Artikel

2018

2017

  • Plus einfach leben Nr. 12 – 2017 S. 8-9

    Von Gott und PhysikBegegnungen. Michael Grün im Gespräch

    Mit seinem Bruder Anselm Grün hat er ein viel beachtetes Buch über Gott und die Quantenphysik geschrieben: „Zwei Seiten einer Medaille“. Auch nach seiner Pensionierung bleibt Michael Grün seiner wissenschaftlichen Neugier und seiner Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Menschen treu. Für einfach leben sagt er, was ihn dabei bewegt.

2016

  • Plus einfach leben Nr. 7 – 2016 S. 4-5

    Schönes schauen – tiefer sehenLebensthema

    Kontemplation heißt: schauen. Es geht darum, tiefer zu schauen, in den Grund zu sehen. Dort wird auf einmal alles klar, auch wenn in meinem Kopf noch vieles unklar ist. Ich kann es damit verbinden, bewusst das Schöne zu schauen, was sich mir bietet. Wer eine schöne Landschaft anschaut, schaut nicht, um zu beurteilen. Wer die Schönheit auf sich wirken lässt, wird ich ganz eins mit dem, was er schaut.

Wer ist das eigentlich: Gott?

Der Mystik in allen Religionen geht es darum, mit diesem unbegreiflichen Gott, der letztlich von seinem Wesen her Liebe ist, eins zu werden. Mystik ist nicht etwas Weltfernes, sondern ein Weg, nicht nur an Gott zu glauben, sondern ihn zu erfahren. Der indische Jesuit Antony de Mello definiert Mystik als Aufwachen zur Wirklichkeit. Wenn ich die Wirklichkeit mit wachen Augen wahrnehme, werde ich überall in ihr Gott sehen. Mystik meint nun, die Wirklichkeit so zu schauen, dass ich im Schauen mit ihr und mit Gott als dem Grund allen Seins eins werde. David Steindl-Rast hat darauf hingewiesen: Es gibt auch eine Mystik der Dankbarkeit in der Einsicht, dass wir unser Leben nicht uns selbst verdanken, sondern es als Geschenk empfangen haben.

Solche Erfahrungen der Bezogenheit auf Gott kann jeder und jede machen. Mit Gott eins werden ist nicht das Privileg der Mystiker oder spirituell besonders begabter oder „religiös musikalischer“ Menschen.

In der Eucharistie erfahren wir eine besonders intensive Form der Einswerdung. Wir werden in der Kommunion eins mit Jesus Christus – durchdrungen von seiner Liebe – und in ihm eins mit Gott und mit der ganzen Schöpfung. Und indem wir dieses Einswerden wahrnehmen werden wir auch mit uns selbst eins. Dann steht manchmal die Zeit still. Alles ist nur noch eins.

Aber die Erfahrung des Einsseins ist nicht darauf beschränkt. Jeder Mensch erfährt in seinem Leben immer wieder Augenblicke des Einsseins. Im Urlaub auf einer Bank sitzend fühlt er sich auf einmal eins mit sich und mit der Welt, einverstanden ist seinem Leben. In diesem Gefühl von Einssein ist er letztlich auch eins mit Gott. Denn dieses Gefühl schließt nichts aus. Es reicht in alle Bereiche des Seins. Solche Erfahrungen des Einsseins widerfahren auch Menschen, die von sich nicht behaupten würden, sie seien sehr religiös. In diesem Augenblick ahnen sie, dass ihr Sein über ihr enges Ich hinausreicht und das Geheimnis des Seins berührt. Nach meiner Überzeugung ist das letztlich Gott.

Ein anderer Weg ist die Meditation. Wenn wir ganz im Atem sind, erleben wir, wie Gottes Atem uns durchdringt und wie wir im Atem eins werden mit dem göttlichen Geist, der alles in uns belebt.

Wie müsste ich leben, um ihn wahrzunehmen?

Es braucht Aufmerksamkeit. Wir können diese Aufmerksamkeit zudröhnen im Lärm des Tages und zudecken mit unserem Aktivismus. Ich muss sehr sensible Fühler ausstrecken, um Gottes leise Impulse wahrzunehmen. Wir brauchen eine Antenne dafür. Die Haltung der Offenheit und der Achtsamkeit könnte eine solche Antenne sein.

