Interview mit Rabbiner Walter Homolka„Die Enteignung der Bibel kommt immer wieder vor“

Die Bibel wird von Christen immer wieder vereinnahmt, dabei besteht sie zu 70 Prozent aus dem jüdischen Text. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz hat deswegen die „Herder Korrespondenz“ kritisiert. Rabbiner Walter Homolka begründet die Verärgerung und erklärt, welche Konsequenzen Christen und Juden aus der mangelnden gegenseitigen Wahrnehmung ziehen sollten.

Rabbiner Walter Homolka im Interview
© Volker Resing

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz hat unserer Spezial-Ausgabe zur Bibel deutliche Mängel attestiert. Was genau ist die Kritik an dem Heft?

Walter Homolka: Die christliche Bibel besteht zu vielleicht 70 Prozent aus dem Alten Testament, also der Hebräischem Bibel, dem Tanach. Dies ist der heilige Text für uns Juden und war auch der heilige Text, auf den sich die ersten Christen bezogen haben. Sie haben dann das sogenannte Neue Testament hinzugefügt und die Hebräische Bibel als ihr „Altes Testament“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund muss man die Kritik der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands verstehen: Wenn die Redaktion der Herder Korrespondenz nur christliche Autoren zur Bibel befragt, dann fällt der Blickwinkel der jüdischen Urheber unter den Tisch.

Die Redaktion hat das Defizit fehlender jüdischer Autoren bereits eingeräumt. Doch inwieweit weist die Kritik darüber hinaus?

Homolka: Über Jahrhunderte hinweg war das Verhältnis des Christentums zum Judentum geprägt von Usurpation und Entwertung des Textes, den der Jude Jesus als seinen heiligen Text verehrt hat. Durch siebzig Jahre christlich-jüdischen Dialog haben wir Deutungsmuster wie „Verheißung“ und „Erfüllung“ hinter uns gelassen. Daher empfinde ich es als nachvollziehbar, wenn Rabbiner Andreas Nachama und meine Kollegen und Kolleginnen sensibel darauf reagieren, dass Juden und Jüdinnen nicht zu Wort kommen, wo es um unsere heiligen Schriften geht.

Wieso wird die jüdische Theologie in Deutschland zu wenig öf-fentlich rezipiert?

Homolka: Es ist als Meilenstein zu werten, dass der Wissenschaftsrat in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ 2010 eine Pluralisierung der Theologien an deutschen Universitäten für geboten hielt. Dies unterstützte die Einrichtung von Zentren Islamischer Theologie an verschiedenen Standorten in Deutschland und führte 2013 auch zur Errichtung der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam. Das Fach selbst ist schon in den 1830er Jahren in Verbindung mit der Wissenschaft des Judentums als neue akademische Disziplin entstanden, entwickelte sich aber infolge der Ressentiments christlicher Theologen und der Obrigkeit zunächst außerhalb staatlicher Einrichtungen. Dem 1854 gegründeten Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau wurde 1931 von der preußischen Regierung gestattet, den Zusatz „Hochschule für jüdische Theologie“ zu führen; es blieb aber wie die 1872 gegründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin eine private Einrichtung. Bis zu deren erzwungener Schließung durch die Nationalsozialisten folgte man notgedrungen einem dualen System: die theologische Ausbildung erfolgte an den Seminaren, ein umfangreiches Studium Generale und der akademische Abschluss in einem benachbarten Fach wie Orientalistik oder Philosophie an der Universität Breslau oder der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

Seit 20 Jahren bildet das von Ihnen gegründete Abraham Geiger Kolleg Rabbinerinnen und Rabbiner aus, 2013 kam das Uni-Institut hinzu. Was hat sich inzwischen verbessert?

