Ratzinger verstehen

Wir sind Papst! Die Schlagzeile der größten deutschen Boulevardzeitung am 20. April 2005, einen Tag nach der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst, war genial und verblüffend zugleich. Denn der Theologieprofessor und gestrenge Präfekt der Glaubenskongregation stand bis dahin nicht unbedingt im Ruf der Volkstümlichkeit. Jetzt war er „Unser Joseph Ratzinger“. Fünfzehn Jahre später stellt der Journalist und Buchautor Peter Seewald im Vorwort seiner mächtigen Biographie des „Papa emeritus“ fest: „Die Welt ist zutiefst gespalten, wenn es darum geht, Benedikt XVI. zu verstehen und einzuordnen. Er gilt als einer der klügsten Denker unserer Zeit, gleichzeitig blieb er eine Reizfigur.“

Seewald bohrt tief, um zu klären, wer Ratzinger „wirklich“ ist. „Der Junge“, so ist der erste Teil der Studie überschrieben, der die – bayerischen! – Wurzeln und die Jahre des Krieges im Leben des 1927 geborenen wortmächtigen Denkers auslotet. „Pontifex“, so der Titel des letzten Teils, der sowohl vom „Benedetto-Fieber“ und von der „Ökologie des Menschen“ als auch vom „Skandal des Missbrauchs“ und dem „Rücktritt“ zu berichten weiß. Rund 1100 Seiten benötigt der Autor für diesen Lebensweg, und auch wenn er gegebenenfalls „ein großzügiges Umblättern“ empfiehlt, so bleibt der Leser von der ersten bis zur letzten Seite „dran“. Das gilt auch und gerade für die Zeit vor der römischen Karriere, für die Zeit vor der Berufung zum Leiter der Glaubenskongregation im Frühjahr 1982. Aufschlussreich der Blick auf Ratzingers bayerische Traumlandschaften, erhellend die Wiedergabe seiner „Schlüssellektüren“, spannend die Darstellung seiner keinesfalls bruchlosen akademischen Karriere.

Und dann das epochale Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils, bei dem der junge Peritus, der theologische Berater des Kölner Kardinals Josef Frings, zu den vorwärtstreibenden Kräften gehörte. „Frings und sein Chefberater“, kann Seewald in einem „Deutsche Welle“ überschriebenen Kapitel formulieren, „hatten das Konzil gedreht. Aus einer Minderheit an reformorientierten Kräften war eine Mehrheit geworden.“ Ob der spätere Bischof und Papst dem „Geist des Konzils“ treu blieb oder aber angesichts der widersprüchlichen Folgen und der rasanten Säkularisierung der westlichen Gesellschaften eine merkliche Kehrtwende vollzog – diese Frage gehört zu den wichtigsten und zugleich umstrittensten in der Biographie des „vermutlich größten Theologen, der jemals auf dem Stuhl Petri saß“.

Peter Seewald beantwortet die meisten kontroversen Fragen „pro Ratzinger“, also auf eine Weise, die in den bisherigen Rezensionen als „apologetisch“ bezeichnet wurde. Gleichwohl – und in mancher Hinsicht gerade deswegen – ist die Lektüre unbedingt lohnend. Kritische bis hasserfüllte Kommentare zum Leben und Wirken des katholischen Würdenträgers gibt es genug. Seewald lässt uns „die andere Seite“ anschauen. Sein Werk ist ein großer Wurf, eine anspruchsvolle Vorlage für alle künftigen Biographen.

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Seewald, Peter

Benedikt XVI. Ein Leben

Droemer Verlag, München 2020, 1150 S., 38 €

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