Der Mensch: Natur im Geist

Was bedeutet es, wenn wir von „Humanität“ oder „Menschheit“ sprechen? Der Philosoph Volker Gerhardt setzt sich grundlegend mit dieser Frage auseinander. Seine Annäherung an das, was den Menschen ausmacht, seine Anthropologie, spricht zentrale Aspekte der Existenz an: die Bestimmung des Menschen als animal rationale, als, wie Gerhardt übersetzt, „Tier, das seine eigenen Gründe hat“; die Bedeutung der Vernunft; die Aufgabe der Technik; das Wesen des Spiels oder die Rolle von Kommunikation, Öffentlichkeit, Politik und Kunst.

Den Dualismus von Natur und Geist oder Natur und Kultur stellt Gerhardt infrage. Der Mensch ist Natur. Als Menschen können wir uns aus dem Rahmen der Natur gar nicht herausbewegen. Kultur sei daher als eine Form der Natur zu verstehen. Der Autor weiß, dass dieser Zugang zur Natur Irritationen auslösen kann. Jedoch ist seine Haltung gut begründet. Ihm schwebt kein platter Naturalismus vor. Sein Anliegen besteht vielmehr darin, den Natur-Begriff mit Blick auf den Menschen philosophisch neu zu erschließen.

Ausführungen zum Untertitel – „Über den Geist der Menschheit“ – stehen am Ende. Damit spielt Gerhardt auf eine gleichnamige, Fragment gebliebene Schrift Wilhelm von Humboldts an. Diese stellt er Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und der von ihm vorgenommenen Verabsolutierung des Geistes gegenüber. Gerhardt zeigt, dass der in der Geschichte des Denkens so zentrale, aber heute in Vergessenheit geratene Begriff des Geistes ein enormes Potential birgt. Auch dieser könne als eine „Form der Natur“ verstanden werden. Er versammle in sich verschiedene Leistungen des Menschen: natürliche, kulturelle und begriffliche, verweise auf die Gemeinsamkeit aller Menschen und stehe, wie Humboldt ihn verstand, der Tugend nahe. Er sei, so Gerhardt, eins mit dem Begriff der Humanität.

Der „Ausgriff auf ‚Transzendenz‘“ befriedigt laut Gerhardt ein „kulturell weit verbreitetes Naturbedürfnis des Menschen“. Gott könne als der „Grenzwächter des menschlichen Wissens und das Denkmal aller Sinnerwartungen, die sich unter den empirischen Konditionen des menschlichen Lebens nicht erfüllen lassen“, verstanden werden. An ihn, der doch schlechthin unbekannt sei, dennoch zu glauben, bedeute, ihm zu vertrauen. Dies ist für Volker Gerhardt „das denkbar größte Selbstvertrauen“ des Menschen. Es führt nicht zum Fatalismus, sondern stärkt den „Mut zum eigenen Handeln“.

Volker Gerhardt schreibt auch für Nicht-Philosophen und Nicht-Wissenschaftler sehr verständlich. Er stellt sich im Gespräch mit der philosophischen Tradition und anderen Wissenschaften zahlreichen Herausforderungen der Gegenwart und lässt dabei viele problematische Vorurteile über den Menschen hinter sich.

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Gerhardt, Volker

HumanitätÜber den Geist der Menschheit

Verlag C.H. Beck, München 2019, 320 S., 32 €

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