Homolka: Seit unserer Institutsgründung in Potsdam erhalten wir alljährlich eine Einladung des Katholisch-Theologischen Fakultätentags, um über unsere Entwicklung auf deren Jahresversammlung zu berichten. Das finde ich eine schöne Geste. Erlauben Sie mir aber die Beobachtung: christliche Theologie in Deutschland ist oft sehr insular, der Austausch könnte generell intensiver sein. Christlicherseits nutzt man lieber die ausgetretenen Pfade, anstatt Neuland zu betreten.

Welches Neuland hat die jüdische Theologie betreten?

Homolka: Ausschlaggebend für die Gründung des Abraham Geiger Kollegs war vor allem die Zuwanderung von über 200.000 Menschen jüdischer Herkunft aus der früheren Sowjetunion in die Bundesrepublik. Es gab einen großen Bedarf nach Professionalisierung, nach Geistlichen, die kulturell und sprachlich mit den neuen Gegebenheiten der jüdischen Gemeinden in Deutschland vertraut waren. Daneben galt es auch Frauen den Zugang zur jüdischen Theologie als Studienfach und Beruf zu ermöglichen. Das Kolleg ist oft als ein Motor der jüdischen Renaissance bezeichnet worden. Wir knüpfen dabei an die erfolgreiche akademische Rabbinerausbildung in Deutschland vor der Shoah an und setzen dieses Erbe in aktuelle Bezüge. Dazu gehören auch neue Schwerpunkte wie Religionspädagogik, Biblische Archäologie oder „Spiritual & Pastoral Care“. Zudem hat sich 2013 endlich der Wunsch erfüllt, den Rabbiner Abraham Geiger schon 1836 formulierte: die erstmalige Einrichtung einer jüdisch-theologischen Abteilung an einer staatlichen Universität.

Wer studiert heute jüdische Theologie und strebt das Rabbinat an?

Homolka: Im Wintersemester sind hundertundsechzig Studierende eingeschrieben gewesen, von denen sich dreißig auf das jüdisch-geistliche Amt vorbereiten. Dazu kommen derzeit zwölf Promovierende. Unsere künftigen Rabbiner und Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen kommen aus ganz Europa, Israel und Lateinamerika; die über vierzig Absolventen des Abraham Geiger Kollegs arbeiten in jüdischen Gemeinden in Deutschland, aber auch in Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Österreich, Schweden, Tschechien und Ungarn, in Südafrika, Israel und in den USA. Wir kooperieren bei der Rabbinerausbildung mit der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität in Moskau und wirken stark nach Osteuropa. Die Strukturen in den Herkunfts- und Arbeitsländern sind sehr unterschiedlich; daraus ergibt sich, dass wir in unserem Ansatz weit über den deutschen Tellerrand hinausblicken müssen.

Das Judentum ist sehr vielfältig, was verbindet die Studierenden?

Homolka: Gemeinsam ist allen Studierenden die Liebe zu den jüdischen Traditionen, das Interesse an der Gestaltung religiöser Praktiken und Rituale sowie ihr Enthusiasmus, aktiv an der Zukunft jüdischen Lebens in Europa und darüber hinaus mitzuwirken. Viele reizt, dass hier vor über zweihundert Jahren die Ausdifferenzierung des Judentums in seine unterschiedlichen religiösen Richtungen begonnen hat. Deutschland ist die Wiege des modernen Judentums.

Kann es sein, dass das Judentum in Deutschland noch immer zu stark historisch, politisch, kulturell, aber zu wenig religiös-theologisch wahrgenommen wird?

Homolka: Da haben Sie sicherlich recht. Ohne eine jüdisch-theologische Einrichtung waren die Arbeitsfelder jahrzehntelang stark historisch-kulturell geprägt. Mit der Errichtung der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam sind wir aber zu theologischen Kernfragen gelangt. Zum einen ziehen wir Bilanz: Über unser Projekt einer Encyclopedia of Jewish-Christian Relations bilden wir eine internationale Schnittstelle für die Erarbeitung des Standes theologischer Auseinandersetzung zwischen Juden- und Christentum. Dann haben wir uns den jüdischen Beiträgen zur historisch-kritischen Bibelwissenschaft zugewandt. Dazu gehört auch im weitesten Sinne die jüdische Leben-Jesu-Forschung. Im Juni 2020 erscheint dazu bei Herder mein Buch „Der Jude Jesus. Eine Heimholung“. Und schließlich sind wir auch zu systematischen Kernfragen vorgedrungen. Hier lautet die jüdische Frage an die christliche Theologie: Wie kann christlich glaubwürdig von Jesus gesprochen werden, ohne das Judentum herabzuwürdigen oder zu vereinnahmen?

