Endlich sterben?

Der Fall Vincent Lambert zeigt: Wer in grundlegenden ethischen Fragen nicht utilitaristisch argumentiert, steht unter Fundamentalismusverdacht.

So gelang es dem französischen Staat, das zu tun, was der Großteil seiner Familie seit Jahren versucht hatte: Vincent Lambert zu töten.“ Das schrieb der französische Schriftsteller Michel Houellebecq am 11. Juli 2019 in der Tageszeitung „Le Monde“. Am Morgen desselben Tages war der 42-jährige Wachkomapatient Vincent Lambert in einem Universitätsklinikum in Reims gestorben, nachdem er mehr als eine Woche lang kein Wasser und keine Nahrung mehr erhalten hatte. „Vincent Lambert darf endlich sterben“ titelten viele Medien, als der französische Kassationsgerichtshof einen jahrelangen Rechtsstreit unter den Angehörigen des Patienten beendet hatte. Frankreichs oberstes Gericht habe den „Weg für einen Behandlungsstopp freigemacht“, hieß es.

Das Beispiel zeigt, wie unterschiedlich inzwischen das Framing für wichtige ethische Fragestellungen funktioniert. Im vorherrschenden Mediendiskurs „darf“ Vincent Lambert sterben, indem man seine „Behandlung“ einstellt. Für Michel Houellebecq ist Vincent Lambert vom französischen Staat „getötet“ worden.

In einem ähnlichen Fall hat sich im Jahr 2007 die Glaubenskongregation geäußert. Es ging um die 2005 in Florida verstorbene Patientin Terri Schiavo. Die Kongregation stellte damals fest: „Die Verabreichung von Nahrung und Wasser, auch auf künstlichen Wegen, ist prinzipiell ein gewöhnliches und verhältnismäßiges Mittel der Lebenserhaltung.“ Solange sie ihr Ziel erreiche, den Patienten mit Wasser und Nahrung zu versorgen, sei sie „verpflichtend“, denn sie verhindere Leiden und Tod durch Verhungern und Verdursten. Auch wenn Ärzte mit „moralischer Gewissheit“ erklärten, dass ein Patient das Bewusstsein nie wieder erlangen werde, bleibe er „eine Person mit einer grundlegenden menschlichen Würde, der man deshalb die gewöhnliche und verhältnismäßige Pflege schuldet, welche prinzipiell die Verabreichung von Wasser und Nahrung, auch auf künstlichen Wegen, einschließt.“

Papst Franziskus twitterte: „Lasst uns keine Zivilisation aufbauen, die Menschen eliminiert, deren Leben unserer Meinung nach nicht mehr lebenswert ist: Jedes Leben hat einen Wert, immer.“ Die französischen Richter und auch der größere Teil der Öffentlichkeit sahen das anders.

Nun wäre Vincent Lambert schon viel früher gestorben, wenn seine Eltern nicht – gegen seine Ehefrau – durch alle Instanzen für das Leben ihres Sohnes gekämpft hätten und aus seinem Fall nicht eine öffentliche Debatte geworden wäre. Die „Welt am Sonntag“ (30.6.2019) wusste zu berichten, dass hinter der Sache „katholische Fundamentalisten mit rechtsextremen Überzeugungen“ stünden: Lamberts Eltern seien Anhänger der Piusbruderschaft. Ein wehrloser Wachkomapatient wäre hier also, anstatt ihn „endlich sterben“ zu lassen, für die Agenda ultrakonservativer Pro-Life-Aktivisten missbraucht worden.

Ist mithin die Meinung, es gebe eine moralische Pflicht, Wachkomapatienten mit Wasser und Nahrung zu versorgen, eine fundamentalistische Position?

Im Alltagsdiskurs, unter vielen säkularen Ethikern, aber auch in der Gesetzgebung und Rechtsprechung dominieren inzwischen utilitaristische Argumente. Welchen Sinn soll es aus einer solchen Perspektive haben, „so“ zu leben (vom Zustand eines Gemüses war in der französischen Debatte die Rede)? Und wodurch rechtfertigt sich eigentlich der Aufwand, Patienten jahre-, ja jahrzentelang zu pflegen, die aller Voraussicht nach nie wieder das Bewusstsein erlangen werden? Wer dagegen vor allem deontologisch argumentiert, wer also davon ausgeht, dass bestimmte Handlungen in sich gut oder schlecht, erlaubt oder verboten sein könnten, unabhängig von den Konsequenzen, wer also trotz aller Einwände meint, dass Vincent Lambert ein Recht hatte, Wasser und Nahrung zu erhalten, steht vielleicht schon unter Fundamentalismusverdacht.

Damit wird es insbesondere für katholische Stimmen schwieriger, im ethischen Diskurs Gehör zu finden. Denn man muss nicht bis zur Piusbruderschaft schauen, um festzustellen, dass vor allem in Fragen des Lebensschutzes diejenigen Positionen, die am wenigsten offen für Nützlichkeitsargumente sind, meinst von katholischen Vertretern stammen. Auch im Deutschen Ethikrat finden sich die katholischen Mitglieder in vielen Fällen in der – zumeist weniger permissiven – Minderheitenposition wieder. Die Frage, warum es eigentlich so ist, dass fast nur noch Katholiken so argumentieren, steht auf einem anderen Blatt.

Gleichzeitig gibt es inzwischen hierzulande auch Stimmen im katholisch-theologischen Nachwuchs, die öffentlich von einem Recht auf Abtreibung sprechen – und damit freilich nur das sagen, was gesellschaftlich mittlerweile sehr große Plausibilität besitzt. Der Anpassungsdruck steigt. Wenn es aber nicht mehr gelingt, konsequent zu begründen, dass das menschliche Leben einen intrinsischen Wert besitzt, der nicht durch Nützlichkeitserwägungen außer Kraft gesetzt werden kann, wenn es also nicht mehr möglich ist, das grundlegende Recht auf Leben zu verteidigen, dann sieht es auch schlecht für die Begründung der übrigen grundlegenden menschlichen Rechte aus.

Denn in der Tat: Vincent Lambert war am Leben. Houellebecq schreibt: „Er war nicht einmal am Ende seines Lebens. Er lebte in einem bestimmten psychischen Zustand, von dem das Ehrlichste sein würde, zu sagen, dass wir darüber fast nichts wissen.“

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