Peter Heine
Islamwissenschaftler
Prof. Dr. Peter Heine, geb. 1944, ist ein Islamwissenschaftler und Nahost-Experte im Ruhestand. Von 1994 bis 2009 war Peter Heine Professor für Islamwissenschaft des nicht-arabischen Raumes an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Auch Länder mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung sind von Corona betroffen. Die Mehrheit der religiösen Autoritäten geht mit der Pandemie pragmatisch um. Auch die Einschränkungen des religiösen Lebens werden weitgehend akzeptiert.
Hinter den aktuellen Auseinandersetzungen im Nahen Osten stehen konfessionelle und kulturelle Divergenzen zwischen Sunniten und Schiiten. Dabei geht es aber kaum um dogmatische Konflikte, sondern um politische Machtfragen. So war es schon in der Frühzeit des Islam. Der Einfluss des Westens seit 1945 verschärft die Situation.
Das Gespräch mit Peter Heine über Islam als fremde und nahe Religion (einfach leben, Juli 2016) hatte große Resonanz. Rudolf Walter fragt erneut bei dem Islamwissenschaftler nach: Was bedeutet es – nicht nur für den anderen, sondern auch für uns selbst –, wenn der Respekt in einer Gesellschaft schwindet?
Umfragen zeigen: Das Thema Islam beunruhigt. Aber auch wenn der Islam für viele eine fremde und ungekannte Religion ist, sagt der bekannte Religionswissenschaftler Peter Heine im Gespräch mit Rudolf Walter, gibt es wichtige Anknüpfungspunkte – gerade in der Begegnung mit Flüchtlingen.
In der Theorie ist die Türkische Republik immer noch ein laizistischer Staat. Mit Recep Tayyib Erdogan spitzt sich eine Entwicklung zu, aufgrund derer muslimische Organisationen wieder an Einfluss gewonnen haben. Die zu erwartenden gesellschaftlichen und sozialen Konflikte werden sich demnächst auch und vor allem auf religiöser Ebene zeigen.
Die derzeitigen Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien haben ihren Ursprung in einer komplexen Gemengelage. In der gegenwärtigen Form reichen sie bis in das Jahr 1979 zurück. Mittlerweile hat sich der Konflikt zur Machtfrage ausgeweitet. Können diplomatische Verhandlungen einer weiteren Zuspitzung entgegenwirken?
Zur Vielschichtigkeit und Pluralität des Islam gehören die Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten. Im Iran, aus dem eine größere Gruppe der deutschen Muslime stammt, begegnet man einer schiitischen, aber auch vorislamischen Tradition, welche in besonderer Weise tragend und strukturgebend für die Gesellschaft ist.
Die weit überwiegende Mehrzahl der muslimischen Gelehrten lehnt Selbstmordattentate ab. Entsprechend werden die Attentäter von ihnen auch nicht als Märtyrer angesehen. Aus der Perspektive der muslimischen Rechtsgelehrsamkeit und den verbreiteten Traditionen zeigt sich eine große Vielfalt des muslimischen Märtyrerbegriffs.
In den vergangenen 50 Jahren hat das Fasten für Muslime an Bedeutung gewonnen. Dabei ist modernen muslimischen Rechtsgelehrten bewusst, dass die Fastenregeln des Ramadan eine schwere körperliche Belastung darstellen. Allerdings lässt sich in Regionen mit einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung diese Belastung leichter ertragen als in einer Minderheitensituation.
Politische Veränderungsprozesse lassen sich in Ägypten wie in der Türkei an konkreten Orten festmachen. Der Kairoer Tahrir-Platz steht für die ägyptische Revolution der letzten Jahre, der Gezi-Park in Istanbul für die Proteste gegen die Regierung Erdogan. In beiden Fällen haben sich zivilgesellschaftliche Protestkulturen herausgebildet, die an den westeuropäisch-amerikanischen Jugendaufstand der Jahre um 1968 denken lassen.