Wie nehmen Sie diese Herabwürdigung genau wahr? Zur inhaltlichen Frage der jüdischen Bibelwissenschaft und ihrer mangelnden Rezeption nehmen die Autoren in unserem Heft durchaus Stellung.

Homolka: Es geht um die jüdisch-theologische Sprachfähigkeit ebenso wie um die Augenhöhe im Dialog mit den anderen Theologien. Wenn im Bibel-Sonderheft christliche Theologen über die Hebräische Bibel sprechen, ohne dass wir Juden selbst zu Wort kommen, empfinde ich das im Sinne der postkolonialen Theorie als Enterbung. Die Redaktion hätte sensibel sein und die Deutungshoheit des Judentums beachten müssen, wenn es um die Hebräische Bibel geht. Diese Art Enteignung kommt immer wieder vor. „Die Bibel ist den Juden abhandengekommen – sie müssen sie wiederhaben!“ erklärte etwa Rabbiner Ludwig Philippson, als er 1854 seine Bibel-Übersetzung aus jüdischer Perspektive vorlegte. Ihre eindringliche Sprache überträgt den hebräischen Wortlaut kongenial und machte die Philippson-Bibel zu einem Bestseller, der über Generationen hinweg die jüdische Glaubenspraxis prägte. Positiv ist daher zu vermerken, dass Philippsons populäre Bibelübersetzung inzwischen in einer zeitgemäßen Edition im Verlag Herder erschienen ist, herausgegeben von Hanna Liss, Rüdiger Liwak und mir. Damit hat Herder einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass heute der jüdische Blickwinkel für jeden zugänglich ist. Das ist eine monumentale Leistung, die Maßstäbe gesetzt hat. Das HK Spezial blieb hinter diesen Maßstäben leider zurück.

Was muss weiter passieren, um dem jüdischen Blickwinkel mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen?

Homolka: In der Tat muss sich auch bei jüdischen Theologinnen und Theologen mehr und mehr noch das Bewusstsein durchsetzen, dass öffentliche Wirksamkeit nur durch Debatte und Beiträge zu erlangen ist. Es ist sicher richtig, das muss ich der Herder Korrespondenz zugutehalten, dass es nicht so einfach ist, jüdische Autoen zu finden. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit der jüdischen Theologie. Ein großer Wunsch wird sich zum Jahresende erfüllen, wenn wir das Hofgärtner- und Kastellanshaus am Neuen Palais in Potsdam als bleibendes Domizil beziehen. Hier besteht die Chance, ein europäisches Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit zu errichten. Mit der Gründung des Abraham Geiger Kollegs 1999 und der School of Jewish Theology 2013 in Potsdam konnten ja schon wesentliche Grundlagen dafür geschaffen werden. Die geistige und geistliche Konsolidierung erfordert aber Durchhaltevermögen und Zeit. Immerhin stehen über 700 christliche theologische Lehrstühle mit oft jahrhundertealter Tradition in Deutschland unseren fünf jüdischen Theologie-Professuren gegenüber. Wir werden also noch große Anstrengungen unternehmen müssen, um unseren Aufgaben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und im Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften gerecht werden zu können. Unser neues Domizil schafft Präsenz, aber diese Sichtbarkeit bedeutet auch große Verantwortung und verlangt nach Schutz. Nicht nur seit Halle ist Sicherheit eine unabdingbare Frage.

