Geistliche GemeinschaftenPioniere mit Anbetung und Gummibärchen

Das traditionelle Gemeindeleben ist vielerorts in einer Krise. Geistliche Gemeinschaften versuchen, mit ihren Mitteln neue Impulse zu setzen. Welche Chancen und welche Schwierigkeiten gibt es dabei? Zwei Beispiele.

Pioniere mit Anbetung und Gummibärchen
© Markus Nowak / KNA

Kennen Sie Carrie Mathison? Jene hochintelligente, an einer bipolaren Störung leidende CIA-Agentin, die den Terroristen Abu Nazir jagt, die Drohnen auf Zivilisten steuert, die sich in den Irak-Veteranen Brody verliebt und die sich ohne Rücksicht auf Verluste und Autoritäten unbeirrbar ihren eigenen Weg durch Basare, Betten und an Behörden vorbei bahnt?

In der fünften Staffel der US-amerikanischen TV-Serie „Homeland“ landet Carrie in Berlin. Mitten am Prenzlauer Berg. Mitten in der Herz-Jesu-Kirche. Kerzen brennen, der Pfarrer singt das Agnus Dei, bricht die Hostie über dem Kelch. Totale. Schwenk über die charakteristischen Zebrabögen der im byzantinischen Stil erbauten Kirche und die Apsis mit dem überdimensionalen Pantokrator-Christus, der die Arme ausbreitet, auf die Menschen zugeht und sie willkommen heißt. Mittendrin: Carrie. Sie ist fromm geworden. Macht Mundkommunion. Betet. Schnitt.

Die Szene stammt nicht aus einem Werbefilm für Geistliche Gemeinschaften, und doch passt sie zu dem Charakter vieler dieser Bewegungen, die vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden sind. Es geht um den Ausbruch aus dem Etablierten und zugleich um eine neue Hinwendung zum christlichen Glauben. Gegensätze, die sich anziehen, überraschende Begegnungen und Konstellationen und vor allem eine Verbindung von Modernität und Frömmigkeit zeichnen viele Geistliche Gemeinschaften aus. Die Kehrseite wiederum können ein elitäres Eigenleben sowie ein besonderes geistiges Leistungsbewusstsein sein.

Der Päpstliche Rat für die Laien verzeichnet rund 120 anerkannte Neue Geistliche Bewegungen, rund 70 davon sind in Deutschland aktiv. Darunter die Pioniere wie die Fokolare und die Schönstattbewegung bis hin zu neueren Formen. Besonders präsent durch ihre Priesterseminare ist der sogenannte Neokatechumenale Weg, außergewöhnlich prominent ist beispielsweise das Opus Dei, das sich hier einreihen ließe.

Wie aber wirkt sich das Leben der Geistlichen Gemeinschaften auf die etablierten Gemeinden aus, wie wirken sie in einer sich entkirchlichenden Gesellschaft? Hier gibt es ganz unterschiedliche Erfahrungen. Zwei sollen hier vorgestellt werden.

Schwester Michaela Borrmann lebt und arbeitet seit fünfeinhalb Jahren in der Pfarrei Herz Jesu. Carrie Mathison und „Homeland“ kennt sie nicht. Aber es werde häufig in Herz Jesu gedreht: Filme, Serien, auch Werbung. Da kämen gute Einnahmen rein, die beispielsweise für Angebote der Pfarrei wie die Suppenküche und das Nachtcafé hilfreich seien. Klar, dass die Inhalte mit den Überzeugungen der Kirche vereinbar sein müssten.

Schwester Michaela ist Ende vierzig und gehört zur Gemeinschaft Chemin Neuf (Neuer Weg), der die Pfarrei seit 1994 anvertraut ist. 1973 in Frankreich gegründet, gehören heute etwa 2000 Menschen in 33 Ländern dazu – Ehepaare, Priester, Pastoren, Singles und eben auch zölibatär lebende Brüder und Schwestern. Die Gemeinschaft selbst nennt sich „katholisch mit ökumenischer Berufung“. In Herz Jesu gibt es eine „Lebensgemeinschaft“ von Chemin Neuf: Zwei Priester, zwei Schwestern und eine Familie, die im Stadtviertel um die Fehrbellinerstraße 99 wohnen und die in „gleicher Verbindlichkeit“ zu Chemin Neuf gehören. Insgesamt leben in Berlin und im Umland 20 Mitglieder. Ein großes Projekt der Gemeinschaft, die man auch einen modernen Orden nennen könnte, ist neben Kloster Lankwitz im Süden Berlins die Pfarrei Herz Jesu Sankt Adalbert im Prenzlauer Berg.

