Das Drama der Ost-Christen

Das Christentum begann im Osten, in Asien. Dort hat es in einer schier unüberschaubaren Vielfalt orientalischer Kirchen und Theologien wesentlich die Kulturen mitgeprägt – und geriet doch in die Bedrängnis unter der Vorherrschaft des Islam. Ein Buch klärt die West-Christen auf über eine epochale Tragödie.

In der globalisierten Medienkultur ist angeblich jeder so gut wie mit jedem vernetzt, erfahren wir selbst Skurrilstes, das sich in hintersten Ecken der Welt ereignet. Nur das Schicksal der christlichen Glaubensgeschwister im Nahen und Mittleren Osten scheint unsere abendländische Gesellschaft kaltzulassen. Selbst in den hiesigen Kirchen, in Gottesdiensten, Predigten wird über deren Bedrängnis und Verfolgung in überwiegend islamischen Kulturen, nun in Zeiten des Dschihadismus, so gut wie nichts verlautbart. Dieser Ignoranz könnte das Buch des Arabisten und Islamwissenschaftlers Matthias Vogt, Referent beim Hilfswerk Missio, zumindest ein wenig entgegenwirken.

Der umfangreiche Band geht den Entwicklungen jener Weltregion seit der Endphase des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert bis in die aktuelle Gegenwart nach. Der Autor zeichnet vorsichtige politische Reformbestrebungen, aber auch die Rückschläge jener Region nach, die überaus komplexen, turbulenten, oft kriegerischen, von Rebellionen und Umstürzen bestimmten Verwicklungen, das alles im Kontext verschiedener Allianzen der „Westmächte“ unter Einbeziehung der Rolle Russlands. Dabei suchten die christlichen Minderheiten und Völker – Armenier, Assyrer, Aramäer usw. – je nach Lage den Schutz der Mandatsherrscher, insbesondere Englands und Frankreichs.

Eine westlich gebildete Elite

Das Buch analysiert die wechselnde Lage der Ostkirchen in ihrer Vielfalt im türkischen Hoheitsgebiet, im Iran, Irak, Libanon, in Syrien, Palästina und Israel, Jordanien und Ägypten. Alles wird überlagert von den verschiedensten Identitätsbestrebungen und den Gegensätzen zwischen Türkenturm und Arabertum, zwischen Volksgemeinschaften und Stämmen. Es gab – meistens nur kurzzeitige – Phasen der Entspannung, in denen die örtlich Regierenden im Bemühen um Einheit in ihrem Herrschaftsbereich den christlichen Gemeinden ein wenig mehr „Frei“raum zugestanden. Das wurde aber meistens rasch durch eine scharfe Islamisierungs- oder auch Säkularisierungspolitik zunichtegemacht. Faktisch erlebten die Christen – je nach Gegend – keine Zeit ohne Diskriminierung, Drangsalierung, Verfolgung, ja Vernichtung.

Deutlich dargestellt wird die Spannung zwischen den schon frühen Modernisierungsbestrebungen und dem bildungsmäßigen Aufstieg großer Teile der christlichen Bevölkerung, die für westliche Errungenschaften aufgeschlossenen war, und der Rückständigkeit der beharrenden Kräfte im Volksislam. Doch gerade dieser – nicht der Gelehrtenislam – hat entscheidend das alltägliche Klima bestimmt und stets neue Verdächtigung, Feindschaft und Neid gegenüber den vielfach recht wohlhabenden und ökonomisch erfolgreichen Christen begünstigt.

Diese profitierten von einem immer wieder durch westliche Missionare gestärkten Schulsystem. Die Missionsschulen verschafften den Christen zum Beispiel in Syrien bereits Mitte des 19. Jahrhunderts „einen Bildungsvorsprung vor den Muslimen, der es ihnen ermöglichte – zusammen mit den vergleichsweise wenigen Abgängern der osmanischen Staatsschulen –, eine westlich geprägte Elite zu bilden, die ein Gegengewicht zu den bisher herrschenden religiösen Eliten darstellte und ein säkulares Welt- und Gesellschaftsbild propagierte“, so Vogt. Die neu entstandenen Berufe ergriffen im Nahen Osten nahezu ausschließlich Christen und Juden: Sie wurden „Ärzte, Architekten, Ingenieure, Fotografen sowie Angestellte im Druckereiwesen, in der sich modernisierenden Staatsverwaltung, in der Post- und Telegraphenverwaltung und bei der Eisenbahn. Muslime arbeiteten dagegen weiter im Militär, dem traditionellen Handwerk, dem kleinen und mittleren Handel (im Groß- und Fernhandel wurden sie immer mehr von Christen verdrängt) und in der Landwirtschaft.“

Manche Christen suchten wiederum – in Ablehnung des Osmanentums – zusammen mit Muslimen über die religiösen Grenzen hinweg eine Identität als Araber zu fördern. In einer frühen Phase entstand so ein eigener arabischer Nationalismus mit hoher Wertschätzung der arabischen Sprache. Im Zuge einer literarischen Renaissance wurde die Bibel ins Arabische übersetzt. Russland förderte sowohl über seine „Palästina-Gesellschaft“ als auch über seine kirchliche Mission in Jerusalem und über seine Konsulate „tatkräftig den arabischen Nationalismus der orthodoxen Gläubigen“, der sich wiederum „gegen die griechische Hierarchie“ und „die türkische Herrschaft gleichermaßen richtete“.

