Alle Jahre wiederDass ein Vater ist

„Alle Jahre wieder“ wird das bekannte Kinderlied gesungen. Zu Recht – denn es enthält alles, was man über Weihnachten wissen muss.

Nicht immer ist das Einfachste das Tiefsinnigste. Aber manchmal. So geht es mir mit dem Kinderlied „Alle Jahre wieder“. Im Grunde ist in diesem Lied die ganze weihnachtliche Theologie auf einfachste Weise zum Ausdruck gebracht. Kein Wunder, denn es stammt von einem sehr sozial und pädagogisch engagierten evangelischen Pfarrer: Johann Wilhelm Hey (1789–1854).

Die erste Strophe fasst die jährliche liturgische Wiederkehr von Weihnachten in Verse: „Alle Jahre wieder / kommt das Christuskind / auf die Erde nieder, / wo wir Menschen sind.“ Jedes Jahr: Das ist die liturgische Praxis und die jedes Jahr mögliche existenzielle Erfahrung. Und das Kind kommt nicht irgendwohin, sondern dahin, „wo wir Menschen sind“: Jeder kann diese Ankunft feiern und erleben, denn das Christuskind „kehrt mit seinem Segen / ein in jedes Haus“ und ist Begleiter eines jeden einzelnen Menschenkindes, denn es „geht auf allen Wegen / mit uns ein und aus“.

Und dann die ganz persönliche Hoffnung eines jeden Ich, das dieses Lied singt. Mehr als eine Hoffnung, ein Bekenntnis: „Steht auch mir zur Seite, / still und unerkannt, / dass es treu mich leite / an der lieben Hand.“ Diese Hoffnung mit der etwas rätselhaft-zärtlichen Formulierung „still und unerkannt“ soll jedes Jahr wieder erinnert und lebenspraktisch erlebt und nachvollzogen werden. Ich bin nicht allein, der menschgewordene Erlöser leitet mich – und oft weiß ich nicht wie: „still und unerkannt“.

Bis hierhin kennen wohl alle das Lied. Aber es gibt eine vierte Strophe von „Alle Jahre wieder“, die in unserer Familie immer gesungen wurde. Da ich sie aber bis vor kurzem nie irgendwo gedruckt gesehen habe, habe ich lange geglaubt, es sei jemand aus unserer Familie gewesen, der sie erfunden und in die mündliche Überlieferung eingebracht hat. Doch neulich fand ich sie in einem Liederbuch – fast so, wie ich sie immer kannte –, und sie ist die eigentliche theologische Pointe, ja, ein Verkündigungsauftrag: „Sagt’s den Kindern allen, / dass ein Vater ist / dem sie wohl gefallen, / der sie nie vergisst.“ In einfachen Kinderversen eine ganze Gnadentheologie: „dass ein Vater ist, dem sie wohl gefallen…“ Kürzer kann man die christliche Botschaft vom gnädigen Gott, kürzer kann man auch das tiefe Geheimnis von Weihnachten eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Ich habe diese vierte Strophe schon als Kind immer geliebt – und mache sie hiermit hoffentlich auch einem größeren Kreis bekannt.

Überflüssig zu sagen, dass mit diesem Lied unser familiäres Weihnachtssingen immer beginnt. Es gibt sozusagen die unüberholbar einfache Zusammenfassung von allem, was danach in bunter Reihenfolge gesungen wird. Die einfache und dabei ganz unglaubliche Wahrheit von Weihnachten findet sich in einem der bekanntesten, aber in seinem Inhalt unauslotbaren Kinderlieder: „dass ein Vater ist…“

„Im Herzen eines jeden Menschen“, so hat der große Eugen Drewermann einst geschrieben, „gibt es ungehörte, unerhörte Weihnachtslieder, und diese unhörbare Musik durchzieht die ganze Welt, ruft einen jeden Menschen in seine Schönheit und in seine Weite auf dem Heimweg zurück zu den Sternen…“ Auf diesem Weg begleitet uns vielleicht unser kleines Lied. Apropos Sterne: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“. Auch dieses Trostlied für Kinder hat der Pfarrer Johann Wilhelm Hey geschrieben – und es hat eine ähnliche Pointe wie „Alle Jahre wieder“: „Gott im Himmel hat an allen / seine Lust, sein Wohlgefallen / kennt auch dich und hat dich lieb, / kennt auch dich und hat dich lieb.“

Mehr ist zu Weihnachten eigentlich gar nicht zu sagen. Vielleicht nur noch: Allen, die sich zum Weihnachtsliedersingen versammeln, und auch allen, die allein sind und den Liedern nur still zuhören: Ein frohes und gesegnetes Fest!

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