Konfession und PolitikÉtienne François: Europa war ein „katholisches Projekt“

Die Europäische Union ist aus Sicht des Berliner Historikers Étienne François aus einem Projekt überzeugter Katholiken entstanden. Bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 sei nur ein einziger Protestant beteiligt gewesen. „Es wurden viele Anregungen der Päpste übernommen, dass der christliche Glaube zu einem friedlichen Verhältnis zwischen den Nationen führen sollte“, sagte François, der von 1999 bis 2006 am Frankreichzentrum der Technischen Universität Berlin und anschließend am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin Lehrstühle für Neuere Geschichte innehatte, während eines Fachgesprächs der der CDU nahestehenden Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Konfession und Politik“, das am 26. Juni 2019 in Berlin stattfand.

„Sehr wichtig war der Grundgedanke: Ein Europa des Friedens auf Basis der Versöhnung.“ Heute dagegen erlebe man laut François einen Einflussverlust des Katholizismus und den Beginn einer Identitätskrise der katholischen Kirche. Auch wenn etwa 70 Prozent der europäischen Bevölkerung Christen seien und die Hälfte davon Katholiken: „Wir wissen, dass die Häfte derer, die sich als Christen bezeichnen, nicht an Gott oder die Auferstehung von Christus glauben“, sagte François. Heute beriefen sich Politiker wie Jarosław Kaczyński, Viktor Orbán oder MatteoSalvini nur deswegen demonstrativ auf das Christentum, um damit den Islam dann besser angreifen zu können.

Der Potsdamer Religionswissenschaftler Johann Evangelist Hafner berichtete von den Ergebnissen einer Studie zur religiösen Zusammensetzung der Brandenburger Landeshauptstadt. Während 46 Prozent der Protestanten und 66 Prozent der Katholiken die religiöse Aktivität ihrer Eltern übernehmen, werde Konfessionslosigkeit zu fast 100 Prozent vererbt. Im Straßenbild der Brandenburger Landeshauptstadt sei fast keine religiöse Aktivität mehr sichtbar. Die Fronleichnamsprozession der örtlichen Katholiken führe über einen Busparkplatz und eine Skateranlage, statt quer durch die Fußgängerzone zu ziehen. „Der eingeigelte Weg der Überwinterungszeit in der DDR herrscht immer noch in den Köpfen vieler Gemeindeglieder vor“, so Hafner.

Benjamin Lassiwe

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