Der Islam ist keine einheitliche Religion, das zeigen nicht zuletzt die Auseinandersetzungen in den Ländern des „arabischen Frühlings“. Zwar stellen die Sunniten die große Mehrheit der Muslime, aber auch sie kennen verschiedene Rechtsschulen, und Schiiten und Sunniten trauen sich vielfach nicht über den Weg. Auch in den Ländern, in denen Muslime als durch Migration entstandene Minderheit präsent sind, macht sich die islamische Vielfalt bemerkbar.
Muslime wehren sich nicht zu Unrecht dagegen, dass ihre Religion als intolerant dargestellt wird. Aber wird nicht etwa schon der Abfall vom Islam mit dem Tode bestraft? Die Lage stellt sich komplizierter dar. Folgenschwer war die Entstehung der wahhabitischen Bewegung auf der Arabischen Halbinsel.
Der Koran und die anderen autoritativen Texte des Islam sehen den Sexualtrieb als Geschenk Gottes an die Menschen an. Er hat nicht nur eine Reproduktionsfunktion, sondern soll den Menschen auch Freude machen. Wie bei vielen anderen Tatbeständen des islamischen Rechts waren die Durchsetzung sexualethischer Regeln und die Bestrafung bei Zuwiderhandlungen von den wechselnden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig.
Wenn wie jetzt im Kontext des „Arabischen Frühlings“ von der möglichen Einführung der Scharia die Rede ist, entstehen rasch Schreckensbilder, kursiert eine Menge von Missverständnissen. Das islamische Recht aber ist vor allem ein komplexes und flexibles System von Vorgaben, Vorschriften, methodologischen Regelungen und Traditionen, das sich ständig weiter entwickelt.
Das Ergebnis der Parlamentswahl im Irak zeigt vor allem eins: Die irakische Bevölkerung ist die religiösen und konfessionellen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre leid. Für die unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften im Irak hatten die konfessionellen und ethnischen Spannungen der letzten Jahre vielfältige negative Konsequenzen. Die massive Abwanderung oder Flucht der Christen ins Ausland wird sich daher wohl weiter fortsetzen, trotz vieler Bleibe-Appelle der Kirchenleitungen.
Lange Zeit war Islamwissenschaft ein kleines Fach im Windschatten des öffentlichen Interesses. Das hat sich spätestens seit dem 11. September 2001 gründlich geändert. Heute haben Islamwissenschaftler es schwer, den Islam in seiner ganzen Weite und Vielfalt zu vermitteln, weil vielfach Klischees und Vorurteile das Feld beherrschen.
Für Muslime überall auf der Welt gilt die Pflicht, einen Teil ihres Eigentums Armen zur Verfügung zu stellen. Eine wichtige Rolle spielen dabei islamische Stiftungen zur Finanzierung karitativer Tätigkeit. Auch die Muslime in Deutschland unterliegen der traditionellen Sozialsteuer, die aber bisher nicht zentral eingezogen wird.
Dass das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahlen im Juni gefälscht wurde, stellt kaum ein Beobachter in Frage. Wie immer suchte das iranische Regime die Gründe für die Demonstrationen und die Unruhen im Ausland. Tatsächlich aber steht die politisch-religiöse Elite des Landes vor einigen Problemen, sind beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Fraktionen der schiitischen Gelehrtenschaft unübersehbar.
Der Verbotsantrag gegen die türkische Regierungspartei AKP ist diesen Sommer vor dem Verfassungsgericht gescheitert. Aber die Auseinandersetzungen um Laizismus und Islam gehen in der Türkei weiter. Sie kristallisieren sich nicht zuletzt an der Frage des Kopftuches, das an den Universitäten nach wie vor Tabu ist.
Von Anfang an hatte der Iran in der islamischen Welt eine Sonderstellung, die durch die Einführung des Schiitismus als Staatsreligion im 16. Jahrhundert noch verstärkt wurde. Bis heute besteht eine enge Verbindung zwischen dem Bekenntnis zur Schia und der nationalen Identität, die sich nicht zuletzt in einem iranischen Überlegenheitsgefühl äußert.
