Ein Gespräch mit Gnesens Erzbischof Wojciech Polak, dem Primas von Polen„Ehrlich: Ich habe in 30 Jahren nie davon gehört“

Jetzt spricht Primas Polak über die Reaktionen der Gläubigen, hochrangigen Besuch aus Rom und die Möglichkeit

Gnesens Erzbischof Wojciech Polak, Primas von Polen, im  Gespräch
© www.prymaspolski.pl Jerzy Andrzejewski

Herr Erzbischof, der Dokumentarfilm „Nur sag es niemandem“ hat in Polen eine neue Debatte über sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker ausgelöst. Wissen Sie noch, wann und wie Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben?

Primas Wojciech Polak:Das war gleich am 11. Mai, an dem Tag, als er auf Youtube veröffentlicht wurde, noch zur selben Stunde. Der Regisseur Tomasz Sekielski hatte den exakten Zeitpunkt der Veröffentlichung ja vorher auf seiner Website angekündigt. Es war ein Samstagabend, und ich war gerade in Krakau, wo am nächsten Tag das Fest des Heiligen Stanislaus gefeiert werden sollte. So konnte ich den Film gleich zusammen mit den Experten des Zentrums zum Schutz Minderjähriger sehen, einer Einrichtung der Jesuiten in Krakau. Ich habe ihn danach aber noch häufiger gesehen.

Was ist Ihnen im ersten Moment durch den Kopf gegangen?

Polak: Ich habe einfach großen Schmerz gespürt. Schmerz und auch Scham. All diese Menschen, die unter Priestern gelitten haben, auf ganz unterschiedliche Weise, in unterschiedlichen Situationen – es ist eine Schande. Vor allem wird in dem Film deutlich, dass die Opfer ja nicht nur gelitten haben, als sie noch Kinder oder Jugendliche waren – sie leiden als Erwachsene noch immer unter dem, was man ihnen angetan hat. Umso mehr hat es mich beeindruckt, dass es in der Dokumentation mehrere Opfer wagen, ihren Peinigern von früher gegenüberzutreten. Das geschieht sehr selten. Wenn wir mit Fällen von Missbrauch zu tun haben, wollen die meisten Opfer keine solchen Konfrontationen, weil es für sie einfach nicht zu ertragen wäre. Es war das erste Mal, dass ich solche Begegnungen gesehen habe.

Der Film erzählt an ausgewählten Beispielen, wie katholische Priester sich immer wieder an Kindern und Jugendlichen vergingen, ohne dass die Kirchenoberen etwas dagegen unternahmen. Was davon kam für Sie persönlich eigentlich überraschend?

Polak: Zunächst einmal waren viele der geschilderten Fälle für mich neu. Es waren ja einige Fälle, die bis dahin nicht öffentlich bekannt waren. Der Fall des Kaplans und Beichtvaters von Lech Wałęsa zum Beispiel, der offenbar auch mindestens einen minderjährigen Jungen mehrfach missbraucht hat und der während der Filmrecherchen starb. Aber die größte Überraschung waren für mich die mit versteckter Kamera gefilmten Reaktionen der kirchlichen Stellen, die Missbrauchsopfern helfen sollen. Wir haben in Polen schon seit einigen Jahren Missbrauchsbeauftragte in jedem Bistum. Aber selbst wenn sich die Opfer an sie gewandt haben, was ja schon ein großer Schritt ist, haben diese Ansprechpartner teilweise gar keine Anteilnahme gezeigt und kannten offenbar auch das Prozedere gar nicht, das in solchen Fällen vorgeschrieben gewesen wäre. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Diese Missbrauchsbeauftragten sind ja alle genau für solche Situationen ausgebildet worden. Aber offensichtlich gibt es immer noch eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis. Wobei ich auch sagen muss: Ich habe mittlerweile mit einigen Kirchenmitarbeitern gesprochen, die im Film vorkamen, und einige haben mir gesagt, dass die Doku auch einiges in stark verkürzter Form darstellt. Die Gespräche zwischen Opfern und der Kirche waren teilweise wohl länger und auch konstruktiver, als es im Film den Anschein hat.

