Kann ein demokratisierter Gottesdienst sexuelle Übergriffe verhindern?Missbrauchte Liturgie

Benedikt Kranemann hat Veränderungen an der katholischen Liturgie gefordert, um der herausgehobenen Stellung des Priesters entgegenzuwirken. Auf das Zweite Vatikanische Konzil kann sich der Theologe mit seinen Thesen nicht berufen.

In einer erleuchteten Kirche wird die heilige Messe im alten Ritus gefeiert.
© KNA

Papst Franziskus hat Klerikalismus als eine der Hauptursachen für den sexuellen Missbrauch durch Priester in der katholischen Kirche identifiziert. Diese simple Erklärung blieb zwar nicht unwidersprochen, wurde aber von einer Reihe von Theologen und Bischöfen aufgegriffen. In einem Beitrag für diese Zeitschrift (HK Mai 2019, 13–16) hat Benedikt Kranemann nun eine Verbindung von Klerikalismus, Liturgie und sexuellen Missbrauch hergestellt. Der langjährige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft katholischer Liturgiewissenschaftlerinnen und Liturgiewissenschaftler im deutschen Sprachgebiet (2002–2018), wirft die Frage auf, inwiefern die Liturgie, wir wir sie seit dem Konzil feiern, „krisenfördernd“ ist und was sie „mit der Selbstzerstörung der Kirche zu tun haben könnte“. Das „Grundübel“ der nachkonziliaren Liturgie sieht Kranemann in der herausgehobenen Stellung des Priesters. Dies fange schon mit dem aus Kranemanns Sicht fragwürdigen Möbel des Priestersitzes an. Zum Priestersitz heißt es in der „Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch“ (AEM): „Der Sitz des Priesters hat dessen Dienst als Vorsteher der Gemeinde und dessen Aufgabe, das Gebet zu leiten, gut erkennbar zu machen. Besonders geeignet ist der Platz im Scheitelpunkt des Altarraumes, der Gemeinde zugewandt“ (AEM 271). So wie es hier empfohlen wird, trifft man es bis heute in manchen Kirchen an, öfter ist der Priestersitz etwas seitlich vom Scheitelpunkt des Altarraums positioniert.

Die Frage der Gebetsrichtung

Verstärkt wird das Gegenüber des Priesters zur Gemeinde durch seine Position versus populum am Altar. Zwar wird sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil mit keiner Silbe erwähnt. Sie ist auch niemals vorgeschrieben worden, hat sich aber im Zuge der Liturgiereform allgemein durchgesetzt. Die veränderte Gebetsrichtung am Altar führte dazu, dass der Priester nun, vergleichbar einem anchorman, permanent der Gemeinde face to face gegenübersteht: von der Eröffnung der Messfeier bis zu ihrem Schluss, ab der Gabenbereitung nicht selten mit dem Rücken zum Tabernakel.

Vor der Liturgiereform war die Position des Priesters eine andere. Die Sedilien befanden sich nicht frontal zur Gemeinde, sondern waren in der Regel seitlich zur Gemeinde aufgestellt, so dass eine Ausrichtung auf das Allerheiligste ermöglicht wurde. Die Präsidialgebete, einschließlich des Gebets über die Opfergaben und der Prex Eucharistica, wurden in den allermeisten Kirchen vom Priester am Altar in einer Gebetsrichtung mit der Gemeinde versus Dominum gesprochen. Die traditionelle Gebetsrichtung schlägt sich noch in der Aussage der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (SC) nieder, wo es vom Priester heißt, dass er „in der Person Christi“ (in persona Christi) der Gemeinde vorsteht“ und die von ihm gesprochenen Gebete (preces) „an Gott gerichtet werden“ (ad Deum directae) (SC 33)– so die korrekte Übersetzung in DH 4033.

Kranemann ist nicht dafür bekannt, sich für die Wiedergewinnung der traditionellen Gebetsrichtung einzusetzen, in der Josef Andreas Jungmann (1889–1975), einer der bedeutendsten Liturgiewissenschaftler des 20. Jahrhunderts, schon früh ein grundlegendes Problem sah. Auch in seinem Beitrag für diese Zeitschrift problematisiert Kranemann die Stellung des Priesters versus populum nicht. Kranemann setzt grundsätzlicher an, seine Kritik an der Position des Priesters in der Liturgie zielt auf das „liturgisch-rituell“ inszenierte Amtsverständnis. Die vermeintlich hypertrophe Stellung des Priesters in der Liturgie sieht Kranermann darin begründet, dass der Priester nach katholischem Verständnis bei der Feier der Eucharistie in persona Christi handelt.

