Leserbriefe

Wer unfehlbar ist, tut sich schwer, Fehler einzugestehen

Am dreiteiligen Artikel von Professor Weitlauff zur Entstehung des Unfehlbarkeitsdogmas wird gut nachvollziehbar, weshalb und wie sehr wir heute unter den Folgen der Entscheidungen im 19. Jahrhundert leiden (vgl. CIG Nr. 44–46/2020). Und es wird deutlich, was das eigentliche Problem der römisch-katholischen Kirche ist: die Unfähigkeit des Lehramtes, Fehler zuzugeben und Korrekturen vorzunehmen. Die Selbstfesselung durch Dogmen, die angeblich zur „reinen, unverfälschten Lehre“ gehören, verhindert das schlichte Eingeständnis, sich geirrt zu haben. Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet die Kirche, an deren Ursprung ja der Ruf zur Umkehr steht, sich damit so schwertut.

Sr. Hildegard Schreier, München

Ergänzend möchte ich erwähnen, dass genau hundert Jahre nach dem Ersten Vaticanum Hans Küng mit seinem Buch „Unfehlbar? Eine Anfrage“ die Diskussion über die päpstliche Unfehlbarkeit wieder angeregt hat. Er hat auch Wege aufgezeigt, wie aus der Sackgasse, in die Pius IX. Theologie und Kirche geführt hat, glaubwürdig herauszufinden ist. Dass ihm deshalb neun Jahre später die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde, hat Karl Lehmann, der spätere Bischof von Mainz, damals als „rabenschwarzen Tag“ für Theologie und Kirche bezeichnet. Umso dankbarer bin ich, dass Papst Franziskus einen persönlichen Freundschaftsgruß an Küng geschickt hat.

Dr. Wolfgang Gramer, Bietigheim-Bissingen

Fragen statt Antworten

Ich (Jahrgang 1950) bin noch damit groß geworden, dass die Kirche auf alles eine Antwort hat (vgl. CIG Nr. 38/2020). Sehr schnell habe ich aber erfahren müssen, dass die Kirche kein „lebendiges Lexikon“ ist. Als Pfarrer und Seelsorger, als suchender Christ erlebte und erlebe ich Kirche als eine Stütze, mit der ich die vielen fragenden und bedrohlichen Situationen des eigenen Lebens, aber auch das der anderen Menschen tragen, mittragen konnte und durfte.

Von diesem Anspruch, auf jeden Fall von dieser „glaubhaften Kirche“ sind wir heute vielleicht noch weiter entfernt als früher. Dabei hat Jesus nicht mit Antworten die Menschen beeindruckt, sondern mit seinem Menschsein, mit seiner Gottheit, indem ER mitgelebt und mitgelitten hat.

Wolfgang Zopora, Bad Alexandersbad

Eine neue Sintflut

Gut, dass im Artikel „Ehrenrettung für den Raben“ (CIG Nr. 44/2020, S. 499) des alten Arche-Bauers Noach gedacht wird. Er hat ja angeblich sämtliche Tierarten gerettet (nach Ansicht amerikanischer Kreationisten sogar die Saurier). Es gab damals Hoffnung aufs Weiterleben, es gibt sie heute noch. Und das, obwohl das fünfte Artensterben in vollem Gange ist. Inzwischen sollen achtzig Prozent aller Naturkatastrophen durch den Klimawandel verursacht werden. Da würde sich auch Noach Sorgen machen.

Michael Kathol, Wedemark

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