Chemin Neuf leitet die Boom-Gemeinde im Prenzlauer Berg

Herz Jesu ist eine Boom-Pfarrei, könnte man sagen. Die Sonntagsmesse um 10.30 Uhr ist meist bis auf die letzte Kniebank gefüllt. Für den katholischen Kindergarten gibt es viel mehr Anmeldungen als Plätze. „Wir haben über 100 Taufen im Jahr, 60 bis 80 Erstkommunionkinder und mehr als 100 Ehevorbereitungen“, sagt Schwester Michaela, die Chemin Neuf Deutschland leitet. Insgesamt wohnen 9000 Katholiken im Pfarrgebiet. 300 kommen sonntags zur Messe. Das sind de facto nur gut drei Prozent. Für eine durch und durch säkularisierte Großstadt wie Berlin, darüber hinaus in der ehemaligen DDR gelegen, ist das aus kirchlicher Sicht eine erfreuliche Zahl.

Neben dem klassischen „Geschäft“ einer Pfarrei, den sogenannten Kasualien, wie Taufen, Erstkommunion, Firmung, kirchliche Trauung, Begräbnis, gibt es in der Pfarrei Herz Jesu eine große Anzahl unterschiedlicher Angebote: Spielgruppen für Kleinkinder, eine Kinderschola, Religiöse Kindertage, Sternsinger, Krippenspiel, Teenie-Gruppen, eine ausgeprägte Ministrantenarbeit, eine Studenten-WG, Familienkreise, Angebote für Paare, einen Seniorenkreis, einen Gebetskreis sowie Alpha- und Glaubenskurse.

„Ja, man kann hier von blühendem Leben sprechen“, sagt Schwester Michaela. Das Miteinander von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen ist eingespielt und von gegenseitigem herzlichen Respekt geprägt. „In Herz Jesu gibt es außerdem das Nachtcafé, ein Ruheort für Menschen am Rande unserer Gesellschaft“, so die Schwester, die normalerweise einen beigen Rock, ein weißes Oberteil und ein Holzkreuz an einem braunen Band um den Hals trägt. In den kalten Monaten November bis März lädt Herz Jesu „bedürftige Gäste aus Deutschland und Ländern Osteuropas“ montagnachmittags in den Pfarrsaal ein, um dort zu übernachten. Es gibt Kaffee und Kuchen, ein warmes Essen, Betten zum Schlafen, ehrenamtliche Helfer, die zuhören, und am nächsten Morgen ein Frühstück. Sonntags gibt es die Suppenküche. Ein vierköpfiges Freiwilligenteam bietet im Gemeinderaum der St. Adalbertkirche an der Torstraße ein Mittagessen für Bedürftige an.

Katholisches Gemeindeleben gab es bereits vor 25 Jahren, als Chemin Neuf in die Pfarrei kam, vieles ist erst im Laufe der vergangenen Jahre entstanden. „Neu etabliert haben wir vor den abendlichen Werktagsmessen die Eucharistische Anbetung und das Laudesgebet am Morgen“, sagt die Berlinerin. Ein großes Anliegen ist, dass die Kirche offen ist und die Menschen zum Gebet hineinkommen können. Ungewöhnlich für Berlin, da die Kirchentüren tagsüber anderswo oft verschlossen sind. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist zusammen mit seiner Frau seit 47 Jahren Gemeindemitglied. Er beschreibt den „Berliner Katholizismus“ als handfest. In Zeiten der DDR hätten sich viele Katholiken eine „Mentalität des Überwinterns und der Abwehr“ angeeignet. Man sei eher skeptisch mit Neuerungen umgegangen, und als dann vor mehr als 25 Jahren eine Gruppe aus Frankreich nach Herz Jesu kam, sei das Befremden der Alteingesessenen doch eher groß gewesen. Inzwischen sei das jedoch erheblich anders geworden. Thierse erinnert sich an eine Situation in der Osternacht, als Chemin Neuf zu viel eigenes Liedgut eingeplant hatte und die Gemeinde eigentlich gerne die kraftvollen österlichen Gottesloblieder hätte singen wollen. „Da waren manche Alteingesessene richtig sauer. Ich habe Chemin Neuf dann gesagt: Ihr müsst die richtige Mischung finden“.