Wann haben Sie persönlich zum ersten Mal davon gehört, dass es in der katholischen Kirche übergriffige Priester gibt? Wann sind Sie mit diesem Thema zum ersten Mal in Berührung gekommen? Als Ministrant, im Studium, im Seminar, als Pfarrer? Das muss doch hinter den Kulissen allgegenwärtig gewesen sein, zumindest entsprechende Gerüchte.

Polak: Nein, das war es überhaupt nicht. Ich hatte in meinem Studium erstmals damit zu tun, in den Neunzigerjahren. In Rom, wo ich Moraltheologie studiert habe, hatten wir einen Workshop dazu. Danach tauchte das Thema 2002 wieder auf, als die amerikanischen Bischöfe in Rom mit Papst Johannes Paul II. über das Problem sprachen. Damals sagte der Papst übrigens den Satz, der seitdem so oft zitiert wird: „Im Priestertum und Ordensleben ist kein Platz für jemanden, der jungen Menschen Böses antun könnte.“ So wurde ich für das Thema sensibilisiert. Aber ganz ehrlich: Als Seelsorger, auch als Beichtvater, habe ich davon nie etwas gehört. Auch im Seminar sprach niemand darüber. Ich bin seit dreißig Jahren Priester. Weder in Polen noch in Italien, wo ich einige Jahre lang in den Semesterferien Gemeindearbeit in der Toskana gemacht habe, hat mich jemand auf dieses Problem angesprochen. Übrigens auch nicht auf Missbrauch außerhalb der Kirche. Das hätte ja auch passieren können – in der Beichte spricht man ja über alles Mögliche, über die unterschiedlichsten Situationen, im Alltag, in der Familie. Aber es hat niemand darüber gesprochen. Es muss in der Tat ein mächtiges Tabu gewesen sein.

In der Missbrauchs-Doku kommt eine Psychologin vor, die sagt: Nur ein kleiner Teil der Priester, die Kinder missbrauchen, sind überhaupt pädophil. Sie sagt, der überwiegende Teil der Priester werde zum Täter, weil die Minderjährigen eben einfach gerade verfügbar sind, weil die Gelegenheit günstig ist – und weil keine anderen zwischenmenschlichen körperlichen Kontakte möglich sind. Das klingt ja wie: Der Zölibat ist das Problem. Stimmt das?

Polak: Mit dem ersten Teil der Analyse dieser Expertin bin ich einverstanden. Es ist eine weit verbreitete Annahme unter den Fachleuten, die wissenschaftlich sehr gut fundiert ist: Wenn es um sexuellen Missbrauch Minderjähriger geht, ist nur ein kleiner Teil der Täter tatsächlich pädophil veranlagt – das gilt für Fälle innerhalb der Kirche und auch für Fälle anderswo. Den zweiten Teil würde ich differenzierter sehen. Es stimmt: Manchen Priestern fehlt es an Austausch. Sie leiden unter Einsamkeit und tun sich schwer damit, echte und angemessene Beziehungen aufzubauen. Einen anderen Mangel finde ich aber viel gefährlicher mit Blick auf das Thema Missbrauch: den Mangel an psychosexueller Reife. Nicht der Zölibat an sich ist das Problem, sondern der Mangel an Reife, die für den Zölibat notwendig ist. Hier müssen wir gegensteuern: in der Priesterausbildung, aber auch danach, im pastoralen Dienst, das ganze Berufsleben lang. Die Kirche hat die Notwendigkeit einer permanenten Bildung der Priester eigentlich schon vor langer Zeit erkannt. Aber heute müssen wir uns eingestehen, dass die Reife mancher Priester trotzdem zu wünschen übriglässt. Da müssen wir mehr tun.

Was sind aus Ihrer Sicht noch Ursachen für sexuellen Missbrauch durch Kleriker, neben psychosexueller Unreife?

Polak: Papst Franziskus nennt immer wieder den Klerikalismus. Gut, aber was heißt das eigentlich? Was meint er damit? Franziskus hat eine klare Definition. Erstens: wenn ein Priester sein Amt nicht als das betrachtet, was es sein soll, nämlich als Dienst, sondern als Position der Macht. Und zweitens: wenn die Kirche sich nicht als das betrachtet, was sie sein soll, nämlich als Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, sondern wenn sie sich als Firma versteht und benimmt, abgeschottet und verschwiegen. Diese Verhaltensweisen sind der Kern des Klerikalismus, und so verstanden begünstigt Klerikalismus in der Tat auch den sexuellen Missbrauch.

