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Nr. 5 – 2021Alte und Kinder – eine besondere Beziehung

Inhalt
1. Auflage 2021
44 Seiten
ISBN: 978-3-451-00863-4
Bestellnummer: P008631

Reine Herzensfreude!

Wir sind klein und ihr seid alt“ – so der Titel einer mehrteiligen TV-Dokumentation. Nach dem Motto „Kindergarten meets Altersheim“ wurden quotenträchtig zwei Menschengruppen zusammengebracht, die sonst eher fürsorglich getrennt voneinander leben: Zehn Kindergartenkinder und zehn Senioren verbringen unter Anleitung Zeit, lernen sich kennen, basteln, spielen miteinander. Alltag ist das nicht. Eher eine Versuchsanordnung unter geschützten Laborbedingungen. Die aber zeigt: Beide profitieren, beiden tut es gut. Den Alten hilft die Abwechslung, aus der Isolation zu kommen, Einsamkeit zu vertreiben, Erinnerung zu beleben, fit und mental positiv zu bleiben. Und die Kleinen entwickeln spontan Sympathien, stellen Fragen, sind neugierig, erfahren Anregung, eine ganz andere Welt tut sich ihnen auf: eine Ahnung von Zukunft, aber auch das Gefühl von Dauer.

Die einen unbekümmert, offen, spontan, unverbogen, kreativ und voller Lebenslust. Die anderen langsamer, aber mit Erfahrung eines gelebten Lebens, einem großen Lebenshorizont, mit Lebenswissen, vielleicht sogar mit Weisheit. Was sie verbindet? Kinder und alte Menschen haben vor allem Zeit. Und sie brauchen Zeit. Und sie haben ein besonderes Verhältnis zur Zeit, die sie noch vor sich oder schon hinter sich haben: Sie leben zwischen „schon“ und „noch nicht“. Das verbindet sie. Es macht sie verletzlich, aber es ist auch ihre Stärke.
Warum rührt es so an, wenn man an die Beziehung von Kindern und alten Menschen denkt? Dazu eine Szene mit einem sehr kleinen Kind und einem schon alten, sehr kranken Mann. Der war nach vielen Klinikaufenthalten lange bettlägerig und haderte mit dem Schicksal, weil er untätig sein musste, während das Leben um ihn herum auf dem Hof und im Geschäft weiterging. Und da haben sie ihm einmal einfach seinen kleinen Enkel aufs Bett gelegt. Und der wusste von all dem nichts, strahlte nur, lachte unbeschwert, krabbelte ihm auf der Bettdecke schnurstracks entgegen: die reine Lebenslust, bloße neugierige Entdeckerfreude. In diesem Moment schmolz alle Bitterkeit. Ein gemeinsames Lächeln, das die zwei verband, das vom Sieg des Lebens erzählte, von einem Zwischenraum ganz neuer Möglichkeiten. Es war Resonanz, die die Lebenszuversicht des Kleinen im Alten auslöste. Die Erfahrung der Verbundenheit gerade in der Schwäche – sie ist eine Stärke des Lebens.

Oder eine andere Geschichte: Da erinnert sich ein weit über 70-Jähriger noch, dass ihn als kleines Kind damals eine ältere Flüchtlingsfrau, die es in sein Dorf verschlagen hatte, mit dem Kinderwagen durch den Ort geschoben hatte und ihm Sympathie und Zuneigung zeigte: „Sie hat mir einfach etwas zu verstehen gegeben, wozu andere keine oder wenig Zeit hatten. Ich spürte auf einmal: Ich bin wer!“ Eine Erfahrung, die seinem Leben auf leise Weise festen Boden unter die Füße gegeben hat. Bis ins Alter hat er das nicht vergessen.

Es müssen also nicht nur Großeltern sein. Aber im Verhältnis von Großeltern und Enkeln ist etwas ganz Besonderes wirksam. Natürlich sollte man das auch nicht idealisieren. Aber es liegt ein besonderer Charme und eine Kraft in dieser Beziehung. Ältere freuen sich zutiefst an der vitalen Lebendigkeit, der Selbstvergessenheit und der unbeschwerten Lebenslust bei Kindern. Schon der griechische Philosoph Heraklit hat im spielenden Kind etwas Göttliches gesehen, den Ausfluss einer Art Urlust. Und auch der christliche Mystiker Meister Eckhart veranschaulichte einmal das Wesen Gottes im Bild eines jungen Pferdes, das auf der Wiese hin und her springt: unbeirrbare und unverzweckte Lebendigkeit. Wenn alte Menschen solche Lebendigkeit, wie Kinder sie zeigen, auf ihr eigenes schwächer werdendes Leben beziehen, ist es auch eine Transzendenzerfahrung für sie: zu erleben, dass Leben über ihre eigene Begrenztheit hinaus- und weitergeht. Wenn sie an dieser Lebendigkeit Anteil haben, dann ist das reine Herzensfreude – und tröstlich dazu. Etwas Neues wird möglich.
Und für Kinder umgekehrt: In der Großelternbeziehung erfahren auch sie ein Geschenk: vorurteilsfreie unterstützende Zugewandtheit, fürsorgliche Sicherheit und Schutz. Großeltern können die Kleinen so sein lassen, wie sie sind. Ohne erzieherische Interventionen, disziplinierende Programme und feste Lebens- oder Karriereziele. Gerade im unbegrenzten Wohlwollen, in der manchmal belächelten verschwenderischen Liebe finden sie ein besonderes Glück auch für sich selber.
Das ist nochmal eine ganz andere Rolle als bei der elterlichen Verantwortung. Ein Miteinander, das auch über innerfamiliäre Beziehungen weit hinausgeht. Auch über das, was ein Generationenvertrag anzielt.

Kinder und Alte sind nicht nur wegen der Rente aufeinander angewiesen. Sie haben sich gegenseitig, aber auch uns anderen – viel zu geben, wenn sie ihr Kindsein und ihr Altsein einfach leben.

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