Seit einigen Jahren finden vor Weihnachten und Ostern Versöhnungsabende in der Kirche statt. Gottes Liebe soll erfahrbar werden, so die Ankündigung. Lieder, eine kurze Einführung, stilles Gebet, Gespräche mit Priestern, das Sakrament der Versöhnung – alles zielt darauf hin, Seelen-Hygiene zu betreiben, eingefahrene Verhaltensmuster zu überdenken, eigene Schuld zu entdecken, Versöhnung mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Gott zu ermöglichen. Schwierige Lebenssituationen vor Gott zu bringen, „Lasten abzulegen und sich Gottes Liebe persönlich zusprechen zu lassen“, heißt es dort. Der Versöhnungsabend der Gemeinde endet mit der Messfeier.

Schwester Michaela ist evangelische Theologin und geweihte Schwester in einer katholischen Gemeinschaft. Dies beides zusammen zudenken, ist nicht trivial. Seit 25 Jahren lebt sie gottgeweiht im Zölibat. Das heißt konkret: arm, ehelos und gehorsam. Doch wer jetzt denkt, eine verkniffene Jungfer vor sich zu haben, täuscht sich. Zwölf Jahre verbrachte sie in der ehemaligen Zisterzienserabtei Hautecombe, einem Touristenmagnet im Südosten Frankreichs. Die prachtvolle Abtei am Ufer des Lac du Bourget ist das Headquarter von Chemin Neuf. Protestanten, Anglikaner, Freikirchler, Orthodoxe und Katholiken leben und arbeiten dort. Neben der regulären Seelsorge in der Abtei für die etwa 300.000 Touristen pro Jahr leitet Chemin Neuf in Hautecombe ein Internationales Bildungs-Zentrum. Vor allem junge Leute kommen dorthin, „um ihren Glauben zu vertiefen und die Beziehung zu Gott. Um ihre Berufung zu entdecken und zu leben und sich für den Dienst in der Kirche ausbilden zu lassen.“ Die Kurse dauern drei bis neun Monate und umfassen ein Bibelstudium, theologische Vorlesungen und eine Ausbildung für ein spirituelles Leben.

Natalie und Markus Weis waren 2013 mit ihren beiden Söhnen für ein halbes Jahr in Hautecombe. Sie hatten 2006 die Pfarrei Herz Jesu kennengelernt. Sie wohnten in der Fehrbellinerstraße und die beiden Jungs gingen dort in die Kita. Mit der Zeit freundeten sie sich mit einer deutsch-französischen Familie von Chemin Neuf an. Damals schrieb Natalie Weis als Journalistin für die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“. Ihr Mann war freischaffender Künstler, und sie sagen selbst über sich, dass sie „typische Prenzlberger“ waren: hedonistisch orientiert, sehr individualistisch mit einer großen Scheu vor Gemeinschaften und Kollektiven. „Wir waren auch nicht in Vereinen oder so. Das lag uns nicht“, sagt die 49-Jährige rückblickend. Die Leute der Gemeinschaft Chemin Neuf „mit ihren weißen Kleidern und ihren Kreuzen fanden wir schon eher schräg und wir waren auch sehr misstrauisch. Fragten uns, wo hier der Haken ist“. Aber sie hätten gespürt, dass da irgendetwas anders ist. „Da war Offenheit, Lebendigkeit, Freude, gepaart mit einer unglaublichen Tiefe.“ Sie selbst stammt vom Niederrhein, war katholisch aufgewachsen, hatte aber während des Studiums den Bezug zur Kirche verloren. Wenn überhaupt, sei die Kirche für sie nur mehr ein sozialer Player innerhalb der Gesellschaft gewesen. Ein closed shop für Spezialisten.

Aus ihrer Kindheit hatte sie in Erinnerung, dass Christen entweder fromm und engstirnig waren oder laut und liberal. „Aber es ging nie um Jesus. Plötzlich waren wir konfrontiert mit einer Offenheit gegenüber Neuen, mit einer Fröhlichkeit und Lebendigkeit. Das fanden wir anziehend.“ Nach drei Jahren nahmen sie an einer Einkehrwoche für Ehepaare teil. „Da haben wir unvorhergesehenerweise als Paar eine tiefe Erfahrung mit der Gegenwart Jesu gemacht.“ Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits zehn Jahre verheiratet und hatten in ihrer Beziehung „einige Leichen im Keller“. „Für uns bedeutete diese Begegnung mit Jesus auch erst einmal eine Heilung in unserer Beziehung. Ich bin sicher, dass wir ohne diesen Weg in der Gemeinschaft Chemin Neuf heute sicherlich keine intakte Familie mehr wären“, sagt Natalie Weis, die mittlerweile in der Bundestagsverwaltung tätig ist. Für sie habe damals ein Prozess begonnen, sich selbst darauf einzulassen, dass Glaube nichts Theoretisches sei. „Ich habe lange nicht begriffen, dass die Kirche der Raum ist, wo ich Gott begegnen kann.“

