Michael Krüger: "Im Wald, im Holzhaus"Poetische Leuchtfeuer

Corona zwang ihn in die Isolation, keinesfalls aber in die Sprachlosigkeit. Michael Krüger hat „Gedichte aus der Quarantäne“ vorgelegt. Sie zeichnen uns Menschen als Staunende, Suchende – und immer wieder Anfangende.

Michael Krüger hatte gerade eine Therapie gegen seine Leukämie-Erkrankung begonnen, wurde zudem von einer Gürtelrose geplagt, als Corona Deutschland durcheinanderwirbelte und Quarantänemaßnahmen erzwang. So hatte der ehemalige Leiter des Hanser Verlags, nimmermüder Intellektueller und Poet, gleich mehrere Gründe – „mein Immunsystem hat seine guten Tage hinter sich“ –, Menschen zu meiden. Er zog sich in ein Holzhaus in der Nähe des Starnberger Sees zurück, wo es ihm gelang, poetische Leuchtfeuer zu zünden, die über Monate hinweg im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckt wurden. Nun liegen diese Prosagedichte samt Erweiterungen in einem feinen Band vor.

Man könnte von einem reifen, präzisen Alterswerk – Krüger ist 1943 geboren – sprechen. Nur sollte man dabei keineswegs an Zufriedenheit, gar Betulichkeit denken. An Lakonie eher, an ein fortwährendes Staunen und Anfangen. „Alles, was ich durch mein Fenster sehen kann“, so die erste Zeile des Bandes. Es folgt die schlichte, die hohe Kunst, unsere verwirrend bunte Welt anzuschauen.

Käfer, Mücken, Waffenhändler

Und Krüger sieht eine ganze Menge. Die Zyklen der Natur vor allem, die er so neugierig wie kenntnisreich betrachtet; das wunderliche, immerwährende Gewusel der Schmetterlinge, Käfer, Mücken und Eichhörnchen, der Enten und Haubentaucher, der Grünspechte und Kiebitze. Krüger beobachtet, notiert, und merkt zugleich, dass eine noch so unbefangene Betrachtung die Distanz zwischen den Kreisläufen der Natur und uns linearen Menschen nicht aufheben kann. Wir sind Fremdlinge, spielen ein eigenes Spiel, zum Guten, zum Bösen. „Auf der Ostseite, kurz vor dem Weg zum Bismarckturm,/haben sie die Bäume gefällt, vier mächtige Buchen,/alle älter und weiser und schöner als die neuen Mitbürger,/die sich eine Achse und freie Aussicht gewünscht haben.“

Und wenn am Himmel dank Covid kaum noch Flugzeuge zu sehen sind, dann gilt das nicht für jene „Tarnfarbenbrummer“, die, wie Krüger vermutet, Waffen transportieren: „Damit manche Afrikaner und Araber endlich ein geglücktes Leben /nach ihren eigenen Vorstellungen verwirklichen können,/braucht es natürlich scharfes Gerät.“ Das klingt polemisch, ist es auch, zugleich spricht alles dafür, die „Habenichtse mit ölverschmierten Händen“ in keiner lyrischen Litanei zu übersehen. Von Kain und Abel kommen wir nicht los. Krüger ist nicht der Erste, der sich nach den Nachrichten die Frage stellt, „ob das Rasieren sich noch lohne“.

Zwischen Klugkeit und Torheit

Das Nervenzentrum des Bandes bildet freilich die Suchbewegung eines – benutzen wir das Wort! – Dichters und Denkers, der alle Tricks und Finten seines Metiers beherrscht und doch nicht mit allen Wassern gewaschen ist. Nichts ist ihm selbstverständlich, alles fragil, die ewig anbrausenden Naturzyklen genauso wie die eigenen Befindlichkeiten: „Am Abend habe ich eine Kerze angezündet, weil mich/das Dunkel anfiel und zu ersticken drohte./Aber die Kerze flackerte so stark, dass ich sie löschte.“ Verläuft so unser Leben, gesäumt von Zumutungen, die wir aufnehmen und bewältigen, von Lösungen, die sich als wenig nachhaltig erweisen, von der Sorge, „zeitlebens das Falsche gelernt“ zu haben? Vermutlich, wobei manche spannende Geschichte gerade dort beginnt, wo Klugheit und Torheit sich kreuzen.

Jedes der 50 „Gedichte aus der Quarantäne“ ist ein kleines Fest für Erkenntnis und Sinne, jede der 20 Zugaben in „Was sonst noch geschah“ erzählt vom Leben, das sich „vor Corona“ genauso wenig auf eine handliche Formel reduzieren ließ wie in Zeiten von Pandemie und Quarantäne. „Entfernt dagegen ist zur Frühlingszeit die Klage“, zitiert Krüger einen Vers von Scardanelli-Hölderlin und merkt an: „daran wollen wir uns halten“. Die Lektüre der Gedichte bereichert und stimmt heiter, trotz der oft so düsteren Themen.

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