Weltkirchliche Lernimpulse für die PriesterausbildungIn einer Kirche der Beteiligung

Die Priesterausbildung in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Die sinkende Zahl der Seminaristen verlangt nach einem grundlegenden Gespräch über die inhaltliche Zukunftsperspektive priesterlichen Dienstes und priesterlicher Ausbildung. Der weltweite Blick auf andere Ortskirchen und ihre Erfahrungen mit der Priesterausbildung können dabei helfen.

Die Zahl der Priesteramtskandidaten in Deutschland befindet sich im Sinkflug. Seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit mehr als einem Jahrzehnt aber wird in den deutschen Diözesen auch ein Umbruch gestaltet, der schmerzlich erkennen lässt, dass bisherige Parameter der Seelsorge – und damit auch des Dienstes des Priesters – so in Zukunft nicht mehr funktionieren können: Wenn aufgrund dieser Entwicklungen Pfarreien oder Seelsorgeeinheiten errichtet werden, die bis zu 40 000 Katholiken umfassen, dann hat dies Auswirkungen auf den Dienst des Priesters, wie auch auf die Teams der Hauptberuflichen, die mit ihrem Pfarrer die Pfarrei leiten.

Nun können in dieser neuen Situation Leitungsfähigkeiten geschult werden, und das geschieht in den deutschen Diözesen auch zum Teil sehr intensiv und nachhaltig. Aber zugleich wird auch deutlich, dass im Hintergrund andere Fragen stehen: Es geht ja nicht nur darum, auch in größeren pastoralen Räumen weiter aktionsfähig zu bleiben, die Pastoral weiterzuführen, zu gestalten und zu koordinieren. Es geht um mehr. Das pastorale Tun, das kirchliche Handeln muss in eine visionäre und verantwortliche Zukunftsperspektive gerückt werden. Nicht die einzelnen pastoralen Handlungsweisen stehen in Frage, sondern der Rahmen, das Paradigma.

Es geht um die Frage, in welche Richtung sich die Kirche in Deutschland entwickeln wird, welche farbige und lebensstiftende Perspektive der Zukunft die Kirche in unserem Land hat und wie diese Perspektive in einer von innen erneuerten Pastoral wirkmächtig werden kann. Dieser Dienst ist auch den Priestern aufgetragen – und damit ist klar, dass sich auch die Frage stellt, wie sie mit einer solchen Vision vertraut werden können, und wo sie lernen können, diese fruchtbar an den Orten ihrer Sendung einzubringen.

Ohne eine solche Vision einer zukünftigen Kirchengestalt riskiert jede noch so gut geprägte und ausgebildete Leitungsfähigkeit, sich in der Bearbeitung immer größer werdender Aufgabenbereiche zu erschöpfen. Als ob es darum ginge, ein gewachsenes Gefüge einfach auch nur weiterzuführen, so gut es eben geht. Es ginge, um mit respektlos nüchternen Anglizismen zu sprechen, um ein „Management of decline“.

Diese unbefragte Weiterführung eines ehemals sehr bewährten pastoralen Gefüges verbietet sich aber aus vielen Gründen. Neben der notwendigen Überlastung oder dem unwillentlichen Fallen-lassen-Müssen vieler Aspekte bisheriger Pastoral käme eine merkwürdige Weiterführung dieses Überlastungssyndroms hinzu: Ehrenamtliche, die mit hohen Engagement (und zuweilen aus Mitleid mit ihren Hauptberuflichen und Priestern) das Leben der Gemeinden gestalten, fühlen sich häufig inneren Appellen verpflichtet, das gewachsene Gefüge am Leben zu erhalten. Dabei spüren sie in der Regel sehr deutlich, dass die bisherige und gewohnte Konstellation der Pastoral nicht mehr stimmt. Aber wer gibt ihnen eine inspirierende Orientierung?

Und es ist wahr: „Ohne Vision verkümmert das Volk“ (Spr 29,18), und es gehört genau zu jener Leitungsaufgabe des Priesters, selbst inspirierend und entzündend für solche Entwicklungsprozesse zu stehen und so eine orientierende Perspektive zu ermöglichen. Wohlgemerkt geht es nicht darum, dass ein Priester seine Vision durchsetzt – oder andere sie übernehmen sollten: Er ist es vielmehr, der ermöglicht, dass seine Brüder und Schwestern gemeinsam eine Vision entwickeln.

Die Schlüsselrolle der Priesterausbildung

Eine solche Situationsanalyse beschreibt auch den Handlungsbedarf für die heutige Priesterausbildung. Hier bündeln sich Fragen, die beantwortet werden wollen: Welche Kandidaten braucht es für den sakramentalen Dienst am Volk Gottes? Welche Kriterien sind anzulegen? Welche Perspektiven sind den jungen Männern zu eröffnen, damit sie mit Zuversicht ihren Weg wagen? Und wie kann eine neue Art des Kircheseins zukünftigen Priestern zu eigen werden?

