Jan Heiner Tück über Paul CelanWie geht Gotteslob nach Auschwitz?

Fast ein Viertel des lesenswerten Buches geht den religiösen und theologischen Provokationen nach, die sich aus dem Dialog mit Celan ergeben.

Die Gedichte Paul Celans sind keine selbstgenügsamen Kunstwerke, obwohl sie nach allen Regeln dichterischer Kunst gearbeitet sind. Sie sind Gedächtnisarbeit und Suchbewegung, „für die Lebenden geschrieben, allerdings für diejenigen, die der Toten eingedenk bleiben (wollen)“. Allen seinen Gedichten ist die faktische Gewaltgeschichte eingeschrieben, seine eigene und die so vieler. Damit „fertig“ zu werden, macht sie oft mehrschichtig und zunächst schwer zugänglich. Aber hermetisch sind sie nicht, vielmehr ungeheuer realitätshaltig und widerständig gegen alles Vergessen.

Jan-Heiner Tück, der poesie-sensible Theologe, hilft, Celan zu lesen – im hundertsten Geburts- und fünfzigsten Todesjahr des Dichters. Das ist von den Texten her geboten, zumal sich der belesene Celan intensiv auch mit philosophisch-theologischen Fragen speziell des jüdischen Erbes beschäftigt hat, nachweislich auch mit Meister Eckhart und natürlich Martin Heidegger. Man mag bedauern, dass sich Tück bei den sechs genauen Einzelinterpretationen nur auf einen Gedichtband und Werkabschnitt beschränkt, einen freilich sehr zentralen. Aber diese Konzentration auf „Die Niemandsrose“ von 1963 zeigt beispielhaft umso genauer und bis ins Detail, wie sich diese Poesie erschließen lässt.

Zuvor kommen Leben und Werk Celans kenntnis- und facettenreich zur Darstellung. Fast ein Viertel des lesenswerten Buches geht dann den religiösen und theologischen Provokationen nach, die sich aus dem Dialog mit Celan ergeben. Sie betreffen natürlich die Theodizeefrage und das jüdisch-christliche Gotteserbe. „Wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend“ müsse vor allem die Sprache des Glaubensdenkens und Betens sein. Auch hier gelingen Tück glänzende Markierungen. Nicht zufällig steht schon im Titel dieses reichhaltigen Buches das abgründige Paradox des Lobens nach Auschwitz und Golgotha. Überzeugend widersteht Tück dabei der theologischen Berufsgefahr, stets „auf Bedeutungsjagd“ das poetische Werk zum Steinbruch goldener Schlussworte machen zu wollen.

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