Der eine Gott und die Götter (29)Der Gott des Exodus

Im Ausstieg der israelischen Nordstämme aus dem Herrschaftssystem Davids wiederholt sich die Mose-Erzählung im Kleinen.

Jerobeam, ein tüchtiger Beamter im Dienst des Königs Salomo, wurde von diesem zum Aufseher über die Fronarbeiten des Hauses Josef eingesetzt. Doch nach einiger Zeit erhob er sich gegen den König, wurde verfolgt und floh nach Ägypten. Nach dem Tod Salomos kommt es unter den Nordstämmen zum Aufstand gegen dessen Nachfolger Rehabeam. Die Aufständischen verhandeln mit den Vertretern des Königs, doch die Verhandlungen scheitern. Jerobeam hört davon, kehrt aus seinem Exil in Ägypten nach Israel zurück und wird von der Versammlung der Aufständischen zum König „über ganz Israel“ ausgerufen (1 Kön 12,20).

Zwischen dem Ausstieg der Nordstämme aus dem Herrschaftssystem der davidischen Monarchie und der Erzählung vom Auszug Israels aus der Knechtschaft Ägyptens gibt es einige interessante Parallelen. In beiden Erzählungen sind unmenschliche Arbeitsbedingungen Auslöser des Konflikts; von Fronarbeit ist die Rede. In beiden Geschichten scheitern die Verhandlungen; das Arbeitssoll wird verschärft. Der Anführer des Aufstands, eine aus königlichem Hause stammende (Mose) beziehungsweise in königlichem Dienst stehende Persönlichkeit (Jerobeam), muss nach einem ersten, gescheiterten Lösungsversuch in ein anderes Land fliehen, kehrt jedoch nach dem Tod des Königs zu seinen in prekären Arbeitsverhältnissen stehenden Landsleuten zurück. Schließlich gelingt der Auszug aus einem als bedrückend erfahrenen staatlichen Herrschaftssystem. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung ruft der Pharao in seiner Verzweiflung: „Ich muss vor Israel fliehen, denn der HERR kämpft auf ihrer Seite gegen Ägypten“ (Ex 14,25). Auch König Rehabeam muss vor den Aufständischen fliehen. Im letzten Moment gelingt es ihm, „den Wagen zu besteigen und nach Jerusalem zu entkommen. So überwarf sich Israel mit dem Haus David bis zum heutigen Tag“ (1 Kön 12,19).

Die Parallelen zwischen der Erzählung vom Auszug Israels aus der Knechtschaft Ägyptens und dem Ausstieg der Nordstämme aus dem Herrschaftssystem der davidischen Dynastie dürften kein Zufall sein. Es ist gut vorstellbar, dass die älteste literarische Fassung der Exodus-Erzählung in jenen Kreisen entstand, die in kritischer Distanz zur davidisch-salomonischen Herrschaft und hinter dem Aufstand der Nordstämme gegen den Nachfolger Salomos standen. Rechnet man mit einem historischen Kern des Exodus, so wäre dieser am ehesten in das 13. oder 12.Jahrhundert v. Chr. zu datieren.

Zwar gibt es außerhalb der Bibel keine eindeutigen Quellen, die ein solches Ereignis als historisch bezeugen. Dennoch kann die historisch-kritische Forschung zeigen, dass ein hinter dem Exodus stehendes Geschehen historisch durchaus plausibel ist. „Ein besonderes Ereignis wird es gegeben haben, das von den Betroffenen als rettende Intervention JHWHs erfahren wurde und an das sich dann eine legendenhafte Erinnerung knüpfte“, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann. Vor dem Hintergrund der uns bekannten Geschichte Ägyptens und der politischen und sozialen Verhältnisse im Palästina der Spätbronzezeit (1550–1150 v. Chr.) und ihrem Übergang zur Frühen Eisenzeit (1250–1000 v. Chr.) ist es sehr gut vorstellbar, dass es einer (kleinen) Gruppe von Halbnomaden, die sich in den Arbeitslagern des Pharaos verdingt hatte, gelang, aus der „Knechtschaft Ägyptens“ zu fliehen. Dabei dürfte sich ihnen in einer dramatischen und lebensgefährlichen Flucht eine Dimension der Wirklichkeit erschlossen haben, in der sie das rettende Handeln ihres Gottes JHWH erkannten. Diese Schlüsselerfahrung wurde zu einem bleibenden Element ihres Glaubens. Sie entfaltete eine Dynamik, die über viele Generationen hin immer tiefer durchdacht und in den unterschiedlichsten Stunden der Geschichte je neu ins Wort gefasst wurde. Ludger Schwienhorst-Schönberger

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