In der Person Christi

Pius XII. (1939–1958) hatte in seiner Liturgieenzyklika „Mediator Dei“ (1947) auf die Bedeutung des Priestertums aller Gläubigen hingewiesen, zugleich aber hervorgehoben, dass der geweihte Priester bei der Feier der Eucharistie in der Person Christi als des Hauptes handelt (personam Christi utpote Capitis gerit). Damit wandte sich Pius XII. gegen bestimmte Tendenzen, das Priesteramt nur als ein von der kirchlichen Gemeinschaft übertragenes Amt zu verstehen – Tendenzen, die es bis heute in der katholischen Theologie gibt. Die Formel in persona Christi setzte sich seit dem 12. Jahrhundert durch und wurde vor allem auf das Handeln des Priesters in der Feier der Eucharistie und bei der Konsekration der Opfergaben von Brot und Wein, aber auch auf die sakramentale Absolution und die Krankensalbung bezogen. Später hat man sie zur Formel in persona Christi Capitis erweitert.

Die Idee einer sakramentalen Repräsentation Christi durch den Priester bei der Eucharistie ist älter. Schon die patristische Tradition des Ostens und Westens spricht vom Bischof und dann auch vom Presbyter (Priester) als Bild Christi des Hohepriesters. Zur Begründung wird auf Aussagen des Neuen Testaments zurückgegriffen. Der Apostel Paulus sagt von sich, er handle in seinem Dienst am Evangelium und an der Versöhnung „an Christi statt“ (2 Kor 5,20); im Angesicht Christi (en prosopo Christou) spreche er die Vergebung aus (2 Kor 2,10). Die Vulgata übersetzt en prosopo Christou mit in persona Christi.

Selektiver Umgang mit dem Konzil

Mit dem evangelischen Theologen Michael Meyer-Blanck spricht Kranemann von einer „amtstheologischen Überhöhung des Priesters als ‚in persona Christi‘ handelnd“. Dass Kranemann die missverständliche Übersetzung „in der Rolle Christi“ (SC 33) von Karl Rahner und Herbert Vorgrimler zitiert, ist nicht zufällig. Darin zeigt sich Kranemanns funktionales Amtsverständnis, das er mit der Volk-Gottes-Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils zu begründen sucht, von der er sagt, dass mit ihr die herausgehobene Stellung des Priesters in der Liturgie unvereinbar sei. Dass das Zweite Vatikanische Konzil in der Kirchenkonstitution „Lumen Gentium“ (LG) die Kirche als Volk Gottes vom Leib Christi, dem Haupt der Kirche, her versteht (LG 1–8), sowie als communio hierarchica (LG 18–29), in der die geweihten Amtsträger in der Nachfolge der Apostel stehen, erwähnt Kranemann mit keinem Wort. Selektive, interessegeleitete Bezugnahmen auf die Ekklesiologie des Konzils dominieren seit Jahrzehnten die innerkirchlichen Debatten.

Als erstes Antidot gegen liturgischen Klerikalismus empfiehlt Kranemann, dass der Priester nach dem Einzug wie der evangelische Amtsträger inmitten der Gemeinde Platz nimmt und nur bei Bedarf an Vorstehersitz, Ambo oder Altar tritt. Was der Erfurter Liturgiewissenschaftler nicht erwähnt, ist, dass im evangelischen Gottesdienst der Amtsträger die Vorstehergebete zwar nicht flächendeckend, aber durchaus nicht selten in der traditionellen Gebetsrichtung spricht. Allerdings kennt das evangelische Amtsverständnis nur ein allgemeines Priestertum der Gläubigen, nicht ein durch sakramentale Ordination übertragenes Sacerdotium des Dienstamtes.

Vom Priestertum des Dienstamtes lehrt das Zweite Vatikanische Konzil in der Tradition der Kirche, dass es sich vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen nicht nur dem Grad, sondern dem Wesen nach unterscheidet (LG 10). Das geistliche Amt zur Predigt und Sakramentsverwaltung wird in der evangelischen Kirche dagegen funktional mit der notwendige Ordnung in der Kirche begründet, die es angemessen erscheinen lasse, den Vorsitz bei der Abendmahlsfeier an eine Ordination zu binden, auch wenn dieser im Einzelfall auch ohne Ordination durch Delegation möglich ist (ob Luther das auch so gesehen hätte, ist umstritten).

Priester: Nur eine Rolle?