Neben der Mehrheit der Sunniten gibt es seit der Frühzeit des Islam die Schiiten als Minderheit, die im Mittleren Osten derzeit viel von sich reden macht. Die beiden muslimischen „Konfessionen“ unterscheiden sich traditionell in ihren Ritualen und in der jeweiligen Stellung der Rechtsgelehrten. Mit politischen Allianzen zwischen Sunniten und Schiiten ist auch weiterhin nicht zu rechnen.
Hilft auch das reiche Saudi-Arabien den Erdbebenopfern in Pakistan als in Not geratenen muslimischen Glaubensbrüdern? Welchen Stellenwert haben Solidarität und Nächstenliebe im Islam überhaupt? Die Abgabe vom eigenen Vermögen ist der Pflicht zu Glaubensbekenntnis und Gebet gleichgestellt.
Neuer Präsident der Islamischen Republik Iran ist der bisherige Teheraner Bürgermeister Mahmud Ahmadi-Nedjat. Er steht der konservativen religiösen Führung des Landes nahe, kennt aber gleichzeitig die Alltagssorgen der armen Bevölkerungsmehrheit, die auf eine Verbesserung der Lebensumstände setzt. Die Konflikte um die Rolle der schiitischen Geistlichkeit im Iran sind ungelöst.
Seit dem Sieg seiner Partei im November 2003 hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dem Land einschneidende Reformen verordnet, die zum Teil in der Praxis erst noch greifen müssen. Mit der Entscheidung der EU zugunsten von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei hat er seinen bisher größten Erfolg erzielt. Im Verhältnis Staat – Islam gab es bislang nur vorsichtige Veränderungen.
In der Islamischen Republik Iran haben die Befürworter einer umfassenden Kontrollfunktion des schiitischen Klerus die Parlamentswahlen in diesem Frühjahr gewonnen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem die junge Generation der ständigen Überwachung durch islamische Sittenwächter überdrüssig ist. Das Land lässt sich gegenüber dem Westen längst nicht mehr abschotten.
Pakistan wurde seinerzeit als islamischer Staat gegründet und gehört heute zu den Ländern mit der größten Zahl von Muslimen. Seit Jahrzehnten schwelt der Konflikt mit Indien um die Provinz Kaschmir, gleichzeitig ist Pakistan in die Entwicklungen mit Afghanistan einbezogen. Der politische und gesellschaftliche Einfluss islamistischer Bewegungen ist in Pakistan insgesamt relativ gering.
In der islamischen Welt insgesamt sind die Schiiten eine Minderheit, im Irak stellen sie die Mehrheit der Muslime. Seit der Gründung des irakischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg ist der schiitische Bevölkerungsteil mit seinen Religionsgelehrten und Stammesführern ein Machtfaktor. Unter Saddam Hussein politisch klein gehalten und verfolgt, beanspruchen die Schiiten im Nachkriegsirak eine entscheidende Rolle.
Die Türkei steht derzeit unter besonders genauer Beobachtung. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Frage, ob es dem islamischen und gleichzeitig laizistischen Land gelingt, die politische und kulturelle Modernisierung in der Annäherung an die europäischen Standards entscheidend voranzubringen. Die Parlamentswahlen im vergangenen November waren jedenfalls eine deutliche Zäsur.
Unter den islamischen Ländern nimmt der Iran religiös-kulturell wie politisch eine Sonderstellung ein. Seit der „Islamischen Revolution“ wird das politische System des Landes vom schiitischen Islam geprägt. Es befehden sich verschiedene politisch-ideologische Strömungen; die offenen und liberalen Kräfte sind derzeit massivem Gegenwind ausgesetzt.
Die unlängst abgehaltenen Parlamentswahlen im Iran haben den Anhängern des reformorientierten Staatspräsidenten Khatami Aufwind verschafft. Mit einfachen Schemata ist die politische Lage in der Islamischen Republik Iran allerdings nicht zu fassen. Peter Heine, Professor für Islamwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, skizziert die verschiedenen Strömungen und Gruppierungen, die um die Macht ringen.
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