Als die Söhne acht und zwölf Jahre alt waren, gingen sie dann für sechs Monate nach Hautecombe. Für die Familie sei das eine großartige Zeit gewesen. Herauskommen aus dem etwas eingefahrenen, gleichförmigen Alltagstrott. „Wir haben viele Ausflüge gemeinsam gemacht und einfach viel Zeit als Familie verbracht.“ Als sie nach Berlin zurückkamen, wurden sie verantwortlich für die Ehe- und Familienpastoral in der Pfarrei Herz Jesu und bei Chemin Neuf. Eine Aufgabe ist dabei, die Familien der Erstkommunionkinder zu betreuen. „Bei uns ist es üblich, dass sich die Kommunionkinder zusammen mit ihren Eltern im Pfarrbüro anmelden. Bei dieser Anmeldung sind wir bereits mit einem Team dabei und lernen die Familien kennen.“ In Herz Jesu macht der Pfarrer die Kommunionvorbereitung nicht allein. Die Idee von Chemin Neuf ist, den Dienst als Team zusammen zu tun. Ohne Über- und Unterordnung, ohne Vorbehalte oder Argwohn – gemeinsam als Team leiten. „Wir unterstützen den Pfarrer und überlegen gemeinsam, was für die jeweilige Familie gut wäre. Bei den Elternabenden sind wir auch dabei und besprechen ganz konkret, wie ein Glaubensleben in der Familie aussehen könnte, wie man beispielsweise gemeinsam betet. Das gute an Herz Jesu ist, dass es ein riesiges Engagement gibt und sich die Arbeit auf viele Schultern verteilt. Wir haben sehr viele Helfer, nicht nur die zwei bis drei, die sich klassischerweise aufreiben und alles allein tun müssen. Wir haben so viele Projekte und unterschiedliche Formate, bei denen nur ein kleiner Einsatz nötig ist. Und viele haben Lust, mitzumachen.“

Ziel ihrer Pastoral in Herz Jesu sei nicht die Rekrutierung neuer Mitglieder für Chemin Neuf. Ziel sei es, eine Begegnung mit Jesus zu ermöglichen. Dadurch kämen oft viele Dinge ins Lot, so entstünden neue Stabilität im Leben und echte Freude.

Die Gemeinschaft Emmanuel steht in Köln am Anfang

Noch ganz am Anfang steht die Gemeinschaft Emmanuel in der Kölner Innenstadtgemeinde Sankt Aposteln. Vor gut einem Jahr kamen zwei Priester und drei geweihte Schwestern an den Rhein. Auf dem Weltjugendtag 2005 in Köln hatten sie sich kennengelernt, das Bistum und die Gemeinschaft Emmanuel. Aus einer großen Emmanuel-Abendveranstaltung im Kölner Sportstadion Höhenberg während des Weltjugendtags, dem „Nightfever“, hatte sich eine deutschlandweite Initiative von jungen Leuten entwickelt, die Gebetsabende in Kirchen organisierten und kirchenferne Passanten in die Kirche einluden.

„Hier im Bistum gab es eine Begeisterung für diese Art des missionarischen Eifers junger Leute und da war es naheliegend, die Gemeinschaft Emmanuel für unser Bistum zu gewinnen“, sagt Dominik Meiering, leitender Pfarrer der Kölner Innenstadtgemeinden und Domkapitular am Kölner Dom. Er betreut ein ganzes Portfolio an „kraftvollen, spirituellen Orten in Köln“: die marienfromme Gemeinde Maria in der Kupfergasse, die Kunststation Sankt Peter, Sankt Martin mit der Gemeinschaft Jerusalem, Sankt Agnes mit der starken Familienarbeit. Außerdem Sankt Aposteln mit dem profilierten kirchenmusikalischen Profil und dem lateinischen Hochamt, das beispielhaft für das Bistum Köln ist.

