Pilgerndes Denken

Eine originelle Pointe dieser Glaubenssumme ist das Kapitel „Glauben und Fühlen“. In der Tat ist das Bedürfnis nach ganzheitlicher Spiritualität groß, und es ist höchste Zeit, die emotionalen Dimensionen des christlichen Glaubensvollzugs herauszuarbeiten. Jürgen Werbick tut dies überzeugend in Fortsetzung seiner jüngst erschienenen Spiritualität der Angstwahrnehmung, ganz auf der Spur einer zeitgemäß ausgelegten Inkarnationstheologie und in Anknüpfung an christliche Liebesmystik. „Sich wichtig fühlen dürfen“ – das wird zu einer Leitperspektive christlichen Gottesglaubens.

Auch von Leidenschaft, von Pathos und Kompassion wäre zu reden. Glaube ist jedenfalls keineswegs nur Inhalt, der gewusst und gelehrt werden kann. Es gehört immer die pragmatische und die emotional-expressive Dimension dazu. Diese Achtsamkeit auf die Zeichen der Zeit und das Lebensgefühl des interessierten Zeitgenossen ist für das ganze Werk bezeichnend. Werbick gehört zu den seltenen Systematikern, die beides können: „hohe“ Theologie und Vermittlung derselben in und mit den „Niederungen“ des banal gelebten Lebens. Die langjährige Lehr- und Vortragstätigkeit zahlt sich hier aus, nicht minder das religionspädagogische Interesse und gewiss die Erfahrungen des dreifachen Familienvaters.

Die vierzehn Kapitel spannen einen weiten Bogen, vom abgründigen Faktum „puren“ Menschseins bis zum ausdrücklich christlichen Gebet. Zuerst wird ausführlich entfaltet, was man „Lebensglauben“ nennen könnte und wozu jeder Mensch schon durch sein Dasein genötigt ist: Er muss sich zu sich selbst verhalten und ein Verhältnis zu sich gewinnen – nicht unbedingt durch Reflexion, aber durch die Lebenspraxis. Dieses „Grundvertrauen“, dem die Erst- und Letztfragen entspringen, bietet die Grundlage, um von verschiedenen Glaubensweisen sprechen zu können – areligiöse und religiöse, atheistische und theistische. Auf diesem Fundament kann dann das vierte Kapitel von der Besonderheit biblischen Glaubens handeln: Stand gewinnen in Gott und von Jesus ins Gespräch gezogen werden. Vom Auferstehungsglauben ist ausführlich erst in Kapitel 13 die Rede.

Dass Glaube und Vernunft sich wechselseitig zu bestimmen haben, kennzeichnet die Musik des ganzen Werkes und wird eigens entfaltet: Gottesglaube ist nicht gegen die Vernunft, sondern über sie hinaus, wie schon Leibniz formulierte. Entsprechend gehören Glauben und Wissen unterschieden zusammen, und der Zweifel erweist sich für beide als produktiv. Mit Recht wird eigens entfaltet, dass der christliche Glaube Freiheit voraussetzt und freisetzt, und zwar wesentlich in „Werken“. Durchgängig ist damit die für das Gott-Mensch-Weltverhältnis entscheidende Kommunikation ins Zentrum gerückt, was besonders hinsichtlich des christlichen Erlösungsverständnisses an Bedeutung gewinnt. Nicht zufällig endet das reichhaltige Werk mit sensiblen Ausführungen zum Gebetsglauben.

Werbicks Denken und Schreiben ist zutiefst dialogisch geprägt, fragend und tastend, offen und öffnend im Zeitgespräch. In immer neuen Anläufen werden zentrale Sachverhalte bedacht, erwogen und zur Sprache gebracht – und das mit einer Fülle kostbarer Zitate und in großer Belesenheit. Das bringt Anschaulichkeit und zieht in spannende Gesprächs- und Lernprozesse hinein. Bisweilen kann es redundant wirken und das präzise Erfassen des im Titel versprochenen Standorts erschweren. Aber dieses „Fest-Stehen in Gott“ ist ja in der Tat ein ständiges Pilgern auch im theologischen Be-Denken. Und das ist hier zu lernen. Dazu könnte es hilfreich sein, bestimmte Zentralsätze auch optisch hervorzuheben und damit Lesehilfen zu geben. Gotthard Fuchs

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Werbick, Jürgen

Christlich glaubenEine theologische Ortsbestimmung

Verlag Herder, Freiburg 2019, 432 S., 40 €

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