1618-1648 - in EuropaDreißig Jahre Krieg

Was sich zwischen 1618 und 1648 an Gewalt und Bestialität entlud, war der vielleicht zerstörerischste Konflikt in Europa. Eine Tragödie – nicht nur von historischem Interesse.

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! / Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun / Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun (Geschütz der Artillerie) / Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrat aufgezehret. // Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. / Das Rathauß liegt im Grauß / die Starken sind zerhaun / Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun / Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.

Im Gedicht „Thränen des Vaterlandes“ artikuliert Andreas Gryphius die Schrecken eines Krieges, der später vielen als der „Krieg der Kriege überhaupt“ galt, so der Augsburger Historiker Johannes Burkhardt (1). Entstanden 1636, nimmt es zugleich die entfesselte Zerstörungswut und die Verselbstständigung der Kämpfe der folgenden Jahre vorweg. Noch bis in die sechziger Jahre war der Dreißigjährige Krieg zumindest im kulturellen Gedächtnis Deutschlands „Maßstab für die Beurteilung aller späteren Kriege“. Erst mit der gesellschaftlichen und medialen Aufarbeitung des Nationalsozialismus trat die Erinnerung an die grausamen Geschehnisse des frühen 17. Jahrhunderts in den Hintergrund.

Die Zahl der Getöteten in der Zeit der Naziherrschaft – etwa 34 Millionen – übersteigt bei weitem jene fünf bis acht Millionen, die zwischen 1618 und 1648 durch Gewalt, Hunger und Seuchen umkamen. Doch letztere machten damals zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Bis heute ist der Dreißigjährige Krieg nach dem Urteil von Peter H. Wilson (2) der „zerstörerischste Konflikt in der Geschichte Europas“.

So singulär der Dreißigjährige Krieg in seiner Dauer wie der relativen Größe der Verluste in Europas Geschichte sein mag, so unterschiedlich wurden er und sein Ende gedeutet. Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert hinein wurde der Westfälische Friedensschluss allgemein positiv gewürdigt. Mit dem im 19. Jahrhundert aufkeimenden Nationalbewusstsein setzte eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit dem Friedensvertrag ein. Vielen Historikern erschien er nun weniger als eine herausragende diplomatische Leistung, die Tod und Leid ein Ende setzte, denn als die politische „Urkatastrophe“ Deutschlands, in der versäumt wurde, einen deutschen Nationalstaat zu schaffen.

War der Fenstersturz Absicht?

Die habsburgisch-katholische Sicht erkannte in Luther, Reformation und nicht zuletzt dem Schwedenkönig Gustav Adolf den Ursprung allen Übels. Die preußisch-evangelische Position, die mit der Ausrufung des Deutschen Reiches 1871 zu der „Meistererzählung“ im preußisch-protestantisch dominierten Reich wurde, neigte dazu, eine Linie des Kampfes um die „deutsche Freiheit“ von dem Germanenfürst Arminius über Martin Luther und Gustav Adolf hin zu deren Verwirklichung im wilhelminischen Kaiserreich zu ziehen. Eine Deutung, die der Nationalsozialismus nur zu gerne aufgriff und ergänzte, um eine Verbindung zwischen den „Schandfrieden“ von 1918 und 1648 herzustellen.

Zugleich vereinnahmte die nationalsozialistische Ideologie Gustav Adolf „für die Idee einer nordischen Rasse“ und stellte ihn – wie der Jenaer Historiker Georg Schmidt (3) anmerkt – „in eine direkte Linie mit Adolf Hitler, der mit seinem Westfeldzug auch die Schande des Westfälischen Friedens habe tilgen wollen“.