Eine Rolle zu übernehmen im Sinne von Stellvertretung kann natürlich nicht an das Geschlecht gebunden sein. Diejenigen, die sich gegen die Entscheidung von Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ (1994) stellen, vertreten daher auch zumeist ein stark funktionales Amtsverständnis, bei dem eines der traditionellen Argumente gegen die Frauenordination wegfallen würde. Es handelt sich um das Argument „einer auf natürlichen Zeichen oder Symbolen beruhenden Ökonomie der Sakramente und einem Verständnis des Priestertums als einem wesentlichen Element innerhalb dieser Ökonomie, wonach der Priester in persona Christi handelt“ (Tracey Rowland, Mitglied der Internationalen Theologenkommission, in: Die Tagespost, 16. Mai 2019, 12).

Dass sich inzwischen nicht nur Theologen, sondern auch eine Reihe deutscher Bischöfe gegen das Lehrschreiben von Johannes Paul II. stellen, ist bekannt. Der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr bestreitet nicht nur den definitiven Charakter der Entscheidung des Lehrschreibens; er nennt es eine „Fessel“ der Weltkirche, von der sie mit Hilfe der Kirche in Deutschland befreit werden könnte. Damit befindet sich Bischof Neymeyr in offenem Dissens zum Lehramt nicht nur von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., sondern auch von Franziskus. Im Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ von 2013 (EG) erklärt der Papst: „Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht“ (EG 104). 2016 sagte Franziskus in einem Interview: „Hinsichtlich der Weihe von Frauen in der katholischen Kirche hat der heilige Johannes Paul II. das letzte klare Wort gesprochen, und das bleibt“. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, stellte in seiner Erklärung „Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis“ fest, „dass die Unmöglichkeit der Frauenweihe zur Substanz des Sakramentes [der Weihe] gehört“ (L’Osservatore Romano, deutsch, 29. Mai 2018).

Nach katholischem Verständnis spricht der Priester das Eucharistische Hochgebet in persona Christi Capitis und in nomine Ecclesiae, mit der die Gemeinde vor Ort nicht einfach identisch ist. Wenn Kranemann vom Eucharistischen Hochgebet sagt, dass der „Priester es für die Gemeinde spricht“, was wohl heißen soll, stellvertretend für sie, so klingt das reichlich kongregationalistisch. Zudem ist zu beachten, dass der Adressat des Eucharistischen Hochgebets nicht die Gemeinde ist, sondern Gott, der Vater, wie dies bei den allermeisten Orationen des Messbuchs des römischen Ritus der Fall ist (nur einige wenige Orationen sind an Christus gerichtet). Als Gegenmittel gegen Klerikalismus empfiehlt Kranemann, es der Gemeinde zu ermöglichen, die Schlussdoxologie des Eucharistischen Hochgebets zusammen mit dem Priester zu beten, wie dies vielerorts gegen die geltende Norm geschieht. Doch warum dann nicht auch weitere Teile des Eucharistischen Hochgebets von der Gemeinde beten lassen, etwa die Kommunionexpliklese, sozusagen als Ausfaltung der vorangehenden Akklamation nach dem „Mysterium fidei“? Kriterien für eine stärkere Beteiligung der Gemeinde am Eucharistischen Hochgebet formuliert Kranemann keine. Er scheint sich an der normativen Kraft des Faktischen zu orientieren. Dazu gehört auch, dass beim Fürbittgebet der Lektor die dem Priester vorbehaltene Einleitung und abschließende Doxologie spricht. Ein Freiburger Priester sagte mir einmal, bei der oratio fidelium habe die Liturgiereform das gemeinsame Priestertum nicht zu Ende gedacht. Er drängt daher die Lektoren, Einleitung und Schlussdoxologie zu sprechen.

Vom Priester sagt das Zweite Vatikanische Konzil, dass er den Bischof, den Leiter der Ortskirche, in der Gemeinde, für die der Priester zuständig ist, gegenwärtig macht (LG 28), vor allem in der Feier der Eucharistie (LG 26), von der es in LG 11 heißt, dass sie Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens. Das ist der Grund, warum auf dem Priestersitz weder ein Laie noch ein Diakon Platz nimmt, wie auch kein einfacher Priester sich auf die Kathedra des Bischofs setzt, in der Regel auch kein anderer Bischof als der Ortsbischof. Kranemann empfiehlt dagegen, dass auf dem Priestersitz jeder Platz nehmen solle, der einen Gottesdienst, welcher Art auch immer, leitet. Dass Kranemann auch die Homilie von Laien in der Messfeier fordert, ist da nicht überraschend. Während beim Vorstehersitz die tatsächliche Leitung entscheidend sei, müsse es bei der Homilie in der Messfeier am Ende die Kompetenz und nicht die Weihe sein. Auf die Homilie als integralen Bestandteil der Messfeier sowie die Einheit von Wort (Ambo: Evangelium, Predigt) und Sakrament (Altar) in der Repräsentation Christi durch den geweihten Amtsträger geht Kranemann nicht ein.

