Madeleine DelbrêlChristus suchen im Staub der Straße

Pilgerschaft und Gottsuche: Was das im Horizont moderner Lebenserfahrung ist, erzählt eine Biografie der Mystikerin Madeleine Delbrêl.

Der Christ der Zukunft werde „ein Konvertit und ein Pilger“ sein. Dieser Satz französischer Pastoral(theologie) lässt sich an kaum einer Gestalt des 20. Jahrhunderts so durchbuchstabieren wie an Madeleine Delbrêl (1904–1964). Als sie mit zwanzig Jahren zum Glauben fand, war das für sie das Glück ihres Lebens. Eine Pilgerin blieb sie ihr ganzes Leben, erst recht seit dem mutigen Aufbruch ins Neuland – nach Ivry bei Paris in die Hochburg der französischen Kommunisten. Im Zeitabstand von mehr als fünfzig Jahren lässt sich die Aktualität dieser Glaubenslehrerin noch tiefer erfassen – nicht ohne ständigen Blick auf heutige Lebens- und Glaubensnöte.

Als erster Punkt ist der Glutkern von Madeleines Konversion hervorzuheben. Ihre kürzlich erst entdeckten Briefe an ihren langjährigen Beichtvater Abbé Jacques Lorenzo zeigen die intensive Christus-Innigkeit der jungen Frau. Weniger bekannt ist die ebenfalls leidenschaftliche Kreuzesfrömmigkeit der lebenshungrigen Schriftstellerin. Die Annahme unveränderbaren Leids dank der Gemeinschaft mit Christus wird fortan ebenso ihr eigenes Leben prägen wie ihre zahlreichen Briefe, Texte und Begegnungen. Bezeichnend ist ihre treue Begleitung der Eltern in schwierigsten Situationen bis zuletzt, nicht minder der Umgang mit Lebens- und Glaubenskrisen anderer und natürlich die Anteilnahme am strukturellen Leid der Armen. Christus zur Welt kommen und ihn als den Mit-Leidenden wirken zu lassen, ist Berufung ihres Lebens und Gütezeichen ihrer Gemeinschaft. Einzig wichtig ist ihr, „die Gebärden Christi im eigenen Leben zu wiederholen“ beziehungsweise weiterzuführen. Unwillkürlich fragt man sich, was solch entschiedene Gottesleidenschaft für den heutigen Spiritualitäten-Markt und die bloß (?) strategische „Macherei“ im kirchlichen Betrieb bedeutet. Ohne den mystischen Kern wirklicher Bekehrung bliebe alle „Kirchenentwicklung“ doch nur Management.

Christlich zur Welt kommen heißt für Madeleine Delbrêl – ein zweiter Aspekt – alltäglich werden. Es bedeutet Abschied von den Hochsitzen kirchlicher Selbstherrlichkeit; es erfordert Abstand zu Machtstrukturen, Erfolgserwartungen und Gewinnstrategien. Christliche Lebensart zeigt sich im Staub der Straße, in der Banalität des Alltäglichen, in der Option für und mit den Armen. Was müsste solch eine „herunterkommende“ Option für die und mit den Armen in einer hierzulande finanziell reichen und spirituell armen Kirche bedeuten?

„Sie ist nie ohne ihr Evangelium weggegangen.“ Das meint – dritter Punkt – keineswegs nur die gedruckte Bibel, deren Aussagen man bloß anzuwenden hätte. Was Evangelium ist, zeigt sich für Madeleine Delbrêl – und jetzt bei Papst Franziskus – erst mitten in den alltäglichen Geschehnissen. Da geht Jesu Botschaft auf, verteilt sich wie das Gewürz im Essen, wie die frische Luft im Smog. Deshalb ist das Evangelium immer neu und voller Überraschungen. Deshalb sind jene so bedauernswert, die es nicht kennen. Zu fragen wäre, ob dagegen das hierzulande gängige Verständnis vom Evangelium immer noch verkopft ist, als könnte es aus bloßen Texten destilliert werden. Aber ohne die realen Verhältnisse und deren Widersprüche „spricht“ das Evangelium nicht und wird keine lebendige Stimme.

Entsprechend zeigt sich – viertens – die erneuernde Kraft des Evangeliums in der ständigen Unterscheidung der Geister. Die Kommunisten faszinierten Madeleine Delbrêl durch ihre Hoffnungskraft und ihren Gestaltungswillen für gerechte(re) Verhältnisse. Dass sie, oft militant, nicht an Gott glaubten und derart „auf dem Holzweg“ waren, bedrängte die Glaubende massiv. Denn genau in dieser Transzendenzlosigkeit bestehe „das Elend des Geistes“. Madeleine Delbrêl trat der kommunistischen Partei bewusst nicht bei. Alles, was nach Unterstützung ihrer Lehre hätte aussehen können, mied sie. Aber überall, wo es miteinander humanisierend etwas zu tun gab, war sie dabei und packte mit an, ganz praktisch und durchaus politisch. Was hieße solche Zeitgenossenschaft in einer pluralen Gesellschaft mit ihrer Immanenzvertröstung ohne rettenden Ausblick darüber hinaus? Wo wäre christlich die rote Linie zum Zeitgeist zu ziehen und das harte Nein des Taufversprechens zu leben, aber in wirklicher Solidarität mit Andersdenken oder gar „feindlichen“ Parteien?

Madeleine Delbrêl litt ein Leben lang – fünftens – daran, dass ihre Lebensform in der real existierenden Kirche unklar bleiben musste: weder „richtiger“ Laie noch „richtige“ Nonne und „wirkliches“ Kloster, auch nicht Säkularinstitut, „nur“ Konvertitin und Pilgerin auf den Straßen des Lebens, „Volontärin“ in der Kirche geistlicher „Spezialisten“. Gleichwohl blieb sie leidenschaftlich der realen Kirche verpflichtet, in der sie Christus am Werk wusste wie nirgends. Konkret waren das die Mitchristen, aber auch die Amtsträger und vor allem Rom, wohin sie insgesamt elfmal pilgerte. Und doch zerriss es sie in den Kirchenkrisen zum Beispiel um die Arbeiterpriester förmlich. Wie sähe solche Kirchlichkeit zwischen Widerstand und Ergebung heute aus? Was ist mit dem viel beschworenen gemeinsamen Priestertum konkret?

Außerdem hebt diese Biografie – sechstens – neu ins Licht, wie realistisch Madeleine Delbrêl ihre Stellung als Frau in der Männerkirche reflektierte. Sie war von Frau zu Frau solidarisch mit den Armen und im Gespräch mit Marxistinnen. Sie schrieb in einem angesehenen Lexikon den Grundsatzartikel über die Frau in der Kirche. „Es ist besser, die Männer … (in der Kirche) nicht allein zu lassen“, meinte sie in ihrer typischen Mischung aus Demut und Humor.

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François, Gilles / Pitaud, Bernard

Madeleine DelbrêlDie Biografie

Verlag Neue Stadt, München 2019, 352 S., 30 €

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