Eine neue Biografie über Martin BuberEin unangepasster Denker

Er habe keine Lehre, er führe ein Gespräch. Das sagte der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965) über sich. Eine neue Biografie des großen Denkers, verfasst vom deutsch-französischen Philosophen Dominique Bourel, wirbt dafür, dieses „Gespräch“ heute wieder aufzunehmen.

Bei den Kämpfen rund um die Gründung des Staates Israel 1948 eroberten israelische Truppen am 17. und 18. Mai auch das arabische Viertel Abu Tor in Jerusalem. Um sicherzustellen, dass die Häuser tatsächlich geräumt waren und der Straßenzug „sicher“ war, durchkämmten Soldaten des Bataillons „Moriah“ Haus um Haus. Dabei kam es zu einer Szene, über die die Zeitung des Bataillons berichtete: „Im Innern der Häuser des eroberten Stadtteils fand die Einheit nur einen einzigen Mann, dessen bärtiges Gesicht Erstaunen erweckte. Es handelte sich um den berühmten Denker Martin Buber. Er hatte sich geweigert, sich aus seiner friedlichen philosophischen Existenz herausreißen zu lassen, und war in diesem Haus geblieben, während all seine Nachbarn geflüchtet waren. Er hatte absolutes Vertrauen darauf, dass keines der beiden Lager ihm etwas Böses antun würde – und behielt darin recht.“

Die kleine Episode, die Dominique Bourel in seiner monumentalen Biografie über den Religionsphilosophen wiedergibt, wirft ein Schlaglicht auf die Person Martin Bubers. Sie zeigt seine Entschlossenheit, sich selbst in einem von Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Klima „zwischen alle Stühle“ zu setzen und eine oft auch unpopuläre Position des Ausgleichs einzunehmen. Zugleich veranschaulicht die Szene das Buber eigene Maß an Eigensinn und innerer Unabhängigkeit, die es ihm ermöglichten, seine Sicht auch dann zu artikulieren, wenn sie scheinbar nur die Stimme eines Einzelnen war, die ungehört zu verhallen schien.

Für die Würde der Sprache

Vielleicht ist gerade das ein Grund, weshalb der Mann, in dem die Soldaten kaum mehr als einen eigenwilligen Kauz gesehen haben werden, zu den Stimmen gehört, deren Echo nicht verhallt. Martin Bubers denkerische Originalität und sein unbedingtes Vertrauen in den anderen als Mitmensch sind es zugleich, die so etwas wie die Mitte bilden in dem vielgestaltigen Bild, das Dominique Bourel von Martin Buber zeichnet.

Der französische Philosoph macht deutlich, dass der in Lemberg aufgewachsene Buber von Anfang an seinen eigenen Weg ging: Mit seiner Frau Paula, einer geborenen Katholikin, lebte er zwischen 1900 und 1907 zunächst in „wilder Ehe“ zusammen. Beide Kinder des Paares wurden außerehelich geboren. Genauso wenig wie um gesellschaftliche Erwartungen kümmerte er sich um die Haushaltsführung oder das Familieneinkommen. Das Verhältnis zu seinem Glauben und seine eigene religiöse Praxis hat er selbst einmal als eine Form „religiöser Anarchie“ bezeichnet. Obgleich er sich selbst als frommen Juden empfand, besuchte er den Synagogengottesdienst allenfalls gelegentlich, die jüdische Orthodoxie ist ihm zeit seines Lebens fremd.

Bubers Eigenständigkeit zeigte sich auch in der Art der Auseinandersetzung mit den biblischen Texten. Als er in den zwanziger und dreißiger Jahren – in weiten Teilen gemeinsam mit Franz Rosenzweig – die heiligen Schriften des Judentums ins Deutsche übersetzte, wollte er keine weitere Übertragung in „die verschliffene Begriffssprache, ins angeblich Bekannte“, aber darum „in Wahrheit nur eben Geläufige“ schaffen. Vielmehr ging es ihm mit seiner „verdeutschten“ Textgestalt um eine dem Hebräischen „analoge Wirkung“ beim Leser. Mit der Folge, dass Buber in einer Zeit, als die Nationalsozialisten das „Ihrige taten, um die deutsche Sprache zu verderben“, dadurch selbst „ein Pfleger und ein Hüter ihrer Würde“ wurde. So formulierte es Bundespräsident Theodor Heuss anlässlich des achtzigsten Geburtstags Bubers.

„Religiöse Anarchie“

Ein originärer Ansatz, der sich ebenfalls in seiner Bibelauslegung findet: In bewusster Absetzung zur damals noch jungen und ihm durchaus bekannten historisch-kritischen Exegese versuchte Buber, die biblischen Texte aus sich selbst heraus zu deuten, um so dem darin ins Wort gebrachten Dialog zwischen Gott und seinem Volk auf die Spur zu kommen. Dabei scheute er keinesfalls die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit evangelischen Exegeten wie Rudolph Bultmann oder Albert Schweitzer, zu denen er persönlichen Kontakt hielt und von denen er einmal sagte, dass sie „läuternd“ auf sein eigenes Denken eingewirkt haben.

Bubers innere Freiheit und seine Entschlossenheit zur Versöhnung wurden auch sichtbar, als der Krieg und die Terrorherrschaft, die der Nationalsozialismus von deutschem Boden aus über ganz Europa gebracht hatten, 1945 ihr Ende gefunden hatten. Nach einem längeren inneren Klärungsprozess, beginnend mit dem Aufnehmen brieflicher Korrespondenz nach Deutschland, entschied sich Buber – trotz zum Teil heftiger Kritik in Israel – im Dezember 1950 wieder deutschen Boden zu betreten. Buber, der das beispiellose Unrecht der Judenverfolgung bis zu seiner Emigration aus Deutschland 1938 aus nächster Nähe erlebt hatte, war bereit, ein Gespräch mit Repräsentanten des „neuen“ Deutschlands aufzunehmen, und öffnete damit die Tür für weitere Kontakte.