Die so nicht zuletzt konfessionell geprägte Deutegeschichte findet ihren Nachhall in der bis heute unterschiedlichen Bewertung der Intervention durch den schwedischen König Gustav Adolf 1630. Unbestritten ist, dass das Eingreifen Schwedens dem Kaiser den sicher geglaubten Sieg entriss und „dem nach zwölf Jahren auslaufenden Krieg in nur zwei Jahren… so viel neue aggressive Dynamik“ gab, dass „daraus am Ende ein Dreißigjähriger Krieg wurde, der beide Reiche, das deutsche wie das schwedische, an den Rand des Abgrundes brachte“, so Burkhardt. Während so die Erinnerungskultur in den überwiegend katholisch geprägten Gebieten Süddeutschlands die Schweden als Invasoren und Repräsentanten einer Gewaltherrschaft zeigt, hat sich in den protestantischen Gebieten Norddeutschlands der Eingriff als Befreiung im kollektiven Erinnern festgesetzt. Der Kampf um die Deutungshoheit hatte bereits mit der massiven Beeinflussung der Öffentlichkeit durch Flugblätter während des Krieges begonnen.

Diesem konfessionell geprägten Gedächtnis entsprechend, erscheint der Dreißigjährige Krieg bis heute vielen als ein Religionskrieg, in dem die katholischen Kaiser Habsburgs, verstärkt um das ebenfalls katholische Bayern, den evangelischen Fürsten Mittel- und Norddeutschlands gegenüberstanden. Diese Sicht ist in der neueren Forschung umstritten. So ist für den Oxforder Historiker Peter H. Wilson der Dreißigjährige Krieg gerade „nicht in erster Linie ein Konfessionskrieg“. Schon die damaligen Glaubensbündnisse, die katholische Liga und die protestantische Union, waren konfessionell keine einheitlichen Blöcke, von der konfessionellen Zusammenstellung der Söldnerheere ganz zu schweigen. Genauso war der erste und lange Zeit wichtigste Verbündete Schwedens das katholische Frankreich mit Kardinal Richelieu an der Spitze. Aufgrund eigener politischer Interessen unterstützte der Papst nicht die Habsburger, sondern Frankreich. Entsprechend sieht Georg Schmidt im christlichen Konfessionsfundamentalismus vor allem ein „Konstrukt der Propaganda“, die es erlaubte „die politischen Interessen der Dynasten und Staaten zu bemänteln, zu legitimieren und zu popularisieren“. Die verschleierten Kriegsziele sowie die nicht durchschaubaren ordnungspolitischen Interessenskonflikte sind für Burkhardt ein wesentlicher Grund, warum die Friedensbemühungen so lange scheiterten.

Einen etwas anderen Akzent setzt Herfried Münkler (4). Nach ihm sind es vor allem die sich um 1600 neu aufladenden religiösen Spannungen – 1617 feierte das protestantische Deutschland das hundertjährige Reformationsjubliäum –, die zum Ausbruch des Krieges führten. Einigkeit herrscht dagegen in der Einschätzung, dass der „Prager Fenstersturz“ nicht notwendig zum Ausbruch des Krieges führen musste. Die verschiedenen Studien machen deutlich, dass die Entwicklung weder vorauszusehen noch von einem der politisch Handelnden beabsichtigt war. Jedenfalls wurde damals die mit 63 Jahren längste Periode „relativen Friedens“ in Deutschland (abgesehen von der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg) beendet, was keiner der damaligen Akteure wollte, aber jeder mehr oder weniger billigend in Kauf zu nehmen bereit war. In der Summe führten die Kurzsichtigkeit und Verblendung vieler politisch Verantwortlichen vor dem Hintergrund einer unübersichtlichen Gemengelage an politischen, religiösen und wirtschaftlichen Spannungen zu einem Krieg, der dann gerade aufgrund dieser vielen unterschiedlichen Partikularinteressen kaum mehr zu bändigen war.

