Das Konzil: ein Achtundsechziger?

Der Theologe Peter Neuner, bis 2006 Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie in München, will ermutigen: Der Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils wirke bis heute fort – trotz Glaubensverlusts und lehramtlicher Gegenbewegungen. Wer die Wirkung jenes kirchlichen Weltereignisses angemessen würdigen will, muss auch seine Zeitumstände berücksichtigen – so das Anliegen des Verfassers. Zählt das Konzil zu den „68ern“? In gewisser Weise ja, meint Neuner. Das „Satteljahr“ 1968 stehe auch innerkirchlich für eine Zeitenwende und habe als Katalysator kirchlicher Modernisierungsprozesse gewirkt.

Drei Beispiele müssen hier genügen: Die Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrats im kolumbianischen Medellín gab den Startschuss für die Theologie der Befreiung sowie die Gründung von Basisgemeinden. Auf der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Uppsala präsentierte sich die katholische Kirche als neuer Partner der Ökumene. Auf dem Katholikentag in Essen formierte sich ein neues Selbstbewusstsein der Laien. Das Treffen wurde zur Geburtsstunde eines „kritischen Katholizismus“.

Medellín – Uppsala – Essen: Die drei Städte stehen für Erfahrungen von Kirche, „hinter die es kein Zurück mehr gibt“. Sie stehen aber auch für Kontroversen, die bis heute fortwirken: Wie weit sollen Theologie und Kirche politisch Partei ergreifen und sich gesellschaftskritisch engagieren? Wie bestimmt der Katholizismus sein Verhältnis zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften? Wie weit muss die kirchliche Sexuallehre um neuer humanwissenschaftlicher Erkenntnisse willen reformiert werden? Die Enzyklika „Humanae vitae“ ist für Neuner die große Fehlentscheidung jener Jahre und eine schwere Hypothek bis heute.

Zu den Veränderungen im Gefolge von 1968 haben sowohl jene beigetragen, die sich den Neuaufbrüchen anschlossen, als auch jene, die sich den Neuerungen verweigerten. Bestehende Überzeugungen veränderten oder verstärkten sich. Die Diskussion über die aktuelle Stellungnahme des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. zu den Missbrauchsskandalen bestätigt Neuners Einschätzung.

Etwas kurz kommt das neue Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Die politischen Umbrüche und sozialen Bewegungen jener Zeit werden mitunter allzu gerafft und holzschnittartig dargestellt. Dennoch: Lebendig und flüssig schildert Neuner, welche zentralen Richtungsentscheidungen in den unmittelbaren Folgejahren des Konzils getroffen wurden. Spannend zu lesen vor allem von jenen, welche die damaligen Umbrüche nicht selbst miterlebt haben.

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