Kommentar: Kernkraft – die Alternative?

Was sorgt für genug sauberen Strom?

Atomkraft? Nein danke. Das war für viele junge Leute der „aufmüpfigen“ Generation der siebziger Jahre – den Verfasser eingeschlossen – ein festes „Glaubensbekenntnis“ gegen eine Technologie, die damals Fortschritt und Energiesicherheit versprach, die jedoch keine sichere Entsorgung des über unvorstellbare Zeiträume hinweg strahlenden und giftigen radioaktiven Mülls gewährleisten konnte. Die Jugend damals sah ihre Zukunft und die ihrer Nachkommen gefährdet. Daraus erwuchs die Grünen-Bewegung. Größte anzunehmende Unfälle in Kernkraftwerken von Harrisburg und Tschernobyl mit der Verseuchung riesiger Landflächen, vielen Toten und Langzeitkranken bestätigten die Sorge. Bereits Ende der fünfziger Jahre hatte ein Brand im britischen Reaktor von Windscale/Sellafield eine radioaktive Wolke mit Plutonium freigesetzt, das in die Irische See gelangte. Nach der Kernschmelze in Fukushima wurde in Deutschland eine Energiewende beschlossen, das Abschalten der Kernkraftwerke.

Ohne CO2

Und jetzt – da die Preise für Rohöl, Gas, Benzin, Strom in die Höhe schießen und obendrein die Welt vor dem Klimakollaps bewahrt werden soll? Kein Verheizen fossiler Brennstoffe mehr, striktes Herunterfahren des Kohlendioxidausstoßes… Wie sollen dann die gigantischen Strommengen für Wärme, Mobilität und Industrie erzeugt werden, die wir spätestens in 20 Jahren brauchen? Plötzlich wird wieder die Atomkraft als saubere Quelle ohne CO2 ins Spiel gebracht, auch aus sozialen Gründen, um die Kostenexplosion in Grenzen zu halten. Wird die Fridays-for-Future-Jugend von heute im Gegensatz zur Jugend der Siebziger sogar beginnen, für Kernkraft zu protestieren? Andere Völker und Regierungen denken überhaupt nicht daran, auf Atomstrom zu verzichten. China rüstet entsprechend auf. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat soeben für neue Kernkraftwerke plädiert, die dann über Importe auch uns Energiesicherheit schenken? Eine neue Reaktorgeneration dezentraler und kleinerer Art scheint Gefahren verringern, den Strahlungsabfall senken zu können.

„Alternativlos“ – eine Fiktion

Wie es ausgeht, wissen wir nicht. Eines aber zeigt sich: Einst vermeintlich unfehlbare Zukunftsentscheidungen können revidiert und die Revisionen gemäß neuen Zeitumständen und angesichts innovativer Entwicklungen nochmals revidiert werden. Ein unaufhörliches Spiel von Umdenken, Wandlungen, Wendungen. Die anhebenden Debatten über die Nutzung von Atomkraft lassen politische Glaubenssätze von gestern womöglich rasch dahinschmelzen. Gewisse Parallelen sind zu kirchlichen Glaubenssätzen zu erkennen, die ähnlich als unfehlbar und „alternativlos“ behauptet werden. Eine Fiktion. Denn selbst da gibt es Revisionen und braucht es nochmals Revisionen. Schlichtweg deshalb, weil vergleichbar ein geistiger Klimawandel dem Christentum gefährlich wird. Womöglich kann der gleichfalls nur mit einer „alternativen“ Energiezufuhr abgewendet werden.

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