Ein besonderes Problemfeld waren stets die innerchristlich widerstreitenden Interessen, auch zwischen Bischöfen verschiedener Kirchen, was nicht nur politische Einschätzungen betraf. Selbst innerhalb derselben kirchlichen Gemeinschaft gab es verschiedene Meinungen zwischen Anpassung ans System, Rückzug in die innere Emigration und Versuchen, am jeweiligen Staatswesen aktiv zu partizipieren. Auffällig ist, wie sehr christliche Intellektuelle zeitweise linksrevolutionäre, sozialistische, ja kommunistische Ideen – manchmal mit separatistischen Neigungen – bevorzugten, weil sie darin Chancen für die Emanzipation aus Unterdrückung vermuteten.

Intellektuell-sozialistische Ideen

Im persischen Aserbaidschan zum Beispiel wurde vor allem die städtische armenische Bevölkerung „durch sozialistische und revolutionäre Ideen aus dem Kaukasus beeinflusst“. Dies schuf, wie Vogt erläutert, „einen wachsenden kulturellen Abstand zur kurdischen und persischen Bevölkerung, die weiterhin an traditionellen Vorstellungen festhielt“. Mit dem Einfluss moderner westlicher Auffassungen sei die Unzufriedenheit der Christen gewachsen, die wie fast überall unter muslimischer Herrschaft als „Schutzbefohlene“ mit stark eingeschränkten Rechten, zum Beispiel bei der Erbschaft, und mit der Pflicht zu einer speziellen Zinsabgabe drangsaliert waren. „Außerdem galten Nicht-Muslime als unrein; diese Unreinheit übertrug sich nach traditionellen schiitischen Vorstellungen über Feuchtigkeit, so dass Nicht-Muslimen untersagt war, bei Regen auf die Straße zu treten.“ Noch in den achtziger Jahren wurde im Iran über diese besondere Unreinheit von Nicht-Muslimen diskutiert. Das ging so weit, dass christliche Kinder in manchen Schulen nicht mehr die allgemeinen Wasserhähne benutzen durften. Nicht-Muslime waren aus der Produktion in der staatlichen Getränkeindustrie ausgeschlossen. In den christlichen Dörfern Aserbaidschans beziehungsweise den armenischen Siedlungen um Isfahan wurden diese Regeln zwar nie beachtet, und auch etliche schiitische Religionsgelehrte setzten sich über die entsprechenden religiösen Vorschriften hinweg, doch weckten sie unter den gebildeten Christen mehr und mehr Zorn darüber, zurückgesetzt zu sein.

Je nach Landstrich und Siedlungsgebiet stellte sich die Situation verschieden dar. Mal waren die Christen eher unbehelligt, mal schwer verfolgt bis zum Massenmord. Das Buch macht in aufklärerischer Weise deutlich, dass die Behauptung eines früher friedlichen Zusammenlebens muslimischer wie christlicher Staatsbürger ein purer Mythos ist, wenn es auch immer wieder Versuche gab, eine Art staatsbürgerliche Gemeinsamkeit zu fördern.

Die geplünderten Häuser

Wie kann es weitergehen? Anhand des Irak stellt der Autor eine düstere Prognose: „In der vom ‚Islamischen Staat‘ heimgesuchten Region lebte mehr als ein Viertel der irakischen Christen. Die Dschihadisten sind zwar zurückgedrängt, aber die Menschen kehren erst zögerlich in ihre Dörfer zurück. Dass Christen nach Mossul zurückgehen, ist für viele nach dem, was dort in den letzten fünfzehn Jahren geschehen ist, kaum denkbar. Das Vertrauen in die kurdischen Peshmerga und in die schiitischen Milizen, die für die irakische Zentralregierung die Rückeroberung der Ninive-Ebene erreicht haben, ist bei den Christen gering. Hatten Christen bei einer ersten Inspektion ihrer Häuser unmittelbar nach der Befreiung diese weitgehend unversehrt vorgefunden, mussten sie einige Wochen später feststellen, dass sowohl Peshmerga als auch irakische Milizen zahlreiche Häuser geplündert und in Brand gesteckt hatten.“ Zwischen 2014 und 2017 hat bereits mehr als ein Drittel der Binnenflüchtlinge den Irak verlassen. Mit den Christen verschwindet eine in Jahrhunderten gewachsene Zivilisation verschiedenster Religionen, Kulturen und Völker.

Der gesamte Orient hat die überwältigende Mehrheit seiner Christen, die einst die arabische Kultur wesentlich mitgeprägt, ja bedeutend mitentwickelt hatten, wegen der stets wiederkehrenden Gewaltwellen und einer oft miserablen wirtschaftlichen Lage bereits unwiederbringlich verloren. Vogt spricht von einer „kulturellen Katastrophe“. Es ist ein unabgeschlossenes Drama in vielen Akten, ein unermesslicher Verlust nicht nur für das gegenüber dem Westkirchentum sehr eigenständige Ostkirchentum, sondern ebenso für die arabische Zivilisation und deren Chancen auf Weiterentwicklung und Fortschritt.

Der Band enthält etliche Farbfotos, einen Kartenteil sowie eine reichhaltige Literaturliste. Leider fehlen ein Namens- und Stichwortregister und ein Glossar, das Fachbegriffe und die historisch gewachsene Vielfalt der Kirchen, ihrer Theologien (Christologien) und die Fülle orientalischer Rechtsakte knapp erklärt.

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Vogt, Matthias

Christen im Nahen OstenZwischen Martyrium und Exodus

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Academic, Darmstadt 2019, 477 S., 75 €

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