Wie virulent ist die Judenfeindschaft innerhalb des Christentums heute?

Homolka: Feindschaft ist weitgehend dem Bemühen um Verstehen gewichen. Aus meiner Erfahrung ist der Annäherungsprozess zwischen Juden und Christen aber kein einmaliger Vorgang, sondern ein immerwährender Prozess. Ein Beispiel: 1734 erschien die sogenannte Wertheimer Bibel in der Übersetzung des Wolffianers Johann Lorenz Schmidt konsequent rationalistisch, ohne eine christologische Interpretation des Alten Testaments. Wer aber weiß heute noch um den Ertrag der theologischen Aufklärung im 18. Jahrhundert? Ich kann mich selbst noch an tiefe emotionale Begegnungen erinnern zwischen engagierten Christen und Christinnen, die mit jüdischen Religionsphilosophen wie Schalom Ben-Chorin und Pinchas Lapide in eine enge geistige Beziehung getreten sind. Dank dieser Begegnung mit dem Judentum haben Persönlichkeiten wie Friedrich-Wilhelm Marquardt und Clemens Thoma eine behutsame Umdeutung der christlichen Frömmigkeit vermocht. Diese beispielgebenden Impulse entfalten jedoch heute kaum noch Wirkung. Schon eine Generation später sind wesentliche Errungenschaften der Siebziger- und Achtzigerjahre kaum mehr spürbar.

Wie muss eine Erneuerung des Annäherungsprozesses weiter geführt werden? Was müssen die Kirchen tun?

Homolka: Institutionen wie der Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, der Deutsche Koordinierungsrat und die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag sind wichtige Institutionen. Für die Ausbildung von TheologInnen möchte ich das Institut Kirche und Judentum an der Humboldt-Universität nennen, das Theologische Studienjahr an der Dormitio-Abtei in Jerusalem oder das Programm „Studium in Israel“ der EKD. Auch gibt es für die Pastoren- und Priesterausbildung klar formulierte Grundsätze, wonach das Verständnis des Judentums integrativer Bestandteil der geistlichen Ausbildung sein sollte. Es kommt nun darauf an, diesen Anspruch auch mit Leben zu erfüllen. Die Evangelischen Kirchenbünde haben 2017 formuliert: „Antisemitismus ist Gotteslästerung“. Für die Umsetzung solcher Mahnungen und Appelle bleibt noch viel Raum.

Sie kennen auch die amerikanische und die britische Gesellschaft. Wie unterscheiden sich die Debatten über jüdische Theologie von der deutschen Situation?

Homolka: Ich habe große Teile meines eigenen Studiums im angloamerikanischen Kontext absolviert. Mich erstaunt noch immer, wie hermetisch abgetrennt sich die theologischen Diskussionszusammenhänge im deutsch- und im englischsprachigen Raum darstellen. Da ist wenig gegenseitige Wahrnehmung. Nicht zuletzt deshalb sage ich das, weil meine englischsprachigen Bücher in Deutschland kaum Widerhall finden. Deshalb erscheint mein Ertrag der jüdischen Leben-Jesu-Forschung von 2015 und 2018 jetzt bei Herder auch in deutscher Sprache.

Was können wir vom Juden Jesus lernen?

Homolka: Christen müssen sich immer wieder vor Augen führen, dass Jesus ganz und gar Jude gewesen ist, dass seine Gedanken nur innerhalb eines jüdischen Kontexts richtig gedeutet werden können und dass er keine eigene Religion stiften wollte. Schon gar nicht eine, die dann die Triebfeder geworden ist für eine Jahrhunderte währende Herabwürdigung, Demütigung und Entwertung des jüdischen Glaubens – der doch auch der Glaube Jesu war. Juden haben diese düstere Wirkungsgeschichte Jesu lange gespürt. Es ist ihnen aber seit Ende des 18. Jahrhundert Stück um Stück gelungen, in Jesus den jüdischen Bruder wiederzuentdecken und ihn damit heimzuholen in sein jüdisches Umfeld. Das gilt nicht nur für die Theologie, sondern auch für die Literatur und für die Bildende Kunst, gerade auch im heutigen Israel. Damit haben sich Juden nicht Christus als ihrem Erlöser angenähert, sondern einem Jesus, dessen Leiden sie im jüdischen Kontext brüderlich zu deuten wissen.

