Der eine Gott und die Götter (69)Staatsgrundgesetz

Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt: Ein Blick ins Buch Deuteronomium überrascht. Warum sich ein alttestamtliches Buch wie eine moderne Verfassung liest.

Das Buch Deuteronomium ist die theologische Antwort auf die Identitätskrise Judas gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. Der Verlust staatlicher Eigenständigkeit und der kulturelle und religiöse Druck einer überlegenen Weltmacht hatten zu einem schweren Plausibilitätsverlust des JHWH-Glaubens geführt. Das Buch Deuteronomium kann als der Versuch verstanden werden, die vielfältigen religiösen Überlieferungen Israels zu sammeln, sie auf ihre zugrunde liegende Mitte hin zu durchdenken und zu einer in sich stimmigen und attraktiven Lebensform zu entfalten, die alle Bereiche des persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und staatlichen Lebens durchdringt. Mit dem Zusammenbruch der assyrischen Herrschaft gegen Ende des Jahrhunderts (siehe Folge 67) bot sich unter der Regierung König Joschijas (639–609) die Chance, das Buch in einer ersten, grundlegenden Fassung zum Programm einer „konstruktiven Restauration“ und zum Grundgesetz des Staates Juda zu machen (siehe Folge 68).

Gesetze fürs verheißene Land

In seiner im Jahre 622 in Kraft gesetzten Form handelt es sich beim Deuteronomium um ein Staatsgrundgesetz. Es setzt die auch heute noch geltenden drei grundlegenden Prinzipien der Staatlichkeit voraus: Staatsgebiet – Staatsvolk – Staatsgewalt. Dtn 12,1 gibt als Geltungsbereich des Gesetzes das verheißene Land an: „Das sind die Gesetze und Rechtsentscheide, die ihr bewahren und die ihr halten sollt in dem Land, das der HERR, der Gott deiner Väter, dir gegeben hat, damit du es in Besitz nimmst. Sie sollen so lange gelten, wie ihr in dem Land leben werdet.“ Anhand exemplarischer Fälle wird die Volkszugehörigkeit geregelt. Ammoniter und Moabiter dürfen nicht in die „Versammlung des HERRN“ aufgenommen werden. Mit ihnen hat Israel schlechte Erfahrungen gemacht, „denn sie sind euch nicht mit Brot und Wasser auf dem Weg entgegengegangen, als ihr aus Ägypten zogt“ (23,2–9). Auch die Staatsgewalt wird geregelt. Das Deuteronomium liefert einen gewaltenteilig angelegten Verfassungsentwurf mit den Ämtern Richter, König, Priester und Prophet (16,18–18,22). Verglichen mit altorientalischen Gesetzen aus jener Zeit handelt es sich beim Deuteronomium um ein beeindruckendes, humanes und zugleich realitätsbezogenes Staatsgrundgesetz. Es ist nicht übertrieben, wenn Mose im Prolog zum Gesetzeswerk vor dem Volk bekennt: „Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk… Denn welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsentscheide, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“ (4,6–8)

Jesus war kein Staatsmann

Umso unverständlicher ist es, wenn einige meinen, sie müssten dem alttestamentlichen Gesetz eine vermeintlich höherstehende neutestamentliche Ethik entgegenstellen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass das Neue Testament kein Staatsgesetz kennt. Jesus hat keinen Staat gegründet, musste sich also nicht mit staatlichen Angelegenheiten wie Steuern, Kriegsdienst und Grenzverschiebungen beschäftigen. Daraus könnte das Missverständnis entstehen, das Evangelium würde staatliche Gewalt als widergöttlich verwerfen. Dagegen hat Paulus klargestellt: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt“ (Röm 13,1). Dabei setzt er selbstverständlich voraus, dass sich die staatliche Gewalt an das Recht zu halten hat: „Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten“ (13,3).

Um das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit geht es auch im Deuteronomium. Der König steht nicht über, sondern unter dem Gesetz. Er soll sich eine Abschrift von „diesem Gesetz“ (Tora) machen und es „mit sich führen und darin lesen, damit er lernt, den HERRN, seinen Gott, zu fürchten, alle Worte dieser Weisung und diese Gesetze zu bewahren, sie zu halten und sein Herz nicht über seine Brüder zu erheben und von dem Gebot weder rechts noch links abzuweichen, damit er lange als König in Israels Mitte lebt, er und seine Nachkommen“ (Dtn 17,19f.).

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