PhilosophiegeschichteDenkern beim Zaubern zuschauen

Vier bedeutende Philosophen, vier Entwürfe jenseits trockener Brotgelehrsamkeit.

Die Geschichte ist kein regelmäßig dahinfließender Strom. Immer wieder gibt es Verdichtungen, Zeiten einer besonderen Intensität, die manchmal lange vorbereitet scheinen, ein anderes Mal plötzlich einbrechen und die Gegenwart und Zukunft wie auch die Vergangenheit in ein neues Licht tauchen. In der Philosophie waren die 1790er-Jahre derartige Schlüsseljahre – oder auch die 1920er, fast magisch scheinende Jahrzehnte, wie Wolfram Eilenberger eindrücklich zeigt.

Im Vordergrund stehen vier einerseits sehr unterschiedliche, andererseits auch einander nahe Fragestellungen verfolgende Meisterdenker: Martin Heidegger, Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein und Ernst Cassirer. Keine leichte Kost. Denn diese Philosophen machen es ihren Lesern nicht leicht. Nicht allein ihr Denken ist anspruchsvoll, sondern auch ihr oft eigenwilliger Stil. Und doch gelingt es Eilenberger, der selbst Philosophie lehrt, ihre Denk- und Lebenswege – im Schatten des Ersten Weltkrieges – auch für philosophische Laien verständlich darzustellen.

Der Verfasser zeigt die Freude, aber auch das Leid der Berufung zur Philosophie, indem er Leben und Werk, Biografie, Zeit- und Philosophiegeschichte überzeugend miteinander verbindet. Mit seiner Hilfe können wir diesen vier Denkern beim Zaubern zuschauen. In ihren Händen wurde das, was sie anfassten, zu etwas anderem. Sie haben dadurch die deutschsprachige Philosophie auf ein Niveau gehoben, das bis heute begeistert und anregt. Dabei haben sie nicht einfach neue Beiträge zu alten Fragen formuliert; das Philosophieren selbst haben sie verändert. Voller Staunen und Faszination nimmt man ihre Entwicklung wahr. Revolutionäre Umbrüche zeigen sich. Eine Radikalität des Denkens wird deutlich, die nichts mit trockener Brotgelehrsamkeit und alles mit dem Einsatz der eigenen Existenz zu tun hat.

Dabei rücken Ideen und Einsichten in den Blick, auf die man heute nicht mehr verzichten möchte und ohne die man die Gegenwart nicht verstehen könnte. Im Lichte der Philosophie erfasst Eilenberger daher eine ganze Epoche, in deren Schatten wir heute noch stehen. Ein lesenswertes und spannend geschriebenes Buch – das zur tieferen Auseinandersetzung mit diesen vier Zauberern, ihren Werken und Gedanken anregt.

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Eilenberger, Wolfram

Zeit der ZaubererDas große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929

Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 431 S. mit zahlreichen Abb., 25 €

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