Konservative Kirchenmänner sagen oft, Homosexualität im Klerus sei schuld am Missbrauchsskandal. Glauben Sie das auch?

Polak: Wer so argumentiert, bezieht sich auf den statistischen Befund, dass die Mehrheit der Missbrauchsopfer männlich ist. Das ist in der Tat so, das zeigen die Berichte aus ganz unterschiedlichen Ländern wie Irland, Polen oder den USA. Eine Erklärung dafür könnte allerdings auch sein, dass es schlicht mehr Jungen und männliche Jugendliche im Kirchenkontext gibt als Mädchen und weibliche Jugendliche. Natürlich finden sich unter den Missbrauchstätern auch homosexuelle Priester. Aber keine ernstzunehmende Studie, jedenfalls keine von denen, die ich gelesen habe, hat bisher einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Missbrauch festgestellt.

Im Film sagt ein Opferanwalt, er habe noch nie erlebt, dass ein polnischer Bischof einen anderen kritisiert. Wie würden Sie die Kritik- und Debattenkultur in der Kirche beschreiben?

Polak: Wir haben in Polen den Kommunismus erlebt, eine Zeit, in der die Kirche einen heftigen Kampf mit dem Staat geführt hat. Damals stand Kardinal Stefan Wyszyński als Primas und Vorsitzender der Bischofskonferenz an der Spitze der polnischen Kirche. Kardinal Wyszyński hat das Ringen mit den Kommunisten am Ende gewonnen, und das konnte er nur, weil er eine klare Vorstellung von Führung hatte. Sein Prinzip war: Die Kirche spricht mit einer Stimme – mit seiner. Wenn es Dissens unter den Bischöfen gab, wurde der hinter verschlossenen Türen besprochen. Vielleicht stehen wir heute noch ein wenig in dieser Tradition, dass wir unsere Konflikte nicht immer sofort öffentlich austragen – wobei das mittlerweile ja durchaus vorkommt. Aber was unsere internen Gespräche betrifft, kann ich beim besten Willen nicht erkennen, dass die polnischen Bischöfe einander zu selten kritisieren, glauben Sie mir. Das scheint mir nicht unser größtes Problem zu sein. Die Bischöfe diskutieren sehr viel, interessanterweise seltener über den Glauben oder die Kirche, sondern vor allem über die polnische Gesellschaft. Dort gehen unsere Meinungen oft äußerst weit auseinander.

Die Bischöfe haben auch äußerst unterschiedlich auf die neue Missbrauchsdebatte reagiert. Sie selbst haben den Sekielski-Film gelobt und den Machern sogar gedankt. Andere sehen darin einen Angriff auf die Kirche. Wie stark werden Sie angefeindet? Von Amtsbrüdern, aber auch von Gläubigen?

Polak: Es ist merkwürdig. Wissen Sie, ich bekomme sehr viele Briefe von Gläubigen, und auch sehr viele Beschwerden. Auch böse Anrufe. Die Beschwerden betreffen alles Mögliche, vor allem die Haltung der Bischöfe in der Flüchtlingsdebatte, unsere entsprechende Kritik an der Regierung, die auf diesem Gebiet sehr starr ist und zum Beispiel die Idee humanitärer Korridore für syrische Kriegsopfer weiterhin ablehnt. Aber ich habe noch nicht einen einzigen bösen Brief, noch nicht einen einzigen bösen Anruf zu unserem Weg der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bekommen. Nicht einen! Von meinen Amtsbrüdern sowieso nicht, die haben mich ja kürzlich erst zum Missbrauchsbeauftragten gewählt. Aber auch vonseiten der Laien bekomme ich keine Proteste. Vielleicht liegt es daran, dass wir versuchen, über das Problem nie nur abstrakt zu sprechen, sondern immer mit Blick auf die konkreten Taten, auf die Schicksale der Opfer. Im März hat die polnische Bischofskonferenz einen ersten Bericht zum Missbrauch durch Kleriker in Polen veröffentlicht. Dazu haben wir Bischöfe auch einen Brief geschrieben, der sonntags in den Kirchen verlesen wurde. Dieser Brief bestand zu einem großen Teil aus den Schilderungen der Opfer. Als diese Schilderungen vorgelesen wurden, habe ich mich nicht hier in meine Privatkapelle zurückgezogen, sondern ich war dabei, in der Kirche, bei den Leuten, in einer kleinen Gemeinde. Ich habe diese Worte gemeinsam mit den anderen Gläubigen angehört und in die Gesichter der Menschen geblickt. Ich habe ihren Respekt für die Betroffenen gesehen, auch ihre Anteilnahme. Niemand ist danach zu mir gekommen und hat gesagt: „Warum mussten wir uns das heute anhören? Was macht ihr Bischöfe da? Missbrauch ist doch kein Problem der Kirche!“ Ich habe nur Anteilnahme und Aufklärungswillen erlebt.

