Massaker in Las VegasDas quälende Warum

Es scheint, die Tragödie wäre leichter zu ertragen, wenn es einen „Grund“ für die Bluttat gäbe. Wir Menschen suchen nach Antworten. Dass das Böse einfach anlass- und grundlos in unsere Welt einbricht, können wir nicht akzeptieren. Nach einem Sinn zu suchen, verstehen zu wollen, ist uns eingepflanzt, von Gott gegeben. Aber was, wenn wir keine Antwort finden?

Zwei Wochen ist es her, dass ein Mann aus einem Hotel in Las Vegas auf die Besucher eines Musikfestivals geschossen hat. 58 Menschen hat der Killer getötet, Hunderte verletzt.

Die Menschen trauern, mit klaren, verständlichen, traditionellen Gesten. Für jedes Opfer wurde am Tatort ein weißes Kreuz mit einem roten Herzen errichtet. Eine Woche nach dem Massaker schalteten die Hotels und Casinos auf der Glitzermeile, dem Las Vegas Strip, die Lichter und die Musik aus: für elf Minuten, genau für die Zeitspanne also, in der der Todesschütze auf die Konzertbesucher feuerte.

Außerdem sprechen die Menschen einander Mut zu. „Wenn die Dinge dunkel werden, strahlt Las Vegas“, verkündet eins der Casinos fast trotzig. In den sozialen Medien lautet der Hashtag, also das Twitter-Losungswort für die Tragödie, „#VegasStrong“ – Las Vegas ist stark. An eine wirkliche Verschärfung der Waffengesetze denkt in Amerika wie üblich kaum jemand. Andere Länder, andere Sitten.

Die Ermittler machen derweil ihre Arbeit. So werden immer neue Details aus der Tatnacht bekannt, immer mehr erfährt die Öffentlichkeit über das Leben des Täters. Doch was noch nicht gefunden wurde, ist das Motiv. Die quälende Frage nach dem Warum bleibt bislang ohne Antwort. War der Täter geistig verwirrt? Hatte er eine psychische Krankheit? Hasste er die Menschen? War er rechtsextrem? War er Dschihadist?

Es scheint, die Tragödie wäre leichter zu ertragen, wenn es einen „Grund“ für die Bluttat gäbe. So sind wir Menschen. Wir suchen nach Antworten, wir wollen wissen. Dass das Böse einfach anlass- und grundlos in unsere Welt einbricht, können wir nicht akzeptieren. Vermutlich ist das ja auch richtig so. Nach einem Sinn zu suchen, verstehen zu wollen, ist uns eingepflanzt, von Gott gegeben. Aber was, wenn wir keine Antwort finden?

„Wer hat gesündigt“, wollen die Jünger Jesu im Evangelium wissen. Sie meinen damit den blindgeborenen Mann. Warum kann er nicht sehen? Dafür muss es doch einen „Grund“ geben. Die Jünger fragen im Raster des alttestamentlichen Tun-und-Ergehen-Zusammenhangs. Es kann doch nicht sein, dass es einem „einfach so“ schlecht geht. Jesus lehrt hier Demut. Seine Antwort weist über das bisherige Denksystem hinaus. „Niemand hat gesündigt.“ Manchmal gilt es auszuhalten, dass man nicht weiß.

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