Eine Geburt als Verlust?

Es geht Mark Greengrass letztlich um eine Bestimmung des Begriffs Europa und eine Besinnung auf die Entstehung des modernen Europa, das die Zeit zwischen dem Beginn der Reformation und dem Frieden von Münster und Osnabrück hervorgebracht habe. Europa sei nicht in erster Linie ein geografischer Begriff, sondern eine Idee: Geboren sei sie aus der protestantischen Reformation, und eigentümlich sei ihr das Spannungsverhältnis zwischen spiritueller und machtpolitischer Sphäre ebenso wie die Dynamik der ständigen Neujustierung des Verhältnisses zwischen Herrschern und Beherrschten. Zwangsläufig hätten diese Spannungen sich in der Steigerung des Dreißigjährigen Krieges, seinem Töten und Zerstören, entladen müssen. Dabei legt Greengrass Wert auf die Feststellung, dass dieser Krieg aller Kriege keine Krise darstelle. „Das Christentum zerfiel, aber die Christenheit brach nicht zusammen.“

Nicht erst an diesem Resümee wird deutlich, dass Greengrass im Unterschied zu den meisten Autoren der Bücher zum Dreißigjährigen Krieg diesen nicht in erster Linie als Konflikt kühl kalkulierender Männer vom Schlage des Kardinals Richelieu deutet, denen der religiöse Streit zwischen Katholiken und Reformatoren lediglich Vorwand ihrer Machtpolitik war. Vielmehr sieht Greengrass in dieser durch den Friedensschluss von Münster zu Ende gehenden Epoche auch das Ende eines christlichen Gemeinwesens, dass sich nur schwer „gegenüber der neueren Konzeption absoluter Herrschaft würde behaupten können“.

Gleichzeitig kommt der Autor zu dem fragwürdigen Schluss, dass 1648 „auch keine neue internationale Ordnung errichtet“ wurde. Diese merkwürdige Interpretation der europäischen Geschichte und Staatenordnung, die ja selbst durch Napoleon nicht grundsätzlich erschüttert wurde und bis 1918 Bestand hatte, wird erst dann verständlich, wenn man berücksichtigt, dass Greengrass das sich in der frühen Neuzeit herausbildende europäische Selbstverständnis als Verlustgeschichte deutet – zulasten nämlich dessen, was er als „das westliche Christentum“ bezeichnet, dessen Untergang er beklagt. Insofern ist die sehr freie Übersetzung des englischen Originaltitels „Christendom Destroyed“durchaus plausibel. Aber ist nicht das von Greengrass beschworene westliche Christentum – dieses „große Projekt, das auf die europäische Einheit zielte und ein Jahrtausend brauchte, um zur Reife zu gelangen“ – letztlich das Ergebnis einer idealisierenden Projektion? Wenn das europäische Mittelalter als Paradies dargestellt wird, aus dem die Christenheit vertrieben wurde, lässt sich indes das aus der Reformation und dem Zeitalter der Entdeckungen resultierende Europa umso leichter dämonisieren.

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Greengrass, Mark

Das verlorene ParadiesEuropa 1517–1648

Theiss Verlag, Darmstadt 2018, 781 S., 39,95 €

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