Diese Unübersichtlichkeit an Interessen und Akteuren ist es zugleich, die den Dreißigjährigen Krieg und sein Ende im Westfälischen Frieden für die Gegenwart interessant machen. Bereits Frank-Walter Steinmeier (5) wies 2016 in seiner damaligen Funktion als Außenminister darauf hin, dass zwischen dem Konflikt in Syrien mit dessen „vielschichtigem Tableau von Akteuren und Konfliktebenen“ und dem Dreißigjährigen Krieg „offenkundig“ Parallelen bestehen: „Eine scheinbar begrenzte Aufstandsbewegung gegen den Herrscher löst eine Kaskade von Konflikten aus. Aufstrebende und etablierte Regionalmächte nutzen die Lage: Sie kämpfen um die Hegemonie, getrieben gleichermaßen von Machtstreben wie von Angst vor Einkreisung oder Unterlegenheit. Staatsführungen schwanken, ob sie Sicherheit besser durch territoriale Gewinne oder durch (kollektive) Vereinbarungen herstellen können. Externe Mächte schüren religiöse Konflikte, um sie für ihre Interessen zu nutzen. Kleinere Territorialfürsten nutzen den Windschatten übergeordneter Konflikte, um ihre Autonomie zu vergrößern.“ So vielfältig wie die von Steinmeier summarisch benannten Gründe, die zur Katastrophe der Jahre zwischen 1618 und 1648 geführt haben, so unterschiedlich sind die Schwerpunktsetzungen der neueren Literatur dazu.

Die größte Baustelle des Friedens

Der vergleichsweise schmale Band von Johannes Burkhardt (1) möchte die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg nutzen als Erkenntnis-Chance für eine „Neuvermessung des Friedensproblems“. Für ihn sind es gerade „die Länge und der Umfang des Krieges“, die ihn „auch zur wohl größten Baustelle des Friedens“ machten.

Der von Peter C. Hartmann und Florian Schuller (6) herausgegebene Sammelband, der zum 400. Gedenkjahr des Kriegsausbruchs neu aufgelegt wurde, bietet in Aufsätzen verschiedener Historiker eine facettenreiche Darstellung wie zugleich eine Gesamtschau auf den Konflikt, auf dessen wesentliche Handelnde wie die Folgen.

Das leitende Erkenntnisinteresse des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler (4) ist die Frage, ob der Krieg vor 400 Jahren eine „Blaupause für die Kriege des 21. Jahrhunderts“ bietet. Die Überwindung des Konflikts in der „Westfälischen Ordnung“ gelingt, weil fortan die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht aufgrund einer „Wertebindung oder religiöser Verpflichtung“ getroffen wurde, sondern unter Bezug auf das rationale Kalkül, auf die politischen Interessen der Staaten.

Die Besonderheit des Bandes von Christian Pantle (7) besteht darin, dass er die Aufzeichnungen des Söldners Peter Hagendorf und des Benediktinerpaters und späteren Abtes von Andechs, Maurus Friesenegger, zum roten Faden seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges macht. Dem Wissenschaftsjournalisten gelingt auf diese Weise ein Blick hinter die Zahlen und Fakten. Geschichte wird erlebbar an den Geschichten, ja den Lebensgeschichten zweier Menschen.

Die neue Studie von Georg Schmidt (3) – „Die Reiter der Apokalypse“ – weitet den Blick auf den kulturellen und sozialgeschichtlichen Horizont des Konflikts und zeichnet diesen im Kontext des Hoffens und Bangens der Menschen: vom Unheil verheißenden Kometen, der den Nachthimmel Mitteleuropas im Herbst 2018 erleuchtete, bis zu der Endzeit-Stimmung, in der der Krieg und die durch ihn verursachten Hungersnöte und Seuchen als die angekündigten „apokalyptischen Reiter“ erscheinen mussten, welche die Menschen für ihr sündiges Leben bestrafen – solange, bis sich „die Drohung mit Gottes Strafgericht verbraucht“ hatte.

Peter H. Wilson (2) ist die einzige nicht deutschsprachige Stimme unter den hier vorgestellten. Der Oxforder Militärhistoriker hat eine umfassende Analyse der militärischen Seite des Konflikts, an dem – mit der Ausnahme Russlands – alle europäischen Mächte beteiligt waren, vorgelegt.

Was auch immer der Grund sein mag, sich mit Ereignissen einer weit zurückliegenden Vergangenheit zu beschäftigen – die Auseinandersetzung könnte in jedem Fall dazu führen, die Zeit „relativen Friedens“ in Europa neu schätzen zu lernen und den Sinn dafür zu schärfen, wie wenig selbstverständlich dieses Glück ist.

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Der Westfälische Frieden als Denkmodell für den Mittleren OstenRede bei den Osnabrücker Friedensgesprächen

abrufbar unter: https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/160712-westfaelischer-frieden/282196

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