Die Frage nach einer zukünftigen Kirchengestalt, ja nach der Erneuerung der Kirche aus der Wurzel des Evangeliums ist eng verknüpft mit der nach der angemessenen Ausbildung der Priester. So sieht es auch das Zweite Vatikanische Konzil im Dekret über die Ausbildung der Priester, „Optatam totius“: „Die erstrebte Erneuerung der gesamten Kirche hängt zum großen Teil vom priesterlichen Dienst ab, der vom Geist Christi belebt ist; dessen ist sich die Heilige Synode voll bewusst. Deshalb unterstreicht sie die entscheidende Bedeutung der priesterlichen Ausbildung“ (Nr. 1).

Mit anderen Worten: Wenn deutlicher konturiert werden kann, wie unsere Kirche sich in Zukunft entwickelt, muss dies auch Konsequenzen haben für die Ausbildung der Priester (und übrigens aller anderen pastoralen Berufe). Und umgekehrt: Wenn die Ausbildung zum Priester der Erneuerung der Kirche dienen soll – welche Entwicklungslinien müssten dann weiter ausgezogen werden?

Kirchenentwicklung ist nicht reduziert auf die notwendige Neugestaltung pastoraler Räume, sondern es geht um eine erneuerte Art des Kircheseins. Das lehren weltkirchliche Erfahrungen, wie sie sich etwa in Lateinamerika in den Kirchlichen Basisgemeinden, aber dann auch in Afrika und Asien mit den so genannten „Small Christian Communities“, den „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“, zeigen. Aber es wäre auch zu verweisen auf die Entwicklung der örtlichen Gemeinden im französischen Erzbistum Poitiers.

In unterschiedlicher Weise auf Herausforderungen reagierend wächst an vielen Orten eine neue kirchliche Kultur, die Maß nimmt an der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums und dabei Spiritualität und Diakonie in den Mittelpunkt stellt: Die Perspektive einer Kirche, die eingelassen ist in „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrängten jedweder Art“ (Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, Nr. 1) führt hin zu einer lokalen Kirchenentwicklung, die sich eingründet im Sakrament der Taufe.

So erscheint es nur natürlich, das Bewusstsein zu stärken, die Charismen zu entfalten und so das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und ihre Teilhabe am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi in den Blick zu rücken.

Ganz konkret zeigt sich dies in den Orts- und Kontinentalkirchen, in denen die Kleinen Christlichen Gemeinschaften (KCG) ein wesentliches Gestaltungselement einer Kirche der Beteiligung sind. Wer sich nicht mit dem oberflächlichen Zweiklang „Bibelteilen – kleine geistliche Gruppe“ zufrieden gibt, als was die „KCG“ in ihren ersten Rezeptionsversuchen im deutschen Sprachraum erschienen, der entdeckt eine ausgesprochen spannende und visionäre Pastoralentwicklung und -kultur, deren Ausdrucksgestalt in örtlichen Gemeinden sich je nach Kulturraum sehr unterschiedlich darstellt. Aber – und das zeigt sich im näheren Hinschauen – es geht in erster Linie nicht um eine Sozialgestalt, sondern um Entwicklungsprozesse, die auf dem Hintergrund der Taufwürde zu einer Kirchenerfahrung führen wollen, in der möglichst viele teilhaben und teilgeben können.

Es ist beeindruckend, solche Gemeinden zu erleben: Oft mit einfachen Mitteln, oft sehr fragil und in großer Armut, wird hier ermöglicht, dass Christen ihre eigene Taufberufung entdecken, einen Zugang zum Leben aus dem Evangelium finden, die Schrift zu ihrer alltäglichen Lebensorientierung werden lassen und so miteinander ihre konkreten Gaben entdecken.

Wer in den Slums von Mumbai – aber auch in den wohlhabenden Vierteln dieser Metropole – mit Menschen diese Erfahrung teilen und austauschen kann, der wird begeistert sein von der Glaubenskraft, von der selbstverständlichen Sendungsorientierung der Christen in diesen Wohnvierteln. Aber auch im Hinterland von Aliwal in Südafrika ist diese Wirklichkeit anzutreffen: Frauen und Männer mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft für das Evangelium, die ganz selbstverständlich Dienste und Aufgaben wahrnehmen – und in Teams örtliche Gemeinden leiten.

