Macht und Ohnmacht

Auf dem Buchmarkt hatte Karl V. zuletzt zur Jahrtausendwende Konjunktur, Anlass war damals sein 500. Geburtstag. Jetzt, 500 Jahre nach seiner Kaiserwahl (1519) und seiner Krönung in Aachen zum „König der Römer“ (1520), erscheint wieder eine Biographie – und zwar eine wirklich lesenswerte. In dreizehn Kapiteln wird dieses Leben chronologisch entfaltet, beginnend an Karls Geburtsort Gent in Flandern und endend in Yuste in der spanischen Extremadura, wo er gestorben ist. Dazwischen sehen wir ihn unter anderem beim spanischen Herrschaftsantritt in Valladolid, bei der Annahme der Kaiserwahl in Frankfurt und Aachen, in Worms mit dem Mönch aus Wittenberg, in Sevilla bei der Hochzeit mit Isabella von Portugal, in Bologna und Augsburg bei Kaiserkrönung und Konfessionsreichstag, in Tunis beim Kreuzzug gegen die Türken, in Spanien beim Versuch, die Probleme der Neuen Welt mit neuen, indianerfreundlichen Gesetzen zu regeln, in Mühlberg und Augsburg beim Ringen mit den Protestanten, in Brüssel bei der Abdankung (als Einziger in der langen Reihe Römischer Kaiser).

Geschildert wird ein Leben zwischen Macht und Ohnmacht. Karl V. erscheint als ein Herrscher, dem das Wichtigste – die Rettung der Einheit in der Christenheit, die dauerhafte Überwindung der türkischen Gefahr, eine Lösung für die Konflikte in der Neuen Welt, eine gute Nachfolgeregelung – fehlgeschlagen ist. Von anderen Biographien setzt sich diese dadurch ab, dass sie der religiösen Dimension Karls V. als Motiv für manche seiner Entscheidungen große Bedeutung beimisst. So räumt der Autor zwar ein, dass das innerste Motiv der Abdankung im Dunkeln bleibt, da wir nicht in die Seele eines Menschen hineinschauen können. Zugleich aber äußert er die wohlbegründete Vermutung, dass dies zur Sicherung seines Seelenheils geschah, eine Gewissensentscheidung also angesichts des von seinem Bruder Ferdinand ausgehandelten Kompromisses mit den Protestanten, der zum Augsburger Frieden und zur faktischen Anerkennung der Kirchenspaltung führte.

Der renommierte Konfessionalisierungshistoriker Heinz Schilling sieht in Karl V. eine von der „Devotio moderna“, von Adrian von Utrecht, von Erasmus und auch von Bartolomé de Carranza geprägte „katholische“ Frömmigkeit, die allerdings mit der „Fundamentalfeindschaft des konfessionellen Zeitalters“ nach seinem Tode nicht gleichgesetzt werden darf. Luther und Karl, der Reformator und der Kaiser, waren für Schilling die eigentlichen Gegenspieler, weil es beiden darum ging, Europa oder die Christenheit nach ihren je eigenen Prinzipien neu zu gestalten. Während es Karl in Europa nicht gelang, seine Vision einer katholischen Welt durchzusetzen, trug er entscheidend dazu bei, dass diese in der Neuen Welt Gestalt annahm. Auch wenn man die Akzente anders legen könnte, ist Schilling ein schönes Buch gelungen, das viele Anregungen für eine neue Sicht auf den ersten Kaiser eines Weltreiches enthält.

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Schilling, Heinz

Karl V.Der Kaiser, dem die Welt zerbrach

Verlag C.H. Beck, München 2020, 448 S. mit 37 Abb. und 3 Karten, 29,95 €

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