SpiritualitätMystik aus dem Geist der Reformation

Ursprünglich sollte der sechste Band von Bernard McGinns Mystikgeschichte unter dem Titel „Die Mystik in der gespaltenen Christenheit, 1500–1650“ erscheinen. Angesichts des Materialreichtums und der sehr unterschiedlichen Entwicklungen der Mystik in diesem Zeitraum werden daraus nun drei Teilbände. Der erste zur protestantischen Mystik liegt jetzt zum Reformationsgedenken vor.

Zunächst gilt der Blick den historischen Gegebenheiten, die mit der Reformation und der katholischen Reaktion darauf, vor allem dem Konzil von Trient, umrissen sind. Martin Luther erscheint als Katalysator der einschneidenden Veränderungen, die zur Spaltung der abendländischen Christenheit geführt haben. Ein erstes Kapitel widmet sich ihm. Weil aus der von Luther angestoßenen Bewegung eine eigene konfessionelle Kirche hervorgegangen ist, wird er als „obrigkeitlich“ bezeichnet, ebenso wie Johannes Calvin, dem als Vertreter des reformierten Protestantismus ein weiteres Teilkapitel zugedacht ist, das sich mit dessen Mystik beschäftigt. Davon unterscheidet McGinn wiederum die Mystik in der radikalen Reformation. Hier finden sich Abschnitte zu den Wiedertäufern und Spiritualisten, die auch durch mystische und apokalyptische Strömungen beeinflusst wurden. Namentlich berücksichtigt werden Andreas Karlstadt, Thomas Müntzer, Hans Denck, Sebastian Franck und Valentin Weigel. In einem dritten Kapitel werden die lutherischen Mystiker Johann Arndt und Jakob Böhme als besonders wirkmächtig behandelt. Und das letzte Kapitel gehört der englischen Reformation, die neben der Mystik der Puritaner eine ganz eigene Mystik-Poesie gezeitigt hat, zu deren Vertreter John Donne, George Herbert und andere zählen.

Wer sich für die Geschichte mystischer Theologie interessiert, sollte McGinn lesen. Trotz der Fülle an Details geht bei ihm der Blick fürs Ganze nicht verloren. Zudem macht der Autor immer wieder deutlich, dass manches sich auch anders bewerten ließe als von ihm empfohlen. Mystik bedeutet bei McGinn Wahrnehmung beziehungsweise Bewusstsein von Gottes Gegenwart. Vor diesem Hintergrund stellt sich allerdings die Frage, ob er sein eigenes weites Mystikverständnis nicht verrät, indem er Luther und die protestantische Mystik insgesamt sehr stark von der mittelalterlichen Einheits- oder Vereinigungsmystik aus bewertet. Warum im Hinblick auf Luther nicht einfach von Glaubensmystik sprechen? Denn auch wenn er die Liebesmystik Bernhards von Clairvaux nicht aufnimmt, ist er doch auf die – verborgene – göttliche Gegenwart ausgerichtet. Zudem scheinen die Kritik Meister Eckharts an veräußerlichter Frömmigkeit und an mystischer Erlebnisgier sowie seine Lehre von der Abgeschiedenheit und Gelassenheit eng verwandt mit Luthers Vorstellung eines „nackten“, angefochtenen Glaubens zu sein. Hier und an anderen Stellen betont McGinn mehr als nötig die Unterschiede, statt die Gemeinsamkeiten zu sehen.

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