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In die Natur. Ins Freie!September

Inhalt
1. Auflage 2020
44 Seiten
ISBN: 978-3-451-00854-2
Bestellnummer: P008540

„Ich brauche die Sonne und die frische Luft wie Brot und Wasser“, schrieb im Mai eine Freundin aus Madrid. Sie hielt es während der Corona-Endemie unter den strengen Quarantäneregelungen nicht mehr aus. Eingesperrt in die eigene Wohnung, ohne Möglichkeit, in der Stadt zu flanieren. Alle Parks geschlossen, die freie Natur unerreichbar. In dieser Extremsituation wurde die Hoffnung, bald wieder „unter frei- em Himmel“ zu sein, zum Traum von der Freiheit selbst.

„Ohne Spazieren wäre ich tot.“ So hatte schon der Schweizer Dichter Robert Walser (1878-1956) sein Lebensgefühl beschrieben. Im absichtslosen Gehen passiert für ihn das Entscheidende: Mit offenen und ungetrübten Augen unterwegs sein. Sich bewegen und selber belebt werden in der Begegnung mit anderen und vor allem mit der Natur. Die festgefahrenen Gedanken freisetzen und der Phantasie Auslauf geben: Die ganze Innenwelt kommuniziert mit der Außenwelt, wenn man so durch die Welt geht.

Man liest heute von der wieder steigenden Beliebtheit der Wanderbewegung. Trotzdem ist es erstaunlich: „Die meisten Menschen gehen nicht in die Natur, in Deutschland nur etwa sechs Prozent regelmäßig“, weiß die Magdeburger Umweltpsychologin Ellen Mathies (FAZ, 22. 5. 2020). Seit den Ausgangsbeschränkungen ist aber vielen klar geworden: Es tut einfach gut, die geschlossenen Räume hinter sich zu lassen, auszubrechen aus der überfüllten Stadt, deren Lärm einen ständig zudröhnt. Heraus aus der Enge der kleinen Wohnung, in der einem alles auf den Kopf fällt, weg aus dem voll gestylten und vollgestellten Großraumbüro, hinaus ins Freie, in die Natur. Wozu? Um zu sich zu kommen! Durchatmen, sich bewegen, mit allen Sinnen wahrnehmen. Sich spüren. Einfach sein.

„Komm, wir wollen unter Bäume gehen“, beginnt ein Gedicht von Gertrud Kolmar („Spaziergang“). Es ist wie ein Impuls, sich eine Freude zu gönnen, den Alltag zu verwandeln. Wandeln unter Bäumen – ohne Absicht, ohne Zwecke: Kann darin der Sinn des Lebens liegen, wie jemand gesagt hat? Jedenfalls kommt man ihm so vermutlich etwas näher.

Nicht wenige haben das Privileg, in einer Gegend zu wohnen, in der es nur wenige Minuten in den Wald sind. Ein paar Schritte nur und es geht hinein in einen Raum, der einfach nur wohltut, auch wenn man immer wieder den gleichen Weg geht: Das erste Grün der Büsche im aufkommenden Frühling. Das Grün, das dann aus dem Boden drängt, die vielfältigen dunklen und hellen Grüns des Mischwalds im Sommer. Die große Mystikerin des Mittelalters Hildegard von Bingen hat von der „Grünkraft“ der gesamten Natur gesprochen, von einer Lebenskraft, die Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien innewohnt und Fruchtbarkeit, Erneuerung, Frische und Energie spüren lässt, Körper und Seele stärkt.

Heutige Wissenschaftler sind da konkreter: Waldluft enthält 90 Prozent weniger Staubteilchen als Stadtluft. Der Wald verbindet uns quasi mit einer großen Lunge, in der man Gesundheit einatmen kann. Da ist zudem Stille, die aller Hektik einen Dämpfer gibt und einen eigenen Kraftraum schafft. Wir atmen Terpene ein, die das Immunsystem stimulieren. Der Blutdruck senkt sich, der Cortisolspiegel sinkt, Stress wird abgebaut, wenn man durch Wälder wandert. Offener und gelöster kann man so werden, sogar heiterer und insgesamt positiver.

Natürlich kann man auch in Stadtvierteln spazieren gehen, sich am lebhaften Verkehr freuen, alte und neue Häuser anschauen, Menschen beobachten, über Ampeln die Straßen queren und flanieren, von Schaufenster zu Schaufenster – die freilich alle etwas von einem wollen, und ständig „kauf mich, kauf mich“ flüstern, locken, rufen.

Die Natur dagegen will nichts von dir. Du kannst joggen, gemütlich schlendern oder schneller gehen. Du kannst einen langen Fluss entlang radeln und den Blick auf das strömende Wasser haben. Oder auf einen hohen Berg steigen und auf dem Gipfel unerwartete Aussichten erhoffen. Oder am Meer entlanggehen, endlos. Und bist immer bei dir – und in Resonanz mit dem umgebenden Raum der Natur: Das ist das Glück, das draußen, im Freien liegt.

Zugegeben: Ich gehe zwischendurch auch ins Fitness-Studio. Auch auf dem Laufband kann man ins Schwitzen kommen und seinen Körper spüren. Man kann sogar die Steigungen im Gelände am Gerät simulieren. Und man kann auch da die Gedanken schweifen lassen. Aber Weite, Offenheit, die Harmonie der Welt, erfährt man wohl nur und sicher am schönsten im Freien, an der frischen Luft. Man verliert auch im Fitness-Studio vielleicht ein paar Pfunde. Aber dieses Gefühl der Freiheit, das ist etwas anderes. Natur ist Raum zum Leben, Lebensmedium. Ja, Lebensmittel, „notwendig wie das tägliche Brot“. So hatte die Freundin aus Madrid geschrieben.

 

Editorial von Rudolf Walter

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