Von der Bereitschaft, sich nicht den eigenen Blick für die Zeichen einer Humanität noch mitten in der Unmenschlichkeit verstellen zu lassen, war auch die Dankesrede geprägt, die Buber anlässlich der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1953 hielt. Darin unterschied er zwischen den „mehreren tausend Deutschen“, die an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, und jenen Deutschen, die es nicht fertiggebracht haben, Märtyrer zu werden. Den „deutschen Menschen“ schließlich, die sich dem Regime verweigerten und dafür mit ihrem Leben bezahlten, wisse er sich „in Liebe“ verbunden.

Mein großer Bruder Jesus

Es sind Bubers dialogische Haltung und seine Fähigkeit, neue Wege des Miteinanders zu entdecken, die ihn ebenfalls zum Vorreiter im jüdisch-christlichen Dialog haben werden lassen. In einer Zeit, in der die vom Zweiten Vatikanischen Konzil vollzogene Wende im Verhältnis zwischen Kirche und Judentum noch nicht absehbar war, ging es Buber nicht um eine Abrechnung mit dem Antijudaismus der Christen, sondern um einen Dialog, der einem besseren Verstehen der eigenen Position wie der des Gegenübers dient. Ohne „das Geheimnis“ der anderen Religion „zu kennen“, war er bereit, „anzuerkennen“, dass dieses ebenfalls an das Geheimnis Gottes rührt. Buber gehörte zugleich zu den Ersten, die eine spezifisch jüdische Sicht auf Jesus von Nazaret entwickelten. In einer auf christlicher Seite breit übernommenen Wendung bezeichnete er ihn „als meinen großen Bruder“. Damit schuf er zugleich die Möglichkeit, dass auch seine christlichen Gesprächspartner Jesus als Juden „entdecken“ konnten.

Bubers Eigenständigkeit wurde auch an seinem Einsatz für die Rückkehr der Juden nach Palästina deutlich. Bereits als junger Mann schloss er sich der zionistischen Bewegung an. Den Grund für das Entstehen des Zionismus erkannte er nicht im Antisemitismus, sondern in der „einzigartigen Verknüpfung zwischen einem Volk und einem Land“. Damit verbunden war für ihn die letztlich messianische „Hoffnung auf ein echtes und gerechtes Zusammenleben der Völker“. Mehr noch als diese Sicht oder seine daraus sich ergebende sozialistisch eingefärbte Gesellschaftsidee brachte ihn sein Eintreten für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung in eine Minderheitenposition innerhalb der zionistischen Bewegung. Buber gehörte zu den wenigen, die früh schon die Bedeutung der Frage des Umgangs mit den Palästinensern erkannten. Sein entschiedenes Eintreten für einen Ausgleich zwischen Juden und Arabern sowie – nach der Staatsgründung – sein Kampf gegen die Diskriminierung der arabischen Bürger Israels ließen ihn in Konflikt mit Weggefährten wie David Ben Gurion, dem Staatsgründer und ersten Präsidenten Israels, geraten. Allerdings brachte ihm dies auch den Austausch und die Wertschätzung von Dag Hammarskjöld ein, dem ersten Uno-Generalsekretär. Vielleicht noch mehr als andere Themen hat Bubers Einsatz für Dialog und Frieden eine bedrängende Aktualität.

Bubers denkerische Originalität zeigte sich schließlich in seinem philosophischen Hauptwerk „Ich und Du“. Buber stellte darin die Reflexion über die Erfahrung einer konkreten Begegnung zwischen dem Ich und dem Anderen, dem „Du“, in die Mitte. Von dorther gewann er die These, dass „im Anfang die Beziehung“ sei, weil der „Mensch am Du zum Ich“ werde. So befruchtend der schmale Band gewirkt hat, so oft ist er innerhalb der philosophischen Zunft belächelt und als „Buberei“ abgetan worden.

Das Jenseits im Diesseits

Auch seine intensive Beschäftigung mit dem Chassidismus erfuhr ähnliche Kritik. Und doch ist bis heute die in den chassidischen Erzählungen enthaltene Weisheit durch Bubers Engagement zeitnah lebendig. Die Weisheitserzählungen des osteuropäischen Judentums, das Buber durch seinen Großvater vermittelt wurde, verstand er nicht als Form eines „jüdischen Pietismus“, nicht als Rückzug in eine fromme Innerlichkeit. Für ihn stellten die „Erzählungen der Chassidim“ eine „Weltfrömmigkeit“ dar, die „das Jenseits ins Diesseits herübernimmt“, damit es in diesem „walten“ und dieses „formen“ kann. Die Geschichten, die er fand, wollte Buber nicht „übersetzen“, sondern mit seinen Worten „nacherzählen“ und darin neu auslegen, um gerade so „alle Elemente der originalen Fabel … unberührt zu erhalten“. Auch hier ging es Buber letztlich um einen Dialog der dem Entdecken des Humanen dient.

Als Buber 1965 gestorben war, gingen Schreiben aus der ganzen Welt ein, die an den „Unangepassten“ – wie er sich selbst einmal bezeichnete – erinnerten: Zeichen dafür, dass Buber zeit seines Lebens in Kontakt und Austausch stand mit unzähligen Politikern, Literaten und Denkern. Er habe „keine Lehre“, er „führe ein Gespräch“. Das sagte Martin Buber kurz vor seinem Tod über sich selbst. Es lohnt sich heute immer noch, dieses „Gespräch“ aufzunehmen und zu führen. Der Band Bourels bietet dafür eine herausragende Möglichkeit.

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