Der Mensch – in Leib und Gemeinschaft

Eine neue „Anthropologie des Alten Testaments“ erweitert den Sinn für Glauben und Geschichte.

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Mit dieser Frage, die der Beter der Psalmen voll Staunen und Verwunderung ausruft, beschäftigt sich die biblische Anthropologie. Bernd Janowski hat dazu einen großartigen Gesamtentwurf vorgelegt, der schon jetzt als Standardwerk bezeichnet werden kann. Galt bis dahin die Anthropologie des Alten Testaments von Hans Walter Wolff aus dem Jahr 1973 als maßgebliches Werk, so dürfte nun die beeindruckende Darstellung des emeritierten Tübinger Alttestamentlers an deren Stelle treten.

Was hat sich in den vergangenen vierzig Jahren auf diesem Gebiet getan? Janowskis Darstellung weiß sich in besonderer Weise den Einsichten der sogenannten Historischen Anthropologie verpflichtet. Im Unterschied zur klassischen Philosophischen Anthropologie, in deren Fußstapfen sich gewöhnlich auch die Theologische Anthropologie bewegt, hat die Historische Anthropologie gezeigt, in welch tiefgreifender Weise das Denken und Fühlen der Menschen geschichtlich und kulturell bedingt ist. Aus dieser Einsicht heraus ergeben sich starke Vorbehalte gegenüber allen sogenannten essentialistischen Entwürfen, die unter Absehung kultureller und historischer Vielfalt nach einem zeitlosen Wesen des Menschen fragen und dieses unter der Hand mit normativer Qualität aufladen.

Umfassend mit den Kulturen Ägyptens, Mesopotamiens und des antiken Mittelmeerraums vertraut, zeichnet Janowski das überaus reichhaltige Spektrum der alttestamentlichen Kunde vom Menschen nach. Und doch begeht der Autor nicht den inzwischen häufig anzutreffenden Fehler, die biblische Frage: „Was ist der Mensch?“ durch „eine vage Pluralität von Anthropologien“ zu ersetzen, die den theologisch interessierten Leser ratlos zurücklässt. Zu Recht schreibt der Verfasser, dass die „Rede von der Pluralität der alttestamentlichen Menschenbilder … auch zu einem Dogma werden“ kann. Er vermeidet damit gewisse Einseitigkeiten und Engführungen einiger Richtungen der Historischen Anthropologie, die meinen, „dass die anthropologische Reflexion sich jeglicher Aussage über den Menschen enthalten und die Frage nach anthropologischen Konstanten aufgeben solle“. Es ist dem Verfasser gelungen, im vollen Bewusstsein der geschichtlichen Natur des Menschen eine wahrhaft Theologische Anthropologiedes Alten Testaments zu schreiben.

Im Alten Testament wird der Mensch wesentlich aus seinen Bezügen heraus verstanden: „Die Menschen des alten Israel sind keine fensterlosen Monaden, sondern Wesen, für die die Erfahrung der Leiblichkeit, das Ethos der Gerechtigkeit und das Bewusstsein der Endlichkeit charakteristisch sind… Die Bezüge des Einzelnen zu Gott, zu den Mitmenschen und zu den Tieren machen die alttestamentliche Anthropologie zu einer relationalen oder konstellativen Anthropologie“, so der Verfasser. Der Bezug zu Gott und zu den Mitgeschöpfen gehört zum Kern des alttestamentlichen Menschenbildes. Dieser „Doppelbezug“ ist, wie Janowski bemerkt, in der philosophischen Tradition der Neuzeit, insbesondere von Immanuel Kant (1724–1804), übersehen und „vornehmlich subjekttheoretisch beantwortet worden“: „In der Betrachtung des gestirnten Himmels … kommt der Mensch von Psalm 8 also zu einer anderen ‚Einsicht‘ als das Vernunftwesen Kants.“

Das Werk stellt eine reiche Fundgrube an Einsichten und Auslegungen biblischer Texte und ihrer altorientalischen Hintergründe bereit. Es behandelt die Phasen des menschlichen Lebens „von der Wiege bis zur Bahre“, die Leibsphäre ebenso wie die Sozialsphäre des Menschen, Formen des sozialen Handelns, reale und symbolische Räume und Zeiten als Aspekte der Welterfahrung. Die beeindruckende Vielfalt kann hier nur unzureichend wiedergegeben werden: Geburt und Tod, die Rolle der Geschlechter, die Erfahrung der Leiblichkeit, Gemeinschaft und Barmherzigkeit, das Ethos der Hingabe, Krankheit und Heilung, der heilige Raum, der innere Mensch, Herrschaft und Heil, der leidende Gottesknecht, der betende Mensch, der Sinn des Opfers und viele weitere Themen werden in gut nachvollziehbarer Weise erschlossen. Dabei orientiert sich der Verfasser an drei Ebenen, die miteinander verflochten sind: die natürlichen Lebensbedingungen, die kulturellen Lebensformen und das religiöse Symbolsystem.

Die Ausführungen bewegen sich auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau und sind zugleich sehr verständlich geschrieben. Unter Berücksichtigung umfangreicher Fachliteratur gelangt der Autor zu abgewogenen und gut nachvollziehbaren Urteilen. Das Buch dürfte nicht nur für Theologen, Philosophen und Historiker von Interesse sein, sondern auch für Mediziner und Psychologen, die in zunehmendem Maße an einer integrativen Sicht des Menschen interessiert sind.

Ein Anhang mit 221 Quellentexten vom Gilgamesch-Fragment über akkadische Geburtsbeschwörungen bis hin zu anthropologischen Grundtexten aus dem Koran sowie ein ausführliches Literatur- und Stichwortverzeichnis beschließen diesen reichhaltigen Band. Ludger Schwienhorst-Schönberger

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Janowski, Bernd

Anthropologie des Alten TestamentsGrundfragen – Kontexte – Themenfelder

Mohr Siebeck Verlag, Heidelberg 2019, 805 S., Broschur 44 €, Leinen 99 €

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