Facetten des Friedens

Kann christliche Spiritualität Verunsicherung in Krisenzeiten auffangen und womöglich sogar zum Frieden führen? Schon vor Corona war das eine brisante Fragestellung. Und ein Thema, über das sich Ordensleute sowie Dozenten der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Kapuziner in Münster anlässlich eines Studientags Gedanken machten. Daraus wurde ein Buch, und die jeweiligen Beiträge zeigen deutlich, wo sich die Schreibenden in der Welt verorten: ob eher in geschlossener Gesellschaft, auf Lehre und Tradition verweisend – oder aber der Moderne zugewandt und bereit, auf die Probleme der Zeit zu reagieren und daraus für die Seelsorge zu lernen.

Niklaus Kuster, Fachmann für die Geschichte der Kapuziner, zeichnet in seinem Beitrag zu Franz von Assisi dessen Lebensweg im Dienst des Friedens nach und stellt die zehn franziskanischen Optionen für interreligiöse Begegnungen vor. Während sich der Diplomtheologe Gerhard Hotze in der Bibel auf die Suche nach Szenen der Verunsicherung macht – und derer gibt es viele! –, weist der Psychotherapeut Dieter Funke auf die seelischen Voraussetzungen zu friedvoller Haltung hin. Auch wenn der Kirchenhistoriker Christian Uhrig in einem ausführlichen Exkurs in die Spätantike von der Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum erzählt, betreibt er dennoch nicht nur Rückschau, sondern sagt: Bei allem, was der Mensch in der Geschichte erleben musste, sei das Bewusstsein, in Gott aufgehoben zu sein, der zuverlässige Schutz vor gänzlicher Verunsicherung. Die Pastoraltheologin Katharina Karl (einzige Frau unter den mehr als zwanzig männlichen Autoren) meint: In unserer „Risikogesellschaft“ seien wir zwar frei, selbst zu entscheiden, aber wir müssen auch die Folgen tragen können, denn in Ausbildung und Partnerschaft könne man scheitern. Aber gerade dort, wo die Machbarkeit ihre Grenzen hat, sei Gottes Wirken besonders spürbar.

Der Theologe Thomas Dienberg schließlich führt aus: „Warum sind … so viele theologische Auseinandersetzungen und Verlautbarungen von Seiten der institutionellen Kirche so leblos, so wortreich, so erfahrungsfremd … Lernen Seelsorger, Seelsorgerinnen aus der Moderne nichts?“ Spiritualität sei Erleben, sei Emotion, nicht wie in der Lehre nur „Logik und Schlussfolgerungen“, und sie sei da, wo man sie nicht vermutet, beispielsweise in der Fridays-for-Future-Bewegung. „Weht nicht hier … der Geist Gottes, in ganz anderem Gewand und womöglich säkularisiert?“ Verunsicherung auszuhalten, über diese bekannte Forderung geht Dienberg hinaus: Verunsicherung setze vielmehr Prozesse in Gang und öffne neue Türen (etwas, was wir im kreativen Umgang mit Corona jeden Tag erleben dürfen).

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Möllenbeck, Thomas / Schulte, Ludger (Hg.)

FriedenSpiritualität in verunsicherten Zeiten

Aschendorff Verlag, Münster 2020, 446 S., 29,80 €

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