AntoniuslegendeDer Lohn des inneren Finders

Es ist ungewöhnlich, dass ein zeitgenössischer Autor die Geschichte eines religiös vorbildlichen Menschen aus dem Mittelalter literarisch gestaltet. Michael Köhlmeiers Novelle handelt von dem portugiesischen Adligen Fernando Martim de Bulhões e Taveira, der als Antonius von Padua schon sieben Monate nach seinem Tod in die Liste der Heiligen aufgenommen wurde. Am Todestag dieses außergewöhnlichen Mannes ist die Erzählung angesiedelt. Antonius liegt nach seiner letzten Predigt vor 3000 Menschen zu Tode erschöpft auf dem Vorplatz eines Klosters nördlich von Padua. In Erinnerungen und Rückblenden werden Stationen seines Lebens aufgerufen: die Kinderjahre zwischen dem geistig und pädagogisch souveränen Großvater und dem dogmatisch eng denkenden Onkel, einem Mönch; die Liebe zur Tochter der Geliebten des Großvaters, einer schwarzafrikanischen Muslimin; der Kampf des hochbegabten jungen Mannes mit seinem geistigen Hochmut; sein Eintritt in den Orden zuerst der Augustiner-Chorherren, dann der Franziskaner; seine Tätigkeit als herausragender Prediger, der die Massen erreichen und jedem Einzelnen ins Herz sprechen kann.

Dieser Mann, „der Verlorenes wiederfindet“, ist weit entfernt von jenem „Schutzpatron der Schusseligen“, als der Antonius im Volksglauben kursiert. Als Mensch, der gelernt hat, die eigenen inneren Schätze zu kennen und anzuerkennen, gelingt es ihm, auch seine Hörer und Gesprächspartner ihre verschütteten geistigen und seelischen Vermögen wiederentdecken zu lassen.

Der Antonius der Erzählung steht in einer Reihe von Männern, die die Gabe haben, das Verlorene aufzuheben: Vor ihm sind das sein Großvater und sein erster Abt, die ihn auf den Weg des Selberdenkens weisen. Nach ihm ist das ein junger Mönch, der nicht große Worte macht, sondern sich durch einfache Taten der Nächstenliebe von den Vorschriften der Oberen löst. Am Todestag liegt der große Prediger am Boden – aber mit dem Blick zum Himmel. In den schönen Schlusssätzen zeigt Köhlmeier, dass das Leben des Antonius nicht verloren, sondern von einer höheren Macht heimgeholt ist. Die Erzählung zeigt auch, wie vielleicht unter modernen Vorzeichen die verloren geglaubte Form der Legende noch möglich ist (vgl. Interview mit Köhlmeier S. 469).

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Köhlmeier, Michael

Der Mann, der Verlorenes wiederfindetNovelle

Carl Hanser Verlag, München 2017, 157 S., 20 €

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