den Alliierten. Er habe zur Judenfrage geschwiegen – auch gebremst von deutschen Kardinälen wie dem Münchener Michael von Faulhaber –, um hinter den Kulissen den Sturz des Diktators voranzutreiben. „Das letzte Mal, dass Pius während des Krieges öffentlich das Wort ‚Jude‘ äußerte, war tatsächlich der erste Tag, für den sich seine historische Entscheidung belegen lässt, die Ermordung Adolf Hitlers zu unterstützen.“ Das Buch liest sich in typisch amerikanischer Geschichtsschreibungsart fast wie ein Thriller. Manchmal überzieht Riebling die dramaturgischen Effekte. Er stellt zwischen unabhängig verlaufenden Ereignissen geheimnisvolle Bezüge her, wo es sie nicht gibt: „Während Pacelli in der Krypta unter dem Petersdom betete, brannten in der gefürchtetsten Adresse Deutschlands (der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin, dem SS-Hauptquartier; d. Red.) bis spät in die Nacht die Lichter.“

Doch der Autor gibt einen spannenden und faktenreichen Einblick in den deutschen zivilen wie militärischen Widerstand (Moltke, Goerdeler, Canaris, Beck, Oster, Halder, Stauffenberg), die Attentatsversuche auf Hitler und die Rolle der katholischen Kirche. Besonders beeindruckend geschildert sind die Jesuitenpatres Alfred Delp und Augustin Rösch. Dass Pius XII. dabei fast heiliggesprochen wird, lässt den historisch Interessierten etwas ratlos zurück und sollte zu ergänzender Lektüre führen.

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Riebling, Mark

Die Spione des PapstesDer Vatikan im Kampf gegen Hitler

Piper Verlag, München 2017, 496 S., 26 €

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