Der eine Gott und die Götter (71)Höre, Israel!

Das Bekenntnis zum einen und einzigen Gott ist das zentrale Credo des Judentums – und gilt auch für Christen. Sein Ursprung ist mehrdeutig.

Höre Israel! JHWH, unser Gott, JHWH ist einzig.“ Mit diesem Bekenntnis zum einen und einzigen Gott Israels wird die älteste Fassung des Deuteronomiums aus der Zeit König Joschijas (639–609 v. Chr.) programmatisch eröffnet. In Verbindung mit dem folgenden Hauptgebot der Gottesliebe bildet der Text ein theologisches Kernstück der Tora: „Darum sollst du JHWH, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5). Bis heute bildet dieser Text das Grundbekenntnis des Judentums. Dreimal am Tag rezitiert jeder fromme Jude das „Sch’ma Jisrael“, wie der Text auf Hebräisch genannt wird. Auch im Christentum hat das Bekenntnis nichts von seiner Gültigkeit verloren. Auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot antwortet Jesus mit dem „Höre, Israel!“. Und er fügt als zweites Gebot ebenfalls aus der Tora hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Lev 19,18; Mk 12,28–31).

Es gibt nur einen Gott

Das „Höre, Israel!“ kann in einem monojahwistischen, in einem monolatrischen und in einem monotheistischen Sinn verstanden werden. Im monojahwistischen Verständnis zielt es auf die Einheit JHWHs und richtet sich gegen die Annahme einer Vielzahl unterschiedlicher lokaler JHWH-Manifestationen. Diese Deutung hat aufgrund epigraphischer Funde in den letzten Jahren an Auftrieb gewonnen. Die Inschriften von Kuntillet Adschrud aus dem nördlichen Sinai sprechen von einem „JHWH von Samaria“ und einem „JHWH von Teman“. Ihm wird Aschera als Partnerin an die Seite gestellt, wenn es in einer Segensformel heißt: „Ich segne euch von JHWH von Samaria und von seiner Aschera“. Gegenüber solchen Annahmen „vieler JHWHs“ betont das Bekenntnis die Einheit dieses Gottes.

Vom Hauptgebot des Dekalogs her gelesen (Dtn 5,10: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“) bekommt das Bekenntnis einen monolatrischen Sinn. Diese Deutung wird insbesondere durch die Fortsetzung mit dem Gebot der Gottesliebe nahegelegt: „Darum sollst du JHWH, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5). Das Prädikat ächad im Sinne von einzig, einzigartig ist ein Topos der Liebessprache (vgl. Hld 6,8f.: „Einzig ist meine Taube, meine Makellose…). Weil JHWH von den vielen bekannten Göttern allein der Gott Israels ist – „JHWH, unser Gott“ –, soll Israel allein JHWH als seinen Gott lieben und keinen anderen. In diesem Verständnis hebt das Bekenntnis die Einzigkeit und Einzigartigkeit JHWHs hervor. Die Einzigkeit beschränkt sich dabei nicht wie in vergleichbaren Aussagen polytheistischer Religionen auf die Hervorhebung JHWHs, sondern ist auf Ausschließlichkeit hin ausgerichtet: Mag es auch andere Götter geben, so sind sie für Israel bedeutungslos.

Wird dieses Verständnis konsequent zu Ende gedacht, gelangt man zu einem monotheistischen Verständnis. Ein solches wird durch die Vorschaltung von Dtn 4 ermöglicht. Im Rahmen einer geschichtstheologischen Reflexion gelangt Dtn 4,1–40 zu einem reflektierten und expliziten Monotheismus: „JHWH ist der Gott, kein anderer ist außer ihm“ (4,36). JHWH hat sich mit der Herausführung aus Ägypten zu Israel in ein besonderes, alle anderen Völker ausschließendes Verhältnis gesetzt: „Euch aber hat JHWH genommen und aus dem Schmelzofen, aus Ägypten, herausgeführt, damit ihr sein Volk, sein Erbbesitz werdet“ (4,20). Aufgrund dieser Erfahrung soll Israel erkennen und begreifen: „JHWH ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst“ (4,39).

Ins Herz geschrieben

Die alle anderen Götter ausschließende Zugehörigkeit Israels zu JHWH soll in äußerlich sichtbaren Zeichen zum Ausdruck gebracht werden. Das Auswendiglernen und Rezitieren „dieser Worte“ zielt auf Verinnerlichung und Aneignung: „Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du wieder aufstehst“ (6,6–9).

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