Der Anfang des Neuen TestamentsMatthäus zum Ersten

Die evangelische Theologin Luise Schottroff (1934-2015) hat einen wegweisenden Matthäus-Kommentar angefangen. Schülerinnen und Freundinnen schrieben ihn jetzt überzeugend weiter.

In seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen antwortete der Schriftsteller Andreas Maier auf die Frage, wer für ihn die bedeutendsten Autoren seien: Fjodor Dostojewskij und Matthäus. In der Tat: der unbekannte Autor (und sein Team?) mit dem Kunstnamen Matthäus ist literarisch wie spirituell eine erste Adresse. Nicht zufällig ist das Matthäus-Evangelium, das derzeit im Kirchenjahr den Ton in der katholischen Sonntagsliturgie angibt, am Beginn des Neuen Testamentes zu finden: Chronologisch keineswegs das älteste, steht es doch dem Judentum und damit der hebräischen Bibel besonders nahe. Neuerdings wird verstärkt die Perspektive vertreten, die Gemeinde des Matthäus selbst als noch ganz jüdisch zu verstehen. Das würde auch die hoch aggressiven Auseinandersetzungen mit „den“ Pharisäern und den unseligen „Blutspruch“ gegen eine Jerusalemer Gruppe und keineswegs gegen „die“ Juden (Mt 23,35) verständlicher machen, was ja leider zu einem tragischen Quellpunkt des christlichen Antijudaismus wurde.

Was wir heute als Judentum und Christentum unterscheiden, gab es damals so gerade noch nicht: Es entwickelte sich erst unter dem Schock der Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Die „Anti-Thesen“ der Bergpredigt und die Abrechnung mit „den“ Pharisäern richten sich demnach gerade nicht gegen „die“ Juden, sondern sind Ausdruck von noch innerjüdischen Auseinandersetzungen auf der Grundlage gemeinsamer Bejahung der Tora (vergleiche das Arbeitspapier der Bischofskonferenz „Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes“). Das Matthäus-Evangelium wird gerade dadurch spannend, dass es derart die ungekündigte Einheit und tragische Getrenntheit von jüdischem und christlichem Gottesglaubens dramatisch mitvollzieht. Nicht zufällig gibt es darin zwei Sendungsbefehle Jesu an seine Gemeinde: an Israel (10,5f) und an alle Völker (28,19). Und Jesus ist für Matthäus ausdrücklich der Messias Israels und aller Völker, Sohn des Juden David und des Nichtjuden Abraham.

Die evangelische Theologin Luise Schottroff, wegweisend für ihre sozialgeschichtliche Exegese, hat, todkrank, noch die ersten vier Kapitel des Matthäus ausgelegt: Der Titel ist Programm. Schülerinnen und Freundinnen schreiben ihre Interpretationen eindrucksvoll fort und laden zu aufregenden Diskussionen ein. Ganz neu liest sich dadurch das erste Evangelium hinsichtlich seiner auch gesellschaftskritischen und politischen Optionen: Am Messias Jesus scheiden sich konfliktträchtig die Geister. Das Buch ist Pflichtlektüre für alle, die Matthäus verstehen wollen oder zu predigen und zu verstehen haben.

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