Klerikalismus vermutet Kranemann auch bei dem von Priestern und Diakonen verwendeten Segenswort und Segensgestus, die im Sinne einer demokratisierten Liturgie auch für nichtordinierte Leiter von Wort-Gottes-Feiern ermöglicht werden sollen. Dass ein Liturgiewissenschaftler, der mit der Vorstellung des in persona Christi handelnden Priesters nichts anfangen kann, schließlich auch die getrennte Inzens von Priester und Gemeinde als Ausdruck von Klerikalismus empfindet, wundert nicht. Wenn Ministranten im Pontifikalamt vor dem Bischof knien, während dieser auf der Kathedra sitzend vor der Verkündigung des Evangeliums Weihrauch einlegt, sieht Kranemann darin ein „hochproblematisches Bild“ der „Unterordnung“ und der „Anbetung“. Abgesehen davon, dass das nachkonziliare Zeremoniale für die Bischöfe das Knien der Ministranten vor dem Bischof beim Einlegen des Weihrauchs gar nicht vorsieht, und dies oft praktische Gründe hat, beugen die Ministranten die Knie natürlich nicht in Anbetung des Bischofs, dem sie sich unterordnen, sondern vor dem Hohepriester Christus, das Gleiche gilt für Weihekandidaten bei der Handauflegung durch den Bischof.

Toxisches Latein?

Eine toxische Wirkung auf die Kirche geht nach Kranemann auch von der lateinischen Liturgiesprache aus, von der Kranemann behauptet, dass sie „Rangunterschiede wie die Zuschreibung der liturgischen Handlungskompetenz allein an die Geweihten“ fördere. Doch wer heute an einer sogenannten „alten“ Messe teilnimmt, wie sie nach Maßgabe des Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. gefeiert wird, beherrscht in der Regel die lateinischen Ordinariumsgesänge vom Kyrie bis zum Agnus Dei und er versteht ihren Text wie auch den des Pater noster. Für die erneuerte Liturgie hat das Zweite Vatikanische Konzil gefordert, dass die lateinische Liturgiesprache erhalten bleibt. In der Kirchenmusik soll der gregorianische Choral den ersten Platz einnehmen (SC 116), und es soll Sorge dafür getragen werden, dass die Gläubigen die ihnen zukommenden Teile des Messordinariums gemeinsam lateinisch beten oder singen können (LG 54). Davon kann heute in den meisten unserer Gemeinden keine Rede sein.

Die lateinische Liturgiesprache bedeutet keinen Rangunterschied, wenn man den Inhalt der Gebete versteht, was vor dem Konzil und in der Zeit unmittelbar danach noch der Fall war. Dass die lateinische Liturgiesprache, die lingua franca des römischen Ritus, heute bei den für die Gläubigen bestimmten Ordinariumsgesänge nicht mehr beherrscht wird, dafür tragen neben Bischöfen, Priestern und Kirchenmusikern, die sie aus der Liturgie verbannt haben, auch Liturgiewissenschaftler Verantwortung, die meinten, sie sei ein Hindernis für die Inkulturation der erneuerten Liturgie.

Für Missbrauch muss man nicht klerikal sein

Auch im evangelischen Gottesdienst hat der geistliche Amtsträger eine herausgehobene Position, wenn auch anders inszeniert. Zudem ist sie in Verbindung mit seiner Stellung in der Pfarrei zu sehen. Von der Gefahr des Klerikalismus würde man hier nicht sprechen, da die evangelische Kirche keine Kleriker kennt. Was es aber in der evangelischen Kirche wie in allen anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften gibt, sind Hierarchie und Macht und damit die Möglichkeit von Machtmissbrauch, einschließlich sexuellem Missbrauch. Ein aktuelles Beispiel ist die „Southern Baptist Convention“. Die größte evangelische Denomination in den USA wird derzeit von einem schweren Missbrauchsskandal erschüttert, obwohl es bei den Baptisten weder geweihte Priester oder den Zölibat noch eine der römischen Liturgie vergleichbare sakrale Handlung gibt. Die evangelische Kirche in Deutschland beginnt gerade damit, in ihren Reihen den sexuellen Missbrauch der letzten Jahrzehnte aufzuarbeiten. Die Zahlen werden, nach ersten Schätzungen, ähnlich sein wie in der katholischen Kirche in Deutschland.