Sie haben sich bestätigt gefühlt in Ihrem Kurs?

Polak: Solche Reaktionen machen mir zumindest Hoffnung auf einen beginnenden Mentalitätenwandel. Ich denke mir immer: Wenn es stimmt, dass Missbrauch nicht nur ein Problem der Kirche ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, und wenn nun so viele Menschen in den Kirchen solche Schilderungen hören, werden dadurch vielleicht auch diejenigen ermutigt, sich jemandem anzuvertrauen, die Ähnliches in anderen Kontexten erlebt haben, im Sportverein, in den Familien, wo auch immer. Ich weiß natürlich, dass es vermintes Terrain ist, das so zu sagen. Wenn man als Bischof auf den außerkirchlichen Missbrauch hinweist, heißt es sofort: Die Kirche lenkt von sich ab. Keine Sorge, wir lenken sicher nicht ab: Dieses Thema betrifft uns, in aller Brutalität! Aber wir müssen trotzdem darüber nachdenken, ob die Aufarbeitung der Kirche auch außerhalb der Kirche Folgen haben kann, ob sie unterstützend wirkt für die Aufarbeitung in anderen Kontexten. Mir haben neulich mehrere Personen gemeinsam einen Brief geschrieben, die in nicht-kirchlichem Kontext Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Sie haben mir gedankt dafür, dass sich die Kirche diesem Problem stellt. Sie schrieben aber auch: „Wir sind immer noch allein. Alle reden über Priester, über die Opfer in der Kirche. Aber über uns spricht niemand. Bitte vergesst uns andere nicht.“

Der Missbrauchsbericht der polnischen Bischofskonferenz, den Sie erwähnt haben, war ganze sieben Seiten lang. Um Ursachen ging es darin nicht, nur um einen ersten Überblick über die Fallzahlen. Wird es einen weiteren Bericht geben, eine wissenschaftliche Studie?

Polak: Einen solchen Bericht müssen wir machen, ja. Es wird eine tiefergehende Untersuchung geben. Diese Arbeit liegt jetzt vor uns.

Gibt es dazu schon einen Beschluss der Bischofskonferenz?

Polak: Es gibt noch keinen detaillierten Auftrag. Aber gleich in der ersten Sitzung des Ständigen Rates nach der Veröffentlichung des Sekielski-Films waren wir uns einig, dass wir unser Vorgehen im Umgang mit sexuellem Missbrauch noch einmal vertiefen und systematisieren werden. Dazu gehören kirchenrechtliche Schritte, eine erneute Sensibilisierung der Priester und auch der Gläubigen, und dazu gehört eben auch eine erneute, ausführlichere Untersuchung der polnischen Situation. Diesem grundsätzlichen Vorgehen hat auch die Vollversammlung bereits zugestimmt. Die konkrete Planung folgt jetzt.

Bisher zahlen die polnischen Diözesen keine Entschädigungen an die Opfer. Wird sich das ändern, und wenn ja, wann und wie?

Polak: Die Diözesen haben bisher keine Entschädigungen gezahlt, aber das kann durchaus noch kommen. Vor einigen Monaten hat in Posen zum ersten Mal ein polnisches Gericht einen Orden zu Entschädigungszahlungen an ein Missbrauchsopfer verurteilt. Das kann natürlich auch einer Diözese passieren. Die Kirche steht nicht außerhalb des Gesetzes, auch wenn uns das viele vorwerfen. Selbstverständlich folgen wir den gesetzlichen Vorgaben und werden alle staatlichen Gerichtsurteile akzeptieren, wie auch immer sie künftig ausgehen mögen.

