Begegnungen. Peter Heine im GesprächRespekt und Toleranz

Das Gespräch mit Peter Heine über Islam als fremde und nahe Religion (einfach leben, Juli 2016) hatte große Resonanz. Rudolf Walter fragt erneut bei dem Islamwissenschaftler nach: Was bedeutet es – nicht nur für den anderen, sondern auch für uns selbst –, wenn der Respekt in einer Gesellschaft schwindet?

Rudolf Walter: Leben wir in einer respektlosen Gesellschaft?
Peter Heine: Da müssten wir erst definieren, was Respekt bedeutet. Fußballer, die „zu viel Respekt“ vor ihrem Gegner haben, kritisiert der Sportreporter und meint: Angsthasen. Und wenn einer Respekt einfordert, ist immer auch die Frage, ob er ihn wirklich verdient. Ich kann mich erinnern, dass wir als Schüler aufstanden, wenn der Lehrer ins Klassenzimmer kam. Wir hatten Respekt, weil er Lehrer war. Nicht weil er ein guter Lehrer war. Heute hätte ein unvorbereiteter Lehrer eher Schwierigkeiten. Die Achtundsechziger sahen in der Forderung nach Respekt ein Anzeichen für autoritären Charakter. Die Gesellschaft ist allerdings seither nicht automatisch humaner geworden. In der Anonymität des Internet wird zunehmend Häme und Aggression verbreitet. Beliebte TV-Unterhaltungssendungen beschäftigen sogar „Gag“-Schreiber, die für Moderatoren wie Dieter Bohlen Respektlosigkeiten gegenüber Schwächeren vorformulieren.

Trotzdem wissen wir höfliche, freundliche Umgangsformen zu schätzen. Wir respektieren, wenn jemand persönliche Autorität hat. Und wissen umgekehrt, dass es ungehörig ist, wenn jemand erniedrigt oder missachtet wird.
Klar: Respekt ist ein kostbares Gut in der alltäglichen Kommunikation, ja im Zusammenleben überhaupt. Respekt gegenüber dem Alter: Das war nicht nur Anerkennung einer Lebensleistung, es hatte auch Schutzfunktion gegenüber Schwächeren. Respekt hatte – und hat – befriedende Funktion. Das Wort – vom lateinischen respicere – hat ja mit Schauen zu tun, mit Hinsehen. Rücksicht meint: den anderen beachten. Und das hängt wieder mit Ansehen und Achten zusammen. Mit dem Beachtetwerden hängt zudem Wertschätzung zusammen. Nur so kann ich einem anderen auch gerecht werden. Und das heißt: ihn gelten lassen, ihn in seiner Andersheit akzeptieren bzw. bestätigen, ihm zu dem verhelfen, was ihm zusteht und was er braucht. Wenn Menschen positive Wahrnehmung verweigert wird, können sie zugrundegehen, das fängt schon bei Kindern an.

Noch einmal: Ist Respekt als gesellschaftlicher Wert insgesamt im Schwinden?
Es gibt immer noch Gesellschaften, in denen Respekt verbreitet ist, insbesondere die traditionellen nahöstlichen (nicht nur muslimische, sondern auch christlich geprägte) Gesellschaften, wo Eltern, Älteren überhaupt, Geistlichen, Lehrern solcher Respekt erwiesen wird. (Auch wenn sich nicht alle, die aus diesen Gesellschaften kommen, noch an diese Werte halten). Und bei uns? Die Gesellschaft ist kälter geworden, von Leistungsdenken, Konkurrenz und Egozentrik geprägt. In Berlin beklagen sich beispielsweise Polizisten, dass keiner Respekt vor ihnen hat, und das nicht nur in den sozialen Brennpunkten. Wieso soll man auch schon vor einer Uniform Respekt haben – wenn man nicht einsieht, dass es Funktionen in einer Gesellschaft gibt, die Chaos verhindern, Ordnung und Zusammenleben ermöglichen?

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Ist Respekt etwas Gegenseitiges?
Wir fühlen uns bestärkt und motiviert, wenn sich andere uns freundlich zuwen den. Wer Respekt zeigt, wird leichter Respekt ernten. Wer Vertrauen und Fairness zeigt, erwartet das gleiche vom Gegenüber. Respekt setzt Annäherung voraus. Aber er achtet – und akzeptiert – auch Grenzen. Ich respektiere jemand, meint auch: Ich lasse ihn in seinem Anderssein. Ich akzeptiere sein Anderssein. Und erwarte, dass sich der andere mir gegenüber ähnlich verhält.