Wenn Kranemann Liturgie, Klerikalismus und sexuellen Missbrauch in Zusammenhang bringt, so geschieht dies in einer sehr fragwürdigen Art und Weise. Natürlich kann die Position des Priesters im Gegenüber zur Gemeinde, wie sie sich in der nachkonziliaren Liturgie etabliert hat, klerikal missbraucht werden. Dies hängt aber vom einzelnen Priester ab, ob er sich im Bewusstsein, mit der Gemeinde als Teil der einen Kirche vor Gott zu stehen, als Diener Christi, seiner Kirche und ihrer Liturgie versteht oder als moderierender Selbstdarsteller, wie dies heute leider häufig anzutreffen ist. Nirgendwo zeigt sich in der Liturgie mehr Klerikalismus als bei Priestern, die an den Vorstehergebeten herumbasteln, vorgeschriebene Teile der Liturgie weglassen oder den festgelegten rituellen Ablauf der Liturgie verändern (was ihnen das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich untersagt: SC 22, § 3). Da ist es unerheblich, ob der Priester sich nun für die Messfeier in eine reich verzierte Kasel hüllt oder eine schmucklose Mantelalbe mit aufgesetzter Regenbogenstola überwirft.

Doch was hat Klerikalismus, den man in anderer Form gelegentlich auch in der traditionellen Form des römischen Ritus antreffen kann, mit sexuellem Missbrauch zu tun? Klerikalismus, ob in oder außerhalb der Liturgie, ist für sich genommen so wenig ursächlich für sexuellen Missbrauch wie der Zölibat. Kein zölibatär lebender Priester, ob er zu Klerikalismus neigt oder nicht, wird Kinder oder minderjährige Jugendliche sexuell missbrauchen, wenn er über eine integrierte Sexualität verfügt. Sexueller Missbrauch von Kindern und minderjährigen Jugendlichen durch Priester setzt sexuelle Unreife und/oder pathologische Formen sexueller Orientierung voraus (Pädophilie, Ephebophilie beziehungsweise Hebephilie). Zu sexuellem Missbrauch gehört auch in vielen Fällen ein gehöriges Maß an krimineller Energie.

Besonders klerikal muss man für sexuellen Missbrauch nicht sein. Wo aber Bischöfe sexuellen Missbrauch durch Priester vertuschen, wo sie Missbrauchspriester schützten und wo sie Ansehen sowie Würde des Priesteramts höherstellten als die Wahrheit und die Leiden der Opfer, da zeigt sich ein erschreckendes Maß an Klerikalismus. Dass das katholische Priesteramt manche Risikogruppe anzieht, ist nicht zu bestreiten. Da gilt es, ohne jeden Druck sehr streng zu prüfen und ungeeignete Personen früh auszuscheiden. In Zeiten des Priestermangels ist dies zu einer immer größeren Herausforderung geworden. Verschiedentlich werden daher viri probati für das Priesteramt, ergänzend zu zölibatär lebenden Priestern, ins Spiel gebracht.

Instrumentalisierung der Krise

Kranemann nutzt die Missbrauchskrise, um der Stellung des Priesters in der Liturgie sowie Teilen des ordo celebrandi, die ihm persönlich nicht zusagen, eine intrinsische Anfälligkeit für Klerikalismus zu unterstellen. Sein Text ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Missbrauchskrise für bestimmte Agenden instrumentalisiert wird, die damit gar nichts zu tun haben, etwa die Forderung nach dem Zugang von Frauen zu allen Weiheämtern, einer neuen Ehe- und Sexualmoral und der Segnung nicht ehelicher Lebensgemeinschaften, vor allem wiederverheirateter Geschiedener und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften beziehungsweise „Ehen“.

Durch Kranemann ist jetzt die Forderung nach einem Umbau der nachkonziliaren Liturgie hinzugekommen, natürlich nicht im Sinne einer „Reform der Reform“ (Joseph Ratzinger), sondern weiterer Eingriffe in die Liturgie des römischen Ritus, um die herausgehobene Stellung des Priesters abzubauen. Was Kranemann vorschwebt, ist ein Gemeindegottesdienst mit möglichst wenigen „Differenzmarkierungen zwischen Klerus und Laien“. Da darf schließlich auch das Loblied auf die Communio-Räume nicht fehlen, in denen Altar und Priestersitz in den Raum der Gläubigen hineingeschoben werden, so dass alle einander anschauen und Gemeinschaft erleben können.

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