Wer auf der Insel Mindoro Basisgemeinden besucht, dem wird deutlich, welchen Entwicklungsweg seit vielen Jahrzehnten die Kirche der Philippinen geht, um zu einer Kirche der Beteiligung, der Partizipation zu werden. Die ekklesiopraktische Grundorientierung für solche Entwicklungen wurde 1990 in Bandung/Indonesien formuliert: „Die Kirche wird eine Gemeinschaft von Gemeinschaften sein, wo Klerus, Laien und Ordensleute einander als Brüder und Schwestern anerkennen. Sie sind gemeinsam versammelt und vereinigt um das Wort Gottes. Dabei teilen sie miteinander die Frohe Botschaft und entdecken Gottes Wille für sich in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihrem täglichen Leben. Es ist eine partizipierende Kirche, in der die Gaben und Charismen erkannt und aktiviert werden, um den Leib Christi aufzubauen, die Kirche in der Nachbarschaft.“

Der Priester als einer, der ermöglicht und befähigt

Angesichts etwa der großen Pfarreien in den Philippinen, die zwischen 40 000 und 120 000 Katholiken versammeln, muss die Idee einer Kirche der Beteiligung wie von selbst zu einer dezentralisierten und damit lokalen Kirchenentwicklung führen. Die eucharistische Grundgestalt der Kirche zeigt sich hier umfassender als in der Frage nach dem Ort der Feier: Es geht darum, wie der Leib Christi auferbaut werden kann, wie Eucharistie lebbar wird in Gemeinschaftsvollzügen, die die Taufwürde und die Begabungen der Getauften in den Dienst nehmen.

Die Entwicklung hin zu einer Kirche der Beteiligung hängt am Priester, seiner Orientierung und Ausbildung. Pfarrer und überhaupt Priester haben – überall – einen extrem hohen Einfluss auf die Entwicklung einer solchen Kirchengestalt: Wenn Priester hier ihren Dienst verstehen als „Ermöglicher“ (facilitator) oder „Befähiger“ (enabler), dann wird deutlich, dass der sakramentale Dienst der Leitung, Verkündigung und Feier der Geheimnisse hier immer sehr ekkle­siopraktisch am Dienst am Aufbau und an der Gestaltung örtlicher Gemeinden orientiert ist.

So entsteht, gerade im Blick auf die Priesterausbildung und ihre Bedeutung für die Erneuerung der Kirche, eine doppelte Frage: Wie eigentlich reagiert die Priesterausbildung in diesen Kontexten einer lokalen Kirchenentwicklung und einer Perspektive einer Kirche der Beteiligung auf die veränderten Herausforderungen an den Dienst des Priesters? Und: Wenn eine solche Entwicklung auch für die postmodernen europäischen Kirchen ansteht, welche Hinweise für eine Neugestaltung der Ausbildung wären hier weiter zu entwickeln?

Wer so nachfragt, der erhält überraschende Antworten und Einsichten. Auf einer Regentenreise im August 2013, die diesen Fragen einmal nachgehen wollte, stand mit Armando Picardal einer der Verantwortlichen des Sekretariats der Philippinischen Bischofskonferenz zum Gespräch zur Verfügung. In den neunziger Jahren, so Picardal, hat das Plenarkonzil der Philippinischen Bischöfe sich die Option für die Entwicklung kirchlicher Basisgemeinden zu eigen gemacht und weiter entfaltet. Konsequent wurde von hier aus die nationale Grundordnung der Priesterausbildung an dieser pastoralen Option ausgerichtet.

Wer in das interdiözesane Seminar von Vigan im Norden Luzons oder in das jesuitische Seminar in Cagayan de Oro im Norden Mindanaos fährt, der wird überrascht durch die klare pastorale Ausrichtung auf diese Leitvision der philippinischen Kirche. Zunächst einmal ist klar, dass die Seminaristen in kleineren Lebensgruppen den Alltag gestalten: Das gemeinsame Leben aus dem Evangelium in den verschiedenen Formen des „Gospelsharings“ wird eingeübt. Der Austausch geistlicher Erfahrungen wird so zu einer normalen Form der Glaubenskommunikation, die die späteren Priester ja auch in den ihnen anvertrauten Gemeinden fortführen sollen.

Ganz selbstverständlich sind Bezugspfarreien, in denen die Seminaristen über die Jahre ihrer Ausbildung hinweg immer wieder mitwirken – und zwar nicht zuerst als „kleine Priester“, sondern als Mit-Glaubende in den verschiedenen örtlichen Basisgemeinschaften. Sehr beeindruckend ist auch die Kultur der Evaluation, die es in den verschiedenen Seminaren ganz selbstverständlich gibt. Dabei sind es eben nicht nur die Ausbildungsverantwortlichen und der Regens, die hier immer wieder korrigierend einwirken können – es ist vielmehr auch wechselseitige Evaluation der Seminaristen normal.

