Papst Benedikt XVI. / Joseph RatzingerDer deutsche Theologe, der Papst wurde

Die Lebens-, Glaubens- und Theologiegeschichte des Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. aus der Sicht eines seiner Schüler.

Biografien zu Lebzeiten sind eine seltsame Gattung: Zum einen fehlt der zeitliche Abstand zu den Ereignissen und deren Wirkungsgeschichte, und zum anderen kann man auf Archivmaterial wegen der Sperrfristen kaum zurückgreifen. Der Vorteil ist, aus persönlichen Beobachtungen, Notizen und Gesprächen mit Zeitzeugen schöpfen zu können. Dieser Methode folgend, hat der italienische Theologe und Bestsellerautor Elio Guerriero eine einfühlsame und gut lesbare Biografie seines Lehrers vorgelegt. Man merkt, dass er Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. und dessen Theologie sehr nahesteht. Gleichwohl betont er eingangs, dass er damit nicht zum Seligsprechungsprozess beitragen möchte, ja dass die Kirche besser daran täte, auf Selig- und Heiligsprechungen von Päpsten zu verzichten, weil sie, wie Hans Urs von Balthasar gesagt habe, damit nur Gefahr liefe, „sich selbst und ihre Geschichte heilig zu sprechen“.

In 29 Kapiteln – von Kindheit und Jugend im Dritten Reich bis zum Lebensabend im Kloster „Mater ecclesiae“ – werden das Leben des deutschen Papstes und seine theologische Entwicklung strukturiert. Zugleich werden wertvolle Perspektiven auf das Konzil und die fünfzigjährige Wirkungsgeschichte Ratzingers geboten, orientiert am Blickwinkel des Porträtierten. Unter anderem geht es um „das Drama der Habilitationsschrift“ Ratzingers in München, die Arbeit am Konzil als Berater von Kardinal Frings, die Professorentätigkeit in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, die Gründung der Zeitschrift „Communio“, das Wirken als Erzbischof von München / Freising, die Arbeit als Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich die schwierigen Amtsjahre als Papst. Dabei wird Benedikt XVI. gemäß seiner berühmten Rede von der „martyrologischen Struktur des petrinischen Primats“ quasi als „Märtyrer“ des Papsttums gesehen. Seinen Rücktritt bezeichnet Guerriero als „prophetische Geste“. Sein Erbe fasst er so zusammen: „Der Kirche hinterlässt er den Aufruf zu einer neuen, konsequenteren Nachfolge Jesu; die Religionen und Staaten ermahnt er zur gegenseitigen Zusammenarbeit auf der Grundlage eines gesunden Laizismus.“ Benedikt XVI. sorgt sich um eine „korrekte Feier“ der Liturgie als Ausdruck der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit in der Kirche und ermutigt dazu, von einem „Übermaß an Strukturen“ Abschied zu nehmen.

Das Buch ist nicht ohne kritische Pointen, will aber keine kritische Biografie sein. Dazu müsste man den Wandlungen und Widersprüchen im Leben Ratzingers stärker Rechnung tragen sowie die Sicht seiner Gegner, denen es auch um die richtige Gestalt der Kirche in der Welt von heute geht, angemessen berücksichtigen. Ratzinger hatte zum Beispiel 1966 die Erklärung von Nijmegen unterzeichnet, in der, wie der Autor schreibt, „1360 Theologen aus 53 Ländern Forschungsfreiheit und Achtung der ‚Vielfalt der theologischen Schulen‘ und ‚Formen geistiger Offenheit‘ von Seiten der vatikanischen Organe, insbesondere der Kongregation für die Glaubenslehre, fordern“.

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