Aus dem Lebensglauben der einfachen Leute

Beziehung und Gespräch sind der Schlüssel zu diesem Buch und seiner Autorin und damit Lust an Vielfalt, Unterschieden und prallem Leben. Die Theologin und Psychologin Hadwig Müller wirkte zehn Jahre in der brasilianischen Kirche, bevor sie theologische Referentin im Missionswissenschaftlichen Institut in Aachen wurde. Aus der Szene deutscher praktischer Theologie ist sie als begnadete Netzwerkerin schon lange nicht mehr wegzudenken. Bei Insidern ist sie hochgeschätzt und wird doch vielfach übersehen, solange man bei Theologie nur an Universität und Lehrstühle denkt. Dass befreiungstheologische Impulse hierzulande wirksam wurden, gehört ebenso zu Hadwig Müllers Verdiensten wie ihre ständige Dolmetscherkunst in den Raum französischer Kirche und Theologie hinein und vor allem von dort zurück in die deutsche Provinz.

Wirklich zukunftsweisend sind diese zwanzig Aufsätze aus den letzten zwei Jahrzehnten, weil sie konsequent vom Lebensglauben der einfachen Leute ausgehen. Dass es Millionen von Menschen gibt, die schlicht tapfer Ja zum oft schwierigen Leben sagen, ist das grundlegende Wunder, von dem her das Geheimnis Gottes und der Welt theologisch zu alphabetisieren ist. Alles, was kirchlich und theologisch sein will, muss diesen unfassbaren und fragilen Reichtum des Geschöpflichen sammeln und „heiligen“. Entsprechend kommen wir nur weiter, wenn wir im Geist solidarischer Mitgeschöpflichkeit voneinander lernen, auch über Grenzen hinweg – etwa Richtung Frankreich und Lateinamerika. Grundworte wie „Glaube“, „Kirche“, „Mission“ gewinnen so eine neue Deutekraft. Sie kommen aus dem konkreten Leben und bringen die Attraktivität des Evangeliums ans Licht. Sie bewahren vor inzüchtiger Kirchlichkeit und helfen deutlich über den bloß deutschen Tellerrand. Hadwig Müllers Texte sind immer erfahrungs- und praxisbezogen, sie sprechen konkret

Hadwig Müllers Texte sind immer erfahrungs- und praxisbezogen, sie sprechen konkret. Nie versteigen sich ihre fachkundig theologischen Gedanken ins Abstrakte und bloß Behauptende. Und sie stellen sich ebenso demütig wie entschieden in den Dienst der Armen. Das macht sie so inspirierend für die Bewältigung aktueller Kirchen- und Glaubensthemen hierzulande. Über-Setzer sind, vom französischen Passeur her, Fährleute, Schlepper und auch Schmuggler. Ins Sportliche übersetzt: Sie können genaue Pässe spielen, auch über große Entfernungen hinweg. In die Schlagzeilen kommen aber meist nur die Torschützen. Genau so ist es mit Hadwig Müller, die zu den hierzulande Kreativsten in der Theologengilde zählt und wahrhaft den Namen „Mittlerin“ verdient.

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Müller, Hadwig Ana Maria

Theologie aus BeziehungMissionstheologische und pastoraltheologische Beiträge

Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2020, 351 S., 38 €.

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