Als der Friedensnobelpreisträger Dalai Lama kürzlich von Jugendlichen gefragt wurde, was gegen die Gewalt in der Welt helfen könne, sagte er lapidar: „Bildung und Respekt“.
Das sehe ich genauso! Respekt ohne Bildung, ohne Informiertheit – das führt zu Kadavergehorsam. Aber auch Kritikfähigkeit verschafft man sich nur durch Bildung. Dann weiß man, dass alle Probleme komplizierter sind als sie scheinen. Ich weiß, dass der andere die Dinge anders sehen kann als ich. Das ermöglicht, bei aller Kritik, die Verbindung von Respekt und Toleranz. Es braucht Information und eine wertschätzende Haltung dem anderen gegenüber.

Man kann niemand respektieren, der etwas Schlechtes oder gar Böses vertritt. Konkret: 60 Prozent der Deutschen halten den Islam für eine schlechte Religion, sagen Umfragen. Warum fällt es uns gegenüber dem Islam so schwer, das Positive zu sehen?
Oft werden kulturelle Klischees oder Vorurteile auf die Religion insgesamt übertragen. Wir wissen schon wenig über unsere eigene Religion, und noch weniger über den Islam. Respekt kann man nur haben, wenn man sich für den anderen interessiert. Und wenn man sich auch selber respektiert – und realistisch sieht. Dazu gehört auch Wissen: „Ausbreitung der Religion mit Feuer und Schwert“, das findet man auch in der christlichen Religionsgeschichte. Und als „Kreuzzug“ hat der damalige US-Präsident Bush noch seine Invasion in den Irak bezeichnet.

Ist der Islam selbst eine Religion des Respekts?
Der Islam ist vielfältig. In der mystischen Tradition des Sufismus ist die Liebe zentral. Doch, verkürzt und verallgemeinernd gesagt, ist der Islam bei aller Unmittelbarkeit des Gottesbezugs des Gläubigen, eine Religion des distanten Respekts gegenüber Gott, dem Herrn der Welt. Das formt das gesellschaftliche Gefüge und die sozialen Beziehungen. Es gibt eine Reihe von Koranversen zum Verhalten gegenüber alten Eltern. Sie verlangen Freundlichkeit. Man sieht das daran, dass man ihnen die Hand küsst, sich vor ihnen verbeugt etc. Gegenüber Fremden ist das besonders deutlich: Man kann in Teheran oder Isfahan nicht an einer Verkehrskreuzung warten, ohne von jemandem gefragt zu werden, ob er helfen kann.

Und wie steht es mit der Toleranz im Islam?
Wie auch in der Geschichte des Christentums: Theorie und Praxis stimmen nicht immer überein. In der theologischen Hochburg der Schiiten, in Ghom, gibt es einen jüdischen und christlichen Lehrstuhl, aber keinen sunnitischen! Wir sollten übrigens nicht vergessen: Die Zahl der Muslime, die unter den Konflikten der islamischen Welt, die „dem Islam“ angelastet werden, leiden und gelitten haben, ist sehr viel größer als die der Nichtmuslime. 190.000 Muslime sind seit dem Ausbruch des „war of terror“ umgekommen.

Und das Christentum – ist es toleranter? Seit dem Dekret über die Religionsfreiheit akzeptieren Katholiken, dass auch in anderen Religionen Wahrheit zum Ausdruck kommen kann. Aber auch das zeigt sich erst in der Praxis des Umgangs. Toleranz kommt von „tolerare“ und heißt: jemand zu dulden bzw. zu respektieren, obwohl man seine Auffassung nicht teilt. Es heißt: das Befremdende ertragen. Ich lasse jemand, auch wenn ich nicht alles an ihm gut finde.
Was kann man tun, um den Respekt zu stärken und Begegnung zu ermöglichen?
Bildung, Bildung. Bildung! Und Offenheit, mit der man auf den anderen zugeht. Vielleicht sollte man auch optimistischer sein. Denken wir an den „Deutschen Glaubenskrieg“ zwischen Lutheranern und Katholiken im 19. Jahrhundert, als man glaubte, die preußisch-protestantischen höheren Verwaltungsbeamten würden den Katholiken die Töchter wegheiraten. Das ist auch vorbei. Gottseidank!

Und auf unsere heutige Situation übertragen?
Lesen Sie das Buch von Hatice Akyün „Hans mit scharfer Sauce“. Der muslimische Vater, Gastarbeiter in Duisburg, verlangt, als die Zeit kommt, von seiner Tochter, sie möge endlich heiraten: „Aber auf jeden Fall einen Moslem. Und natürlich einen Türken!“ Als sich nichts tut, sagt er: „Braucht kein Türke zu sein, Hauptsache Moslem“. Und schließlich: „Bring doch irgendeinen mit!“ Toleranz kann sich also in konkreten Lebensumständen entwickeln. Zum Glück.

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