Hinzu kommt die Bewertung durch das Hauspersonal und vor allem auch durch die Gemeinden, in denen der Priesteramtskandidat vor allem am Wochenende mitlebt. Evaluation verliert auf diese Weise den Schrecken der außergewöhnlichen Kritik in Krisenfällen, wird vielmehr zum Wachstumsförderer auf dem Reifungsweg des Einzelnen. Überhaupt fällt in der Begegnung mit den Seminaristen und der Hausleitung auf, wie sehr sich das ganze Gefüge als wachstumsorientiert und wachstumsbegleitend versteht: Das Seminar als organisierte ganzheitliche Wachstumsgemeinschaft von Geschwistern – so selbstverständlich das klingt, so wenig ist es das häufig.

Theologie und Priesterausbildung „from the margins“

Das für die Weltkirche angeregte Propädeutikum haben die Seminare der Philippinen häufig in die Mitte des Studiums gelegt: Nach zwei Jahren der Ausbildung, so die Verantwortlichen, erkennen sowohl die Leitung wie auch der Seminarist besser, worauf in Zukunft für die weitere menschliche, psychische und spirituelle Reifung Wert gelegt werden sollte. Dieses Zwischenjahr des Propädeutikums ist zweifellos wesentlich und bedeutsam, weil hier ganz konkrete Wachstumsziele beschrieben werden können. Überraschend intensiv wird an der Persönlichkeit der Seminaristen gearbeitet, gerade weil, so sagen die Verantwortlichen, die sehr fragilen und häufig zerrütteten Familienverhältnisse in den Blick kommen müssen und Wege der Heilung zu finden sind. Auch hier gilt: Die ausleuchtende Begleitung in menschlichen Reifungsprozessen geschieht nicht krisenorientiert, sondern gehört zur grundlegenden Ermöglichung des menschlichen Reifungsprozesses.

Denn es ist klar: Soll wirklich der zukünftige Priester ein großes Gefüge einer Gemeinschaft von Örtlichen Gemeinden begleiten, braucht es vor allem jene menschliche Reife und Beziehungsfähigkeit, die den Leitungsdienst am Volk Gottes möglich machen. Ein wesentlicher Aspekt der Ausbildung im Seminar ist dann aber auch die pastoralpraktische Orientierung, die auf den Aufbau, die Begleitung und Förderung örtlicher Gemeinschaften zielt.

Sehr beeindruckend war in diesem Kontext der Besuch des Priesterseminars der Vinzentiner in Manila. Dieses eher kleine Seminar ist mit 35 Seminaristen der eigenen Ordensgemeinschaft sowie verschiedener Diözesen sehr konsequent auf die Pastoral einer Kirche der Beteiligung ausgerichtet. Zugleich ist hier auch eine – eher kleine – theologische Fakultät, die von Dekan Danny Pilario geleitet wird, der selbst im belgischen Löwen promoviert hat und einer der Mitherausgeber der Zeitschrift „Concilium“ ist.

Die Begegnung mit der Hausleitung und später mit den Seminaristen machte noch einmal deutlich, wie sehr auch die Ausbildung einer gemeinsam von allen geteilten Vision gestaltet wird: Dieses Seminar ist nicht eine Gemeinschaft, die sich dann in kleineren Spiritualitätsgruppen aufteilt, sondern sie ist „umgekehrt“ strukturiert: Die Studenten leben in kleineren Lebensgemeinschaften, zusammen mit einem Ausbilder, der ihnen zugeordnet ist, und lernen, Leben, Studium, Freizeit und Spiritualität gemeinsam zu gestalten.

Diese kleinen Gruppen sind also nicht additiv, sondern Grundgestalt des Seminarlebens: Hier werden geistliche Entscheidungsprozesse immer wieder eingeübt, wird brüderliche Korrektur eingefordert. Und von dieser Grunderfahrung her gestaltet sich das Leben der ganzen Seminargemeinschaft in Liturgie, gemeinsamem Essen und auch Entscheidungsprozessen. Die Offenheit und Tiefe der Seminaristen berührt, ist beeindruckendes Zeugnis für die Glaubwürdigkeit dieses Weges. Damit aber lernen hier Seminaristen von Anfang einen sehr offenen Stil der Kommunikation und der Begleitung auf dem Weg zum Priestersein: Wachstumsprozesse gemeinsam zu gestalten und dabei begleitet zu werden – ist das nicht Grundanliegen des Seminars?

Diese menschlich-christliche Reifungsdimension wird ergänzt durch eine ganz selbstverständliche pastorale Orientierung der Ausbildung, die von Anfang an sehr konkret an die örtlichen Gemeinschaften und basischristlichen Quartiergemeinden im Umfeld geknüpft ist. Dabei geht es nicht zuerst darum, als Praktikant pastorales Handeln zu gestalten, sondern inmitten des Volkes Gottes vor Ort das Leben