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Umfrage: Trost

Nr. 9 – 2021September

Inhalt
1. Auflage 2021
44 Seiten
ISBN: 978-3-451-00859-7
Bestellnummer: P008599

„Una bella cena natale. Ein schönes Weihnachtsessen!“ – das wünschte Papst Franziskus, nachdem er in seiner weihnachtlichen Urbi-et-orbi-Botschaft 2020 eine aus den Fugen geratene Welt beschrieben und beklagt hatte: Pandemie, Kriege und Terror, Hungersnöte und Verfolgungen, ökologische Krisen und Naturkatastrophen. Mit dem abschließenden Wunsch wurde nichts beschönigt, nichts relativiert. Aber irgendwie tröstlich klang es doch: Es gibt da noch eine andere Wirklichkeit. Und auch sie ist real!
Ob wir von Kindern, Erwachsenen oder Alten sprechen, ob es nur die kleinen Enttäuschungen sind, der Alltagsfrust oder die großen Dunkelheiten des Daseins, die uns schier verzweifeln lassen: Trost brauchen – und suchen – wir, in unserer Welt, in der so manches schief läuft. Alle, immer wieder. Mal mehr und dringlich, manchmal gerne auch in kleineren Dosen.
Wenn etwas „tröstlich“ ist, heißt das nicht: Die Welt ist heil und alles sollte so bleiben wie es ist. Sondern: Es ist nicht alles in Trümmern. Und da gibt es, hoffentlich, noch etwas anderes, etwas, woran man Halt finden kann.
Trost – das Wort kennt auch Schatten. Ein „Trostpreis“ geht eigentlich an Verlierer. „Trostpflästerchen“ decken die Not nicht wirklich zu. Sogar vom „Tröster Alkohol“ spricht man, der Schmerz betäuben und die Stimmung aufhellen kann – aber nur vorübergehend, bis zum Kater: falscher Trost. Und es gibt – nicht nur in Religionen – die „Vertröstung“ auf irgendwann später, die der Wahrheit nicht ins Auge schaut und die harte Gegenwart nur wortreich zudeckt.
„Bist du noch bei Trost?“ Wer das fragt, meint: Du bist labil, unzurechnungsfähig, ja womöglich verrückt! Und „trostlos“, das kann eine durch Zerstörung hässliche Landschaft sein, verödet und seelenlos. Aber auch ein abgestorbenes Inneres, eine aussichtlose existentielle Situation. Abgeschnitten von der Lebendigkeit. Stockfinstere Nacht. Aus einer tristen Landschaft kann man fliehen – nichts wie weg. Aber wo sind Auswege, wenn die Seele in Verzweiflung erstarrt? Was gibt da Hoffnung, dass alles wieder gut wird?
Wer fragt, was tröstlich ist, leugnet keineswegs, dass das Leben schwer sein kann. Er setzt nicht auf Vergessen, Verdrängen oder Vertrösten. Aber er sucht nach etwas, was er dem zumindest beimischen kann, was ihn so bitter ankommt.
Beides gehört zum Leben: Das Schwere, dem man sich stellen muss. Und das Sanfte, Schöne, das hilft, es auszuhalten. Die Erfahrung des Todes neben der Erfahrung, dass Leben wertvoll ist. Trotz allem und gerade wegen seiner Endlichkeit.
Wie umgehen mit dieser Spannung? Was hilft, wenn die Seele leidet?
Der große Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, hat darüber eine eigene Abhandlung geschrieben: „Über die Tröstungen der Seele“. Er sah Trostquellen in der Wirklichkeit selber: in der Natur ebenso wie in der Mitwelt, in mir selbst wie in der Fähigkeit, mich zu übersteigen: in der Wahrheit und im Gebet, in Freundschaft, Tränen und Lust, auch Bad und Schlaf nennt er – sieben Tröstungen: Die Wahrheit: Was beschönigt, kann nicht trösten, weil es die Wirklichkeit nicht ernst nimmt. Und nur eine Freundschaft, die wahr ist, kann helfen.
Oder das Gebet: auch in der Situation der Verlorenheit setzt es, ob klagend oder bittend, darauf, dass ich nicht ganz allein und verloren bin, dass da jemand ist, der mich wahrnimmt, sich mir zuwendet, vielleicht sogar hilft.
Freundschaft: Gerade wenn ich mich verloren fühle, ist es ein Gegengewicht zu meiner Not, wenn mir jemand beisteht und mich aushält, mir nah ist, gesprächsbereit, mich in Gemeinschaft hält und mit anderen verbindet.
Tränen: den Schmerz zulassen und mein Gefühle ausdrücken, meine Bedürftigkeit akzeptieren – das kann das Erstarrte in mir lockern, Lebendigkeit erhalten und neuen Anschluss ans Leben schenken. Vielleicht wird danach ein neuer Blick auf die schönen Dinge möglich, die der Seele guttun und den Körper entspannen.
Freuden: offen bleiben für alles, was die Lebenslust weckt und Leichtigkeit stärkt. Auch kleine Momente des Schönen wahrnehmen, die einen anderen Blick eröffnen, einen herauslocken aus der eigenen Schwere.
Ein Bad – heiß oder kalt – belebt. Es kann erfrischen oder wärmen. Und es kann mit der äußeren Reinigung auch Inneres klären und abwaschen.
Und auch der Schlaf, der regeneriert, zur Ruhe kommen lässt und heilsamen Abstand gibt, Gedankenschleifen unterbricht, Zeit und Raum gibt zur Verarbeitung des Schmerzhaften: Auch er tut Leib und Seele wohl.
All das kann man erproben, ergänzen, erweitern, für sich neu finden. Jeder oder jede anders, je nach Situation. Übrigens antwortete sogar der Dalai Lama einmal auf die Frage nach dem Weg zum Glück: „Schlaf! Und gutes Essen!“ Manchmal, wenn alles in einem kalt ist, hilft tatsächlich schon, wenn einem jemand eine heiße Suppe anbietet. Der Papst hat Recht: Inmitten des Elends der Welt, tut auch ein schönes Mittagessen gut.

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