„German Dream“? Bürgerkrieg?

Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“ – Wer bei einem solchen Titel Kampfansagen und Stammtischrhetorik erwartet, wird enttäuscht. Die fünfzehn Autorinnen und Autoren sind vor allem eins: vielstimmig. Nüchterne Statistiken wechseln mit bunten Alltagsbeispielen. Die Beiträge springen munter zwischen historischer Vergangenheit und Zukunftsvisionen. Von der Zeit Mohammeds geht es direkt ins Europa der Zukunft. Und während die einen – wie die Journalistin Düzen Tekkal – einen „German Dream“ entwerfen, in dem muslimische Migrantenkinder zu wichtigen Säulen der Gesellschaft heranwachsen, finden auch düstere Warnungen einen Platz. Besonders bei dem aus Syrien stammenden deutschen Politikwissenschaftler und Muslim Bassam Tibi, der bereits die Unterwanderung der Verfassung und die „Vorbedingungen für einen innereuropäischen Bürgerkrieg“ wittert.

Obwohl schon im Vorwort klargestellt wird, was mit dem „politischen Islam“ gemeint ist – „Ausprägungen, die den westlichen Lebensstil zum Feindbild erheben und unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung zu unterlaufen suchen“ –, werden nebenbei verschiedenste Debatten eröffnet. So geht es um das Kopftuchverbot, um den Sinn oder Unsinn von islamischem Religionsunterricht, um Friedensrichter in islamischen Parallelgesellschaften und um zu laxe Urteile gegen muslimische Einwanderer. Einen roten Faden sucht man meist vergeblich, und zu manchen Themen, die nur gestreift werden, hätte man sich Ausführlicheres gewünscht. Dafür bietet sich die Sammlung mit kurzen Kapiteln und übersichtlichen Zwischentiteln zum Blättern und häppchenweisen Lesen an.

Aus den zahlreichen politischen Momentaufnahmen sticht das Kapitel zum Thema „politischer Islam in den Medien“ heraus. Der Journalist Andreas Schnadwinkel kann eindrucksvoll belegen, dass viele seriöse deutsche Medien „oft verdruckst und aus falscher Rücksichtnahme auf ‚die‘ Muslime geradezu zaghaft“ über kritische Entwicklungen berichten oder sich weigern, „dieses vermeintlich verminte Gelände überhaupt zu betreten“ – und es damit kampflos Populisten überlassen. Ein spannendes Thema, das wahrscheinlich einen eigenen kleinen Sammelband wert gewesen wäre.

Der Herausgeber und Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann kann am Ende – ganz Politiker im Wahlkampfmodus – mit einem sehr konkreten Forderungenkatalog schließen, der von einer Altersgrenze für Kopftücher über eine Umstrukturierung des deutschen Moschee-Systems bis zu Änderungen im Strafgesetzbuch reicht. Forderungen, die man nicht teilen muss, über die man aber diskutieren sollte. Und dafür liefert der Sammelband eine solide Grundlage.

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Linnemann, Carsten, Bausback, Winfried (Hg.)

Der politische Islam gehört nicht zu DeutschlandWie wir unsere freie Gesellschaft verteidigen

Verlag Herder, Freiburg 2019, 288 S., 22 €

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