In Sankt Aposteln, wo 2400 Katholiken leben, ist das klassische Pfarreileben vor einigen Jahren gestorben. Gentrifizierung und Airbnb haben das Ihre getan, um Alteingesessene nahezu komplett aus dem Gebiet rund um den Neumarkt zu vertreiben. „Aus der Pfarrgemeinde ist eine Fahrgemeinde geworden“, sagt Meiering. Ihm ist bewusst, dass die Kirche neue Angebote machen muss, wenn sie überleben will. Ihm ist außerdem klar, dass sich die Leute ihre Formate suchen und dahin gehen, wo ihnen Gesang und Musik, Priester und Predigt gefallen. Mittlerweile durchzieht die Kölner Innenstadt ein Netzwerk unterschiedlicher Kirchen, die mit ihrem Angebot jene Bandbreite abbilden, nach der die Menschen suchen.

Christian Schmitt: „Gott ist nicht nur ein Denk-Ding“

Die kleine Gruppe der 1972 in Paris entstandenen Gemeinschaft Emmanuel startete 2018 mit einer Familienmesse sonntags um 11 Uhr. Sie singen Lieder, in denen sie nicht über Gott singen, sondern Gott direkt ansprechen. „Uns geht es nicht um den sekundären Diskurs“, sagt Christian Schmitt, Priester der Gemeinschaft Emmanuel und Verantwortlicher für die Emmanuel-Priester in Europa. „Gott ist nicht nur ein Denk-Ding, über das wir in Theologendeutsch sprechen. Wir suchen den primären Diskurs mit ihm.“ Emmanuel möchte die Menschen in eine bestimmte Haltung hineinnehmen, nämlich, dass Gott wirklich da ist, dass er lebendig ist und dass ihm mein Leben nicht wurscht ist, sagt Schmitt. Im Anschluss an die Sonntagsmesse ist ein kleiner Empfang, ein get together, zu dem alle Messbesucher eingeladen werden. Kaffee, Kekse, Gummibärchen. So lernt man sich kennen. Mittwochs findet nun vor der Abendmesse Eucharistische Anbetung statt.

„Wir sind da für Köln, wir machen den Versuch, eine Gemeinde aufzubauen. Das hat auch etwas mit Pionierarbeit zu tun“, sagt der 55-jährige Schmitt, der eigentlich Priester des Bistums Münster ist, aber nach Köln ausgeliehen wurde. Einen ganz neuen Klang hat für ihn im vergangenen Jahr das Wort „Caritas“ erhalten. Als Pfarrer sei er natürlich aus beruflichen Gründen durch Krankenhäuser oder Beratungsstellen mit der Caritas im Kontakt gestanden. Seit er jeden Mittwoch in Sankt Aposteln bei der Lebensmittelausgabe hilft, ist ihm die Caritas ganz nah gekommen. „Früher habe ich für die Caritas Geld gespendet oder als Pfarrer ,von hinten‘ mitgeholfen. Jetzt bin ich mittendrin“. 140 Leute kämen jede Woche in den großen Pfarrsaal. Viele alte Menschen aus der Umgebung, aber auch Flüchtlinge und ausländische Familien. Sergio ist mit seiner Mutter und vier Geschwistern aus Albanien nach Köln gekommen und ist nun regelmäßig mittwochs dabei. Sergios Mutter möchte, dass die Kinder getauft werden. Die Fluchtbiografie hatte dies bis heute nicht möglich gemacht. Sergios große Frage an Pfarrer Schmitt war, ob Jesus wirklich lebt. „Das sind die echten Fragen“, so Schmitt, „Fragen, wegen derer ich Priester geworden bin!“ Die Arbeit in der Lebensmittelausgabe kann Schmitt nur deshalb tun, weil er in Köln nicht 70 Prozent seiner Zeit damit verbringt, Gremiensitzungen zu leiten. Sankt Aposteln hat zwar einen Ortsausschuss, der Pfarrgemeinderat und der Verwaltungsrat spielen sich auf einer anderen Ebene ab. So können die Priester und Schwestern ganz nah in der Seelsorge arbeiten.

Im November startete ein „Mission-Possible-Kurs“ mit verschiedenen Impulsen und praktischen Übungen, die zu einem authentischen und missionarischen Lebensstil führen sollen. „Wir bieten also eine feierliche Liturgie, Glaubenskurse zur Vertiefung und gelebte Caritas an“, so Schmitt. Die Menschen sollen in Sankt Aposteln einen Ort des lebendigen Glaubens finden, getragen aus einer Freude an der Gegenwart Gottes. Ein Ort, an dem sie andocken können mit ihrer Suche, mit ihren Fragen. Ob das gelingt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

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