Warum stellen Sie nicht von sich aus eigene Regeln zur Entschädigung auf, statt nur dann zu zahlen, wenn ein staatliches Gericht Sie dazu zwingt?

Polak: Wir müssen unterscheiden zwischen Entschädigungen und Hilfszahlungen. Hilfe leisten müssen wir sowieso, das ist klar, auch finanziell, und das haben wir auch schon länger verbindlich geregelt. Die Kirche unterstützt Opfer zum Beispiel bei den Anwaltskosten, oder wenn sie psychologische oder sonstige Hilfe wünschen. Entschädigungen sind etwas anderes: Die zahlen in Polen grundsätzlich die einzelnen Täter, bei Missbrauch durch Kleriker also die einzelnen Priester. Wir denken derzeit aber in der Tat darüber nach, auch als Bistümer tätig zu werden. Die polnische Bischofskonferenz bereitet gerade die Gründung eines Hilfsfonds für Missbrauchsopfer vor. Wir müssen aber noch die genauen Modalitäten klären, wie dieser Fonds funktionieren soll. So etwas muss sehr gut durchdacht werden.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Polak: Der Fonds kommt so schnell wie möglich. Es gibt bereits ein Team von Juristen, die einen ersten Entwurf für das Statut des Fonds schreiben. Wenn sie schnell genug arbeiten, können wir diesen Entwurf bereits im August mit allen Diözesanbischöfen diskutieren und den weiteren Fahrplan festlegen.

Erst vor wenigen Wochen hatten die polnischen Bischöfe Besuch von Erzbischof Charles Scicluna, dem Vize-Chef der vatikanischen Glaubenskongregation. Im Vorfeld hatten Sie gesagt, dieser Termin werde ein „Schlüsselmoment“ sein für den weiteren Umgang der Kirche in Polen mit dem Missbrauch. Wie lief das Treffen?

Polak: Der Umgang mit sexuellem Missbrauch war schon seit einigen Jahren Thema in jeder unserer Vollversammlungen. Aber wir hatten noch nie einen ganzen Studientag dazu. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine Einladung an Erzbischof Scicluna nach Polen ausgesprochen, damit er mit uns so einen Studientag macht. Er ist ja eine äußerst wichtige Persönlichkeit bei diesem Thema, er kennt die Problematik seit vielen Jahren aus seiner Arbeit an der Glaubenskongregation, wo Missbrauchsfälle aus aller Welt auflaufen. Jetzt, im Juni, ist er unserer Einladung also gefolgt, und ich glaube, es war ein sehr wichtiges Treffen, bei dem wir alle auf den gleichen Wissensstand über die Komplexität des Problems gebracht wurden. Erzbischof Scicluna hat auch nicht alle Antworten, wie das Problem gelöst werden kann. Die hat niemand. Auch er ist auf der Suche. Aber er hat uns ermutigt, uns zu bewegen. Er hat gesagt, die neuen Leitlinien, die wir uns gegeben und auch nach Rom geschickt haben, sind gut, aber jetzt müssen wir auch danach handeln.

Welche Erwartungen hat der Vatikan formuliert? Welche Auflagen gab es?

Polak: Der Erzbischof hatte keine konkreten Fragen zur Situation in Polen. Er hat uns auch keine bestimmten Hausaufgaben aufgegeben. Es waren allgemeine Informationen.

Nach dem Treffen hat Erzbischof Scicluna erklärt, er kenne die Pläne des Papstes für Polen nicht. Das klang, als komme da noch was. In Chile hat Papst Franziskus den Episkopat für dessen Umgang mit der Missbrauchskrise gerügt – erwarten Sie etwas Ähnliches auch für Polen?

Polak: Eigentlich nicht. Den Vergleich mit Chile haben die Medien hergestellt – Scicluna hat ja auch die Bischöfe in Chile aufgesucht. Aber bei uns lagen die Dinge ganz anders: Wie gesagt, wir waren es ja, die ihn eingeladen hatten, als Experten, er kam nicht als Visitator. Nach Chile wurde er vom Vatikan geschickt, weil man den Papst persönlich über die Situation dort getäuscht hatte und das herausgekommen ist. Wir haben nichts verheimlicht oder beschönigt, im Gegenteil: Ich habe dem Erzbischof vor seiner Ankunft sogar einen Link zu der Sekielski-Doku mit englischen Untertiteln geschickt. Keine Frage, wir in Polen haben noch viel zu tun. Wir müssen mutiger werden, wir müssen aufmerksamer werden, und entsprechend deutlich hat uns Scicluna ja auch angesprochen. Aber wir waren es, die die Initiative ergriffen haben. Man muss uns nicht antreiben.

Die meisten Fälle, um die es in der aktuellen Debatte geht, stammen aus den Achtzigerjahren, einer Zeit, in der die Kirche weltweit vertuscht und verharmlost hat. Welche Fehler hat Johannes Paul II. im Umgang mit dem Thema Missbrauch gemacht?

Polak: Auch darüber haben wir mit Erzbischof Scicluna gesprochen. Er war ja von Johannes Paul II. selbst im Vatikan mit diesem Thema beauftragt worden und hat mit eigenen Augen gesehen, wie die Aufarbeitung in Rom damals lief. Ich glaube: Falls es in den Pontifikaten von Johannes Paul II. oder auch von Benedikt XVI. Mängel bei der Aufarbeitung gab, wird der Fehler vor allem bei dem unzureichenden Wissen zu suchen sein. Johannes Paul II. hat nie etwas verschleiert oder zugedeckt, im Gegenteil, er hat immer sofort gehandelt, wenn er von einem Missstand erfuhr. Auch deshalb ist er für mich ein Heiliger. Das Problem war einfach nur: Einige Dinge erfuhr er einfach nicht, und vieles wussten auch seine Mitarbeiter nicht. Und es fehlten wirkungsvolle Verfahren. Johannes Paul II. hat zum Beispiel die Zuständigkeit für Missbrauchsfälle von der Kleruskongregation in die Glaubenskongregation verlegt, als er merkte, dass die bisherige Handhabung nicht ausreicht. So wie auch Papst Franziskus die Gesetze ändert oder ergänzt, wenn sie nicht ausreichen. Die Kirche musste dazulernen, keine Frage, und das muss sie weiterhin. Was die Päpste tun können, ist, die Verfahren und Strukturen immer wieder zu verbessern. Das haben sie, soweit ich sehe, stets getan. Ich sehe keine persönlichen Versäumnisse der Päpste in diesem Bereich.

Die deutschen Bischöfe haben als Reaktion auf die Missbrauchsdebatte einen synodalen Weg ausgerufen. Sie wollen über die katholische Sexualmoral diskutieren, über den Zölibat, auch über die Rolle der Frauen in der Kirche. Was halten Sie von dem Programm?

Polak: Ehrlich gesagt habe ich mir noch nicht im Detail angesehen, was die deutschen Bischöfe unter ihrem synodalen Weg verstehen. Ich habe aber Bewertungen über den Franziskus-Brief an die deutschen Katholiken gelesen und verstanden, dass er diesen synodalen Weg nicht blockieren will, sondern die Bischöfe dazu ermuntert. Gleichzeitig hat der Papst betont, dass die Ergebnisse sich gut einfügen müssen in die gesamte Realität der Kirche. Das finde ich auch sehr wichtig. Es ist nicht möglich, dass eine Kirche alleine vorprescht und neue Antworten für ihre Probleme sucht, ohne die Situationen der anderen Ortskirchen mit in Betracht zu ziehen. Ein synodaler Weg, ob in Deutschland oder anderswo, muss im Einklang mit der ganzen Kirche bleiben.

Was könnte die katholische Kirche in Deutschland von der in Polen lernen? Und umgekehrt?

Polak: Wenn deutsche Bischöfe zu uns kommen, zum Beispiel um das Fest des Heiligen Adalbert hier in Gnesen mitzufeiern, sagen sie mir nachher immer: Diese Volksfeste seien eine Demonstration des Glaubens. Sie sehen, wie viele Polen mitfeiern, sie sehen die jungen Menschen, die Familien. Das beeindruckt die Deutschen immer sehr und ist vielleicht eine Inspiration für sie. Anders herum können wir von Deutschland lernen, wirklich präsent zu sein in der Kirche, in bewusster, aktiver Art und Weise, nicht nur auf der Ebene der Tradition. Das ist unsere große Schwäche in Polen: Auch wenn wir große, kraftvolle geistliche Bewegungen haben, muss man leider feststellen, dass die Laien sich nicht besonders stark einbringen in das Leben der Kirche. Die müssen wir aufwecken. Wir müssen den Glauben nicht nur begehen, wir müssen ihn wirklich leben. In Deutschland gehen vielleicht weniger Menschen sonntags zum Gottesdienst. Aber dafür haben sie oft eine stärkere Verbindung zur Kirche, ein stärkeres Engagement in der Gemeinde, auch eine größere Bereitschaft, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen. Bei uns muss ein Priester in der Gemeinde immer noch viel allein machen.

Vor einigen Monaten haben polnische Priester in Danzig nach dem Gottesdienst „Harry Potter“-Bücher verbrannt, als okkulte Schriften. Zum gleichen Zeitpunkt werden in Deutschland und anderswo weitreichende Reformen der Kirche diskutiert. Die Vorstellung dessen, was katholisch ist, geht weltweit immer weiter auseinander. Haben Sie manchmal Angst, dass diese Flügel wirklich eines Tages auseinanderbrechen könnten? Dass es ein Schisma geben wird?

Polak: Nein. Papst Franziskus spricht immer von der Einheit in Verschiedenheit, was mir sehr gefällt. Eine Bücherverbrennung ist natürlich skandalös. Aber man muss sich trotzdem die Mühe machen, zu verstehen, was dahintersteht, in diesem Fall das Umfeld der charismatischen Bewegungen, und man muss versuchen, auch solche Frömmigkeitsströmungen zu würdigen, die einem selbst vielleicht fremd sind. Es ist manchmal anstrengend, diese Unterschiedlichkeit auszuhalten, keine Frage, auch für mich persönlich: Auch ich muss als Bischof aufgeschlossen bleiben für Formen des Glaubens, die sich von meinen Formen des Glaubens unterscheiden. Das ist manchmal schwierig. Auch ich habe schließlich meine festen theologischen Vorstellungen, meine religiösen Überzeugungen, die andere vielleicht negativ finden. Hier kann man viel von Papst Franziskus lernen. Auch wenn er schon ein älterer Mensch ist, hat er eine große Jugendlichkeit des Geistes, die ohne Angst auf diese Phänomene blickt und die auch weiß, mit ihnen richtig umzugehen, mit aller gebotenen Treue zur Lehre der Kirche.

Haben Sie schon mal „Harry Potter“ gelesen?

Polak: Nein.

Sie sind jetzt seit fünf Jahren Erzbischof von Gnesen. Vor wenigen Wochen hatten Sie Jubiläum. Wie haben Sie es begangen?

Polak: Mit meinen Mitarbeitern im Garten der Erzbischöflichen Residenz. Ich habe die ganze erzbischöfliche Kurie eingeladen, die Menschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, und wir haben einen netten Abend zusammen verbracht.

Haben Sie sich das Amt schwerer oder leichter vorgestellt?

Polak: Ich hatte vorher keine bestimmten Erwartungen, auch wenn ich vorher einige Jahre lang Weihbischof hier war und insofern schon einiges miterlebt habe, was ein Erzbischof tun muss. Aber in diesen fünf Jahren ist das Gewicht des Amtes schon deutlich größer gewesen. Ein Diözesanbischof trägt die größte Verantwortung, und diese Verantwortung kann er nicht mit anderen teilen. Am Ende bin ich es, der die Entscheidungen treffen muss, und diese Entscheidungen betreffen Menschen, sie betreffen das echte Leben, das Leben der Priester, das Leben der Gläubigen. Es ist nicht immer leicht.

Haben Sie einen Tipp für ein Gebet oder eine Bibelstelle, die in Krisenzeiten weiterhilft?

Polak: Ich kann einen Psalmenvers empfehlen, den ich schon in meine Primiz mitgenommen habe und der mich seitdem immer begleitet. Psalm 51,14: „Gib mir wieder die Freude deines Heils, rüste mich aus mit dem Geist der Großmut!“

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