Eine Anthropologie für das 21. JahrhundertWorin besteht die Natur des Menschen wirklich?

Volker Gerhardt: Humanität. Über den Geist der Menschheit. Verlag C. H. Beck, München 2019. 320 S. 32 ¤ (D).

Volker Gerhardt gehört zu den Vertretern der Philosophie als akademischer Disziplin in Deutschland, die das Gespräch über die eigenen Fachgrenzen hinaus pflegen. Das tut er jetzt auch mit seinem neuesten Buch mit dem plakativen Titel „Humanität“. Es ist der Versuch, nichts Geringerem als der „Frage nach der Natur des Menschen“ nahezukommen. Die Philosophie, so Gerhardt, könne sich der Aufgabe nicht entziehen, ihr Augenmerk auf die Eigenart der Menschheit zu richten, der das Schicksal widerfahre, sich in eine scheinbar ausweglose Lage gebracht zu haben, aus der sie sich gleichwohl selbst befreien müsse.

Das Buch setzt beim Menschen als „Problem an sich selbst“ an, widmet sich dann dem Menschen als bewusstem Wesen, der Rolle der Technik für das Leben des Menschen (homo faber) und der Bedeutung des Spiels für die Kultur (homo ludens). Schließlich gilt ein Kapitel auch der „Öffentlichkeit als Instanz der Menschheit“. In allen Teilen bezieht Gerhardt viel Material aus der Frühgeschichte des Menschen ein, genauso wie aus der mythisch-religiösen Überlieferung. Entscheidend ist für Gerhardt, wie sehr der Mensch in die Natur eingebunden ist: Die Gesellschaft streng von der Natur abzugrenzen, sie gar in Opposition zur Natur zu begreifen, sei ein Missverständnis. Es müsse vielmehr darum gehen, die Spannungen auszuhalten, etwa zwischen dem homo sapiens und dem homo faber der Technik. Ohne die Fähigkeit, etwas mit der Hand zu greifen, könne von Begriffen keine Rede sein, formuliert Gerhardt einmal.

Am Schluss dieser Anthropologie für das 21. Jahrhundert kommt Gerhardt auch auf Gott zu sprechen: Ein Vorzug des Glaubens an einen Gott liege darin, dass die Grenzbestimmung des menschlichen Wissens und Handels mit einem Namen verbunden sei, „der die Verständigung über das erleichtert, was dem Menschen nicht zugänglich ist“. Gott sei das uns schlechthin Unbekannte, und glauben heiße, ihm dennoch zu vertrauen.

Gerhardts Buch ist eine breit angelegte philosophische Selbstprüfung im Interesse von Humanität auf dem Hintergrund des heutigen Wissens um den Menschen und seine Entstehung, aber auch der heutigen Gefährdungen für das Menschsein. Es ist ein Appell, der Humanität treu zu bleiben. Ulrich Ruh

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