Adam und Eva und die ersten MenschenDas Menschenpaar des Anfangs

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung des Homo sapiens haben die Geschichte vom einzigen Elternpaar Adam und Eva längst widerlegt. Trotzdem kommt dem zugrundeliegenden Mythos in unserer Kultur eine große Kraft zu.

Gerade einmal zwei kurze Kapitel der Bibel erzählen von Adam und Eva. Und doch hatte ihre Deutung weitreichende Folgen für die Welt. Für den amerikanischen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt ist die Bibelstelle sogar der mächtigste Mythos der Menschheit überhaupt. Der Autor entfaltet ein brillantes geistiges wie sinnliches Panorama – vom Gilgamesch-Epos über die babylonische Gefangenschaft, den Kirchenlehrer Augustinus, den Koran, Voltaire und Darwin bis hin zu Schimpansen in Uganda. Stets bleibt Greenblatt dabei auf sein Ziel hin konzentriert: darzulegen, was genau diese Bibelstelle so erstaunlich wirkmächtig gemacht hat. Über Jahrhunderte habe sie geprägt, „wie wir über Verbrechen und Strafe, über Moral, Tod, Schmerz, Arbeit, Muße, Gemeinschaft …, Sexualität denken“. Mehr noch, auf knappstem Raum geht es im Mythos um die Frage, was eigentlich der Mensch ist – in seiner Gottähnlichkeit und gleichzeitig seiner Andersartigkeit. Und es geht um das Drama seiner Existenz in Freiheit, die unweigerlich das Böse mit einschließt, die menschlichen Abgründe bei aller Selbstverantwortung. So wirke der Mythos gleichzeitig befreiend und zerstörerisch. Erst seit der Aufklärung verstand zumindest die westliche Welt den Mythos nicht mehr wörtlich – was aber auch neue Fragen aufwarf, etwa, warum der allmächtige Gott so eifersüchtig, kleingeistig, widersinnig und bösartig auftreten kann.

Deutlich zeigt Greenblatt jedoch auch, dass nur das Christentum den Mythos als Sündenfall interpretiert hat, der dann folgerichtig von einem Erlöser wieder „ausgebügelt“ werden musste. Das Judentum konzentrierte sich weit mehr auf die Schöpfung des Menschen durch Gott und auf die Aufgabe in der Welt. Der Koran beschreibt den Grenzübertritt Adams und Evas nur als einen schlichten Irrtum. Adam gilt anschließend als der erste Prophet.

Auch die negativen Folgen der Interpretation als Sündenfall lässt Greenblatt nicht aus, etwa die Frauen- und Sexualfeindlichkeit. Dennoch habe der christliche Schöpfungsmythos bis heute eine gewaltige Kraft. Weltweit gebe es nicht wenige Christen, die ihn weiterhin wörtlich glauben. Offenbar schenkt der Mythos weit mehr Trost und Erklärung der Zustände in der Welt und im Menschen, als es jede Evolutionstheorie, Psychoanalyse oder Astrophysik tun könnte.

Angereichert wird der faszinierend reichhaltige Band durch einen farbigen Bildteil. Wie auch seine vorangegangenen Bücher ist Greenblatts neues Werk lustvolle Bildung im besten Sinne.

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Greenblatt, Stephen

Die Geschichte von Adam und EvaDer mächtigste Mythos der Menschheit

Siedler Verlag, München 2018, 448 S., 28 €

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