Welche Bedeutung hat das Neue Testament für das heutige Judentum?

Homolka: Leo Baeck hat das Neue Testament als Midrasch begriffen und dazu 1938 „Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte“ veröffentlicht. Ich arbeite gerade an der deutschen Fassung von „The Jewish Annotated New Testament“ von Amy-Jill Levine und Marc Zwi Brettler mit. In diesem Zusammenhang sei auch unsere in Europa einmalige Potsdamer Forschungsprofessur Neues Testament in jüdischer Perspektive genannt, die Kathy Ehrensperger innehat. Aus all diesen Projekten lassen sich wertvolle Erkenntnisse gewinnen, wie man das Neue Testament in seinem jüdischen Zusammenhang verstehen kann.

Was interessiert Sie persönlich an der Figur Jesus?

Homolka: Ich finde, dass Jesus von Nazareth einen neugierig macht auf das Judentum als die Religion, die ihm so wichtig war. Er hat in seinen Lehren pointierte Positionen zu innerjüdischen Fragestellungen vertreten. Ich höre oft den Widerhall seiner rabbinischen Zeitgenossen, wenn ich das Neue Testament lese. Es fasziniert mich, dass durch die Wirkungsgeschichte Jesu der Gott Israels Menschen in aller Welt ergriffen hat. Umso mehr wünsche ich mir, dass das Judentum als „Gottes erste Liebe“ (Friedrich Heer, 1967) von Christen respektiert und wertgeschätzt wird.

Das Judentum gilt als die Mutter des Monotheismus. Doch in der heutigen Gesellschaft ist der Glaube an Gott an sich auf dem Rückzug. Was sagt die aktuelle jüdische Theologie zum Gotteszweifel und zur Gottvergessenheit des 21. Jahrhunderts?

Homolka: Das Judentum ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man im Rahmen einer Werte- und Schicksalsgemeinschaft die Welt als Gottes Schöpfung hüten und verbessern kann, selbst wenn man sich mit dem Gottesbezug schwertut. Gott selbst braucht unsere Verehrung nicht, solange wir nach Gottes Willen handeln. Deswegen haben sich immer wieder Juden für eine Verbesserung unserer Welt eingesetzt, darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie beispielsweise Rosa Luxemburg, Walther Rathenau oder Martin Buber. Das Religiöse und das Säkulare sind im Judentum untrennbar miteinander verwoben. Wir kommen seit der Auflösung des Sanhedrins im Jahre 425 unserer Zeitrechnung gut ohne zentrale Instanz oder Autorität aus. Ein jeder ist in einen ständigen Entscheidungsdiskurs eingebunden, der zwar mühsam ist, aber jedem die Möglichkeit gibt, gehört zu werden. Das Gefühl echter Teilhabe beugt möglicher Entfremdung vor.

Zum Schluss, welchen jüdischen Theologen würden Sie dringend zur Lektüre empfehlen?

Homolka: Mein langjähriger Mentor Rabbiner Ernst M. Stein, dessen ersten Todestag wir gerade begangen haben, empfahl immer „Die Lehren des Judentums nach den Quellen“ in drei Bänden (1928–1930). Hier findet man zu allen Themen die wesentlichen jüdischen Literaturauszüge. Ich habe das Werk zusammen mit den Rabbinern Tovia Ben-Chorin und Walter Jacob 1999 neu herausgebracht. Ganz aktuell lese ich mit Vergnügen „Sacred Attunement. A Jewish Theology” von Michael Fishbane (Chicago 2008). Eine deutschsprachige Übersetzung steht noch aus.

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