Digitale KunstFlimmerndes Labyrinth

Malerei – Farben auf Flächen verteilen – ist eine Technik der Steinzeit, ebenso alt wie Kochen. Heute kann man Farben auf Bildschirmen anklicken. Die Videokunst wurde 1963 erfunden, und sie war von Anfang an politisch. „Ich erkläre Frieden zum größten Kunstwerk“, sagte etwa der deutsche Konzeptkünstler Wolf Vostell. Auch Hito Steyerl, der in Düsseldorf und danach in Paris eine große Ausstellung gewidmet ist, verfolgt diese Spur.

„SocialSim“: Diese Medienkritik wurde eigens für die Ausstellung konzipiert.
„SocialSim“: Diese Medienkritik wurde eigens für die Ausstellung konzipiert.© Foto: K21 / Achim Kukulies

In siebzehn Stationen werden im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Arbeiten gezeigt, die zwischen 1994 und 2019 entstanden sind. Sie handeln von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, von Kriegen, vom Kunsthandel, Museen und Steuervermeidung, von Sex, Gewalt, Blumen und Algorithmen, die Zukunft berechnen, sowie von sozialen Medien in der Pandemie. Unsere Abbildung auf der rechten Seite zeigt sechs stehende Aufnahmen der laufenden Bilder.

Hito Steyerl ist 1966 in München geboren, studierte in Yokohama am Japan Institute of the Moving Image, in München an der Hochschule für Film und Fernsehen und in Wien an der Akademie der Künste, wo sie zum Doktor der Philosophie promovierte. An der Universität der Künste in Berlin ist sie Professorin für Experimentalfilm und Video. Seit 1999 werden ihre Arbeiten auf Kunstausstellungen gezeigt, etwa auf der Documenta in Kassel 2007, den Biennalen in Venedig und São Paulo, in Museen in Madrid, Basel, Turin, London, New York, Ontario. Als Autorin verfasst Hito Steyerl Essays.

Unsere Abbildungen zeigen links oben die Künstlerin in ihrem Video „How not to be seen“ (Wie man nicht gesehen wird) aus dem Jahr 2013. In fünf Lektionen doziert sie darin, wie man sich unsichtbar machen kann, wenn überall Daten erfasst und Videokameras aufgestellt werden. Hier probiert sie, sich selbst zum Bild zu machen. Sie verschwindet in einer Zielscheibe, die von der amerikanischen Luftwaffe in der kalifornischen Wüste angelegt wurde, um die Kameras von Flugzeugen und Satelliten zu kalibrieren. Die Ausstellung hat den trotzigen Titel „I will survive“ (Ich werde/will überleben).

Aus der neunten Station stammen die drei folgenden Abbildungen (rechts oben und in der mittleren Zeile): „This is the Future/Power Plants“ – acht Bildschirme in Edelstahlgerüsten mit Landschaften und Kraft-Pflanzen (das englische Power Plant bedeutet auch Kraftwerk). Kaleidoskopische Bilder, die ineinander übergehen, begleiten eine Erzählung. Sie handelt von einer Kurdin, die im Gefängnis sitzt und sich mit Magie, Alchemie und Künstlicher Intelligenz einen Garten der Zukunft anlegt. Die bewegten Bilder sind aus Algorithmen entwickelt, die vermeintlich alles wissen, die Zukunft berechnen können, aber nicht die Gegenwart. Werden Pflanzen die Brachen der Zivilisation überwuchern? Das Aufblühen und Verblühen der Videoblumen wird in unseren Abbildungen nicht wiedergegeben, ebenso wenig wie die Explosion einer ganzen Stadt, deren Hochhäuser wie Blütenblätter verweht werden. Das Schöne und der Schrecken erscheinen in denselben Farben auf denselben Bildschirmen. Das Werk war schon auf der 58. Biennale in Venedig zu sehen (CIG Nr. 27/2019, S. 293). Im K21 in Düsseldorf ist es anders zusammengebaut und wirkt ganz neu (derzeit nur im Internet unter: www.kunstsammlung.de).

Häufig kehrt der Überlebenskampf der Kurden in Syrien, Irak und der Türkei wieder, ausführlich etwa in „November“ aus dem Jahr 2004. Der Film erzählt von einer Jugendfreundin der Künstlerin, die als kurdische Terroristin gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet wurde.

Andere Themenfelder seien hier angedeutet:

„Normalität I-X“ aus den Jahren 1999 bis 2003: In zehn Episoden entsteht eine Chronik antisemitischer und rassistischer Gewalt in Deutschland und Österreich, beginnend mit der Schändung der Gräber von Heinz Galinski und Ignaz Bubis (beides frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden), jüdischer Gedenkstätten bis zur Menschenjagd auf einen algerischen Asylanten in Brandenburg. „Das Schweigen, Dein Schweigen ermutigt den Faschismus“, heißt es darin.

In dem Film „Die leere Mitte“ von 1998, dem mit 62 Minuten längsten Werk, wird die Entwicklung des Todesstreifens zwischen Potsdamer Platz und Reichstag seit der Wende dokumentiert. Dazwischengeschnitten sind historische Rückblicke, etwa wie 1743 Moses Mendelssohn als Jude der Durchgang durch das Potsdamer Tor verweigert wird.

Die Arbeit „Lovely Andrea“ knüpft daran an, dass Hito Steyerl während ihres Studiums in Japan unter dem Pseudonym Andrea Modell gestanden hat – nackt und gefesselt. Zwanzig Jahre später (2007) sucht sie nach diesem Foto. In der Suche und vielen Gesprächen dabei geht es um Freiheit und Zwang, Pornographie und Scham.

„Is the Museum a Battlefield?“ (Ist das Museum ein Schlachtfeld?) lautet der Titel eines Werks von 2013. Die Künstlerin hat in Kurdistan Geschosse gefunden und sie ihren Herstellern zugeordnet: Lockheed Martin, Heckler & Koch u.a. Solche Rüstungsfirmen finanzieren auch Kunstausstellungen. Und so überlegt Hito Steyerl: „Museum und Kunstmarkt sind tief verstrickt in Gewalt, Geld und Macht. Oligarchen, die von Privatisierung, Kriegen und Konflikten profitieren, legen ihr Geld in Kunstwerke an. Museen und Biennalen bieten Sponsoren eine Plattform, um sich als Kulturförderer präsentieren zu können.“

„In Free Fall“ (In freiem Fall) stammt aus dem Jahr 2010. Auf einem Flugzeugschrottplatz in der kalifornischen Wüste erzählt der Betreiber, wie gut er an Weltkrisen verdient, weil dann viele Flugzeuge verschrottet werden. Der Titel vom freien Fall erinnert an Abstürze – von Flugzeugen und Aktienkursen. Es geht in dem Film auch um die Biografie von Objekten. So wird der Weg einer Boeing nachgezeichnet, mit der die israelische Luftwaffe 1976 Geiseln einer Flugzeugentführung befreite. Der Schrottplatzbetreiber verkaufte die Maschine nach Hollywood, wo sie für einen Action-Film gesprengt wurde. In Kinofilmen und auf DVD lebt das Flugzeug weiter.

Die dreizehnte Station, „SocialSim“, unsere Abbildung rechts unten, beleuchtet Produktionsbedingungen von Kunst in Zeiten der Pandemie sowie die kollektive Hysterie in sozialen Netzwerken. Zum Vergleich werden frühere Massenhysterien wie die Tanzwut des 14. und 16. Jahrhunderts herangezogen. Ein Fernsehkommissar in pandemiebedingter Kurzarbeit und eine Sonderkommission auf der Suche nach dem verschwundenen Gemälde „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci spielen mit. Hito Steyerl macht sich nicht über die Pandemie lustig, sondern über die Medien und unsere Abhängigkeit von ihnen. Deutlich weist die Künstlerin darauf hin, mit wieviel Energie und Raffinement die Grenze zwischen Fiktion und Realität durchlöchert wird. Damit leitet sie zur Reflexion an, zum Nachdenken über sich selbst und die Welt und über unser Bild von der Welt. Ein hoher ethischer Anspruch der Verantwortung durchzieht alle Arbeiten. Allerdings werden ökologische Fragen zunächst ausgeblendet, etwa die Menge an Energie, die für Videokunst notwendig ist, die Menge an Kohlenstoff, ohne die Reisen und Transporte nach Japan, New York, Istanbul, Kalifornien, Chicago, Paris, Düsseldorf unmöglich wären. Aber man kann die Welt eben auch nicht nur vom Schreibtisch aus zur Rechenschaft ziehen.

Das gleichzeitige Gegenüber und Ineinander von Videoarbeiten scheint eine (die einzige?) Möglichkeit, das Chaos der auf uns einprasselnden Nachrichten, Werbebotschaften und Lügen zu durchleuchten. Man wünschte sich die Flügel des Ikarus, um diesem in allen Farben schillernden Labyrinth zu entkommen, wenn man nicht wüsste, dass diese Flucht ja tödlich endete. Auch eine andere Flucht aus einem Labyrinth, die von Theseus und Ariadne, endete tragisch. Das Ägäische Meer, in dem heute so viele Flüchtlinge stranden, hat seinen Namen von einem Selbstmord: Aigeus, König von Athen und Vater des Theseus, ertränkte sich darin, als sein Sohn allein, trauernd mit schwarzen Segeln aus Kreta zurückkehrte.

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