Survival-Training

Wie schützt man sich vor frommen Gedanken an Transzendenz und zusätzlich vor jeder Neigung zur Nachdenklichkeit? Der Münchner Schriftsteller Ludwig Steinherr hat in einem Gedicht aus dem Band „Engel in freier Wildbahn“ ein ironisches Programm aufgestellt, wie das am besten gegen jedwede ernste Rückschau oder Besinnung gelingen kann.

Wie bewegt man sich in Engelsgebiet?

Gewöhnlich halten Engel sich

von Menschen fern –

Gewöhnlich genügt es

Lärm zu machen

mit Geschirr zu klappern

den Fernseher laufen zu lassen –

Ein voller Terminkalender in der Tasche

Ist ein guter Schutz –

Es wird empfohlen

in Gesellschaft zu bleiben –

Stets auf ausgetretenen Pfaden zu spazieren

und metaphysisches Unterholz zu meiden –

Die Seele (sofern man sie besitzt)

immer luftdicht verschließen

ihr Honigduft lockt Engel meilenweit an –

Bei vernünftigem Verhalten

bekommt man nie einen Engel zu Gesicht –

Ein ungebremster Fernsehgenuss ist laut diesem Gedicht schon eine realistische Maßnahme, um den „Engeln“ und damit jeder Berührung mit dem Religiösen auszuweichen, dem „Jenseitigen“ aus dem Weg zu gehen. Es empfiehlt sich das Gespräch mit Freunden, solange es um belanglose Dinge geht. Auf jeden Fall ist ein vollgepackter Terminkalender zu empfehlen, der einfach keine Zeit lässt für nutzlose Gedankengänge. – Jede Verlockung, an seine Seele zu denken, ist nicht nur sinnlos, sondern gefährlich für das innere Gleichgewicht. Gegen Viren und fremde, ungewohnte Gedanken ist die gleiche Vorsicht am Platz. – Dann kann man sich gelassen zurücklehnen und sicher sein vor allen fremdartigen Anwandlungen.

Es ist auffällig, dass mit der aktuellen Kirchenkrise eine deutliche Allergie gegen jeden religiösen Gedanken einherzugehen scheint. Man scheint sich mit einer „fraglosen“ Welt abzufinden und lehnt jeden Impuls zu größerer Nachdenklichkeit ab. Ludwig Steinherr fängt diesen Gedanken einer Sperre gegen die „obere Welt“ mit dem Stichwort „Engel“ ein und deutet indirekt an, dass mit dieser Beschränkung eine deutliche Verarmung des Menschen einhergeht. Wer so lebt, mag in seiner abgeschlossenen Welt ungeschoren davonkommen, seine Existenz kann er aber nicht gewinnen.

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