Nicht nur Konfession, sondern vor allem Konvention

Ildefonso Falcones begleitet Barcelona auf dem Weg in die Moderne. Nicht gut für die Kirche.

Aber Sie haben ihn auch gezwungen, ihre Ansichten anzunehmen“, mischte sich Emma ein und schob den jungen Mann beiseite. „Und zur Messe zu gehen. Und schweigend der Ungerechtigkeit zuzusehen. Und sich vor den Reichen und Mächtigen zu ducken. Und im Glauben an das Schicksal Unglück und Elend hinzunehmen. Und seine Instinkte zu unterdrücken…Brennen soll dieser Tempel des Betrugs und der Unterdrückung der menschlichen Freiheit!“

Und dann stecken die Aufständischen das Heim der Töchter der christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul in Brand, wie rund 60 weitere Kirchen, Klöster und Schulen. Die katholische Kirche als Institution ist ein Hauptziel der Anarchisten und Republikaner, die in der „tragischen Woche“ Ende Juli 1909 die katalonische Hauptstadt in Schutt und Asche legen. Gespannt und fassungslos wird der Leser von diesem Zerstörungswerk mitgerissen, merkwürdig berührt, weil ihm zwei der Anführer des Brandzuges über die letzten Jahre, über 600 Seiten ans Herz gewachsen sind.

Der talentierte Maler Dalmau Sala, der in einer Keramikfabrik Fliesen gestaltet, und seine Freundin Emma kämpfen um die Rechte der Arbeiterklasse im Barcelona am Beginn der Moderne. Als Dalmaus Schwester und Emmas beste Freundin nach einer Demonstration stirbt, zerbricht ihre Beziehung. Aber vorbei ist sie nicht. Dalmaus und Emmas Schicksal entfaltet sich vor dem schwelenden Konflikt zwischen einer bourgeoisen, frömmelnden Elite und einer Arbeiterschicht, die gerade dabei ist, sich zu politisieren und zu radikalisieren. Protagonistin, Symbol und Angriffsfläche ist die Kirche, unter deren Deckmantel brüchig gewordene Konventionen gekittet werden. Dalmau versucht mit Hilfe seiner Kreativität und seines bigotten Chefs Don Bello den Aufstieg in die Welt der Schönen und Reichen. Emma hingegen wird zum Star der neuen Republikaner und zur Arbeiterführerin. So wird klar, dass die beiden nicht mehr zusammenfinden, auch wenn sie nicht wirklich voneinander loskommen. Und dann stürzen beide tief …

„Die Tränen der Welt“ ist Ildefonso Falcones’ fünfter Roman. Der erfolgreiche Anwalt aus Barcelona wurde 2008 mit seinem Erstling „Die Kathedrale des Meeres“ weltberühmt – der Roman um den Bau der Kirche Santa Maria del Mar wurde inzwischen zehn Millionen Mal verkauft und machte Falcones zum Ken Follett Spaniens. Leichtfüßig, rasant, spannend nimmt Falcones seine Leser immer wieder mit in die Geschichte Spaniens. Die ist mit dem Wirken der Kirche untrennbar verbunden, einem Wirken, das nicht im Glauben eint, sondern die Gesellschaft trennt. „Katholisch“ ist in Spanien nicht nur Konfession, sondern vor allem Konvention.

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Falcones, Ildefonso

Die Tränen der WeltRoman

(C. Bertelsmann Verlag, München 2021, 704 S., 25 €)

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