Achtsamkeit ist ja nicht passiv und sie ist nie folgenlos: Ich achte auf das, was ich tue, nicht um mich zu kontrollieren, sondern um zu spüren, was ich um mich herum und in mir wahrnehme. Wenn ich in die Tiefe meines Herzens schaue, was nehme ich da wahr? Sind es nur meine eigenen Gedanken? Oder ist da nicht eine Ahnung von etwas, was mich übersteigt, was größer ist als ich selbst? Das ist dann eine Ahnung Gottes. Wenn ich achtsam durch meinen Alltag gehe, dann kann ich Gott wahrnehmen im Antlitz eines Menschen, der mich anschaut, in der Schönheit einer Blume, in der Stille um mich herum, in einer Kirche, die auf etwas verweist, was diese Welt überragt, ich kann im konzentrierten Hören einer Sinfonie oder im achtsamen Lesen eines Gedichts „aufgeschlossen“ werden für eine solche Erfahrung.

Ich kann freilich durch Meditation, Achtsamkeit oder Stille die Gotteserfahrung nicht erzwingen. Aber wenn ich achtsam lebe, wenn ich aufmerksam bin auf die Zeichen der Wirklichkeit um mich herum, werde ich Gottes Nähe und seine Impulse in mir und um mich herum eher wahrnehmen.

Das andere ist die Offenheit. Ich frage bei allem, was ich eigentlich sehe, höre, rieche, wahrnehme: Ist es nur die schöne Blume oder schaue ich in ihr nicht eine absolute Schönheit, etwas, das das einzelne Ding übersteigt? Oder ich frage mich bei meinen Gedanken: Kommen sie nur von mir oder schickt mir Gott diesen Gedanken, diesen Einfall, diesen Impuls? Ich rechne damit, dass Gott mich berührt und anrührt.

Vor allem aber muss ich – um Gott erfahren zu können – eine Beziehung zu mir selbst haben.Wenn ich mich selbst nicht spüre, kann ich auch Gott nicht spüren. Wenn ich nicht auf mich selbst höre, kann ich auch Gott nicht hören. Und wenn ich keine Beziehung zu mir selbst habe, kann ich die Beziehung zu Gott nicht wahrnehmen. Wenn ich mich spüre, spüre ich nicht gleich schon Gott. Aber wenn ich diesem Spüren bis in die Tiefen folge, bekomme ich eine Ahnung von etwas Größerem, das in mir und meiner Wirklichkeit ist.

Wenn es Gott gibt: Wo ist er?

Gott ist überall. Und er ist da, wo wir ihn in unser Herz einlassen. Wir dürfen ihn uns nicht wie einen Geist vorstellen, der sich unsichtbar hin und her bewegt und überall auftaucht. Gott ist vielmehr der Grund, der alles durchdringt, der Geist, der alles durchgeistet, die Energie, die in allem fließt, die Liebe, die alles durchwirkt. Er trägt die Welt und durchdringt die Welt. Er ist außerhalb von mir und zugleich in meinem Herzen. Er ist in der Welt und zugleich über der Welt. Manchmal muss ich mich von der Welt zurückziehen, um ihn in der Stille wahrzunehmen. Aber wenn ich achtsam genug bin, kann ich ihn überall wahrnehmen. Das apokryphe Thomasevangelium, ein gnostischer Text aus dem zweiten Jahrhundert, überliefert uns ein Wort Jesu, das lautet: „Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Aus mir ist das All hervorgegangen, und zu mir ist das All gelangt. Spaltet ein Stück Holz – ich bin da. Hebt den Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“

Wir können Gott nicht als Bild unter anderen Bildern sehen. Wir können ihn nur als den erkennen, der in allem und über allem ist, der ganz andere, der uns auf einmal in einem Bild anschaut, in einem Wort anspricht, der uns in einer Begegnung aufleuchtet und sich uns in der Schöpfung zeigt.

Wir können die Gegenwart Gottes nur in Gegensätzen denken: Gott ist in mir und außerhalb von mir. Er ist der Schöpfer, der die Welt trägt. Und er ist die Kraft, die alles durchdringt. Gott ist der, der mich begleitet. Und er ist der ferne und unbegreifliche Gott. Er ist der Unfassbare, vor dem ich niederfalle und den ich anbete. Und er ist der, der mich mit seiner Liebe einhüllt, in dessen heilender Gegenwart ich geborgen bin. Er ist der, der mich herausfordert und auf den Weg schickt, und der, der mich trägt und mir Heimat schenkt. Er ist der ganz Andere und doch auch ganz in mir. Dort wo ich ganz ich selbst bin, bin ich auch in Berührung mit Gott, der mich zu meinem wahren Selbst führt.

Ich kann diesen Gott vor allem in der Welt erfahren und zwar durch meine Sinne. Ich kann in der Schönheit der Welt die Schönheit schlechthin schauen. Die Schönheit schlechthin ist Gott. Ich kann in einem menschlichen Wort sein Wort hören und in der Musik das Unhörbare erahnen. Ich kann im Wein Gottes süßen Geschmack schmecken, im Duft des Weihrauchs etwas von seinem Geheimnis riechen und in der Blume Gottes Zärtlichkeit ertasten. Aber ich kann ihn nicht direkt greifen. Die Sinne weisen über sich hinaus auf das Unerfahrbare und Unsichtbare und Unhörbare. Wenn ich den Sternenhimmel anschaue, dann geht mir etwas von seiner Größe und Schönheit auf.

Auch die Geschichte ist der Ort, an dem ich Gott erfahren kann. Ich kann in der Weltgeschichte einzelne Ereignisse festmachen, von denen der Glaube sagt: Hier hat Gott sich gezeigt. Da sind die Geburt seines Sohnes, sein geschichtliches Wirken in Palästina und sein Tod und seine Auferstehung. Ich kann geschichtliche Erfahrungen von Befreiung als Erfahrung Gottes deuten und etwa – ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit – den Mauerfall ohne blutige Gewalt als Gotteserfahrung verstehen. Und ich kann in meiner eigenen Lebensgeschichte genügend Beispiele aufzählen, wo ich sagen darf: Da habe ich Gottes Nähe, seinen Schutz, seine Fürsorge und Liebe gespürt. Da hat mich etwas Numinoses angerührt, das ich nur mit Gott bezeichnen kann. Die Erfahrung Gottes setzt nicht immer die Erfahrung einer heilen Welt voraus. Und wir erfahren Gott auch nicht immer nur im Guten. Oft ist es gerade so, dass wir dort, wo uns etwas Schweres widerfahren ist, ein Leid uns getroffen hat oder wo jemand uns Böses angetan hat, wir zugleich etwas gespürt haben, was uns trägt, was uns dem Bösen entreißt und was uns mitten im Leid eine Ahnung von Frieden schenkt, der tiefer ist als äußeres Wohlergehen.

Aber genauso wichtig ist für mich auch, Gott in meinem Innern zu erfahren. Augustinus, der große Kirchenvater sagt, dass Gott uns innerlicher ist als wir uns selbst sind. Wenn wir also in uns gehen, können wir ihn erahnen. Der Gott, der in uns ist, entzieht sich aber unserem Zugriff. Er ist unverfügbar und doch ist er in uns. In dem Raum der Stille, zu dem kein menschlicher Gedanke vordringt, da wohnt er in uns. Und manchmal können wir ihn spüren. Dann sind wir ganz eins mit uns selbst. In diesem Augenblick vergessen wir uns selbst. Da reflektieren wir nicht über unsere Erfahrung, sondern wir sind einfach nur da. Und indem wir da sind, sind wir in ihm und er ist in uns.

Muss ich an Gott glauben, um seine Hilfe zu erfahren?

Normalerweise sind es Gläubige, die Gottes Hilfe erfahren. Aber es gibt auch Menschen, die zu glauben erst beginnen, wenn sie – ohne Glauben – auf einmal eine Hilfe erfahren, die sie sich nicht erklären können. Dann stehen sie staunend vor einem Wunder. Und das Wunder treibt sie dazu, an Gottes Hilfe zu glauben. So hat Gott schon viele Menschen angesprochen und sie durch seine unerwartete Hilfe zur Umkehr gerufen. Natürlich gibt es auch Menschen, die diese Hilfe erfahren haben und sie nicht mit Gott in Verbindung bringen. Sie schreiben die Hilfe dem Zufall oder ihren eigenen Überlegungen und Strategien zu. Das ist natürlich auch möglich. Aber damit wird das Leben nicht lebenswerter, sondern eher ärmer und kälter.

Aber Gott hilft nicht nur denen, die an ihn glauben. Niemand fällt aus seiner Fürsorge heraus. Jesus sagt von Gott, dass er seine Sonne über Böse und Gute scheinen und es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt (vgl. Mt 5,45). Wenn ich die Heilung meiner Krankheit oder das Bewahrtwerden vor einem Unfall nur dem Zufall zuschreibe, so verliert mein Leben an Tiefe. Ich weiß dann gar nicht, wem ich dankbar dafür sein soll, dass ich gerettet wurde. Es ist dann eben einfach so, und es könnte auch ganz anders sein. Wenn alles nur Zufall ist, dann verliert mein Leben an Sinn und alles wird absurd, ungereimt und widersinnig.

Gekürzt aus: Anselm Grün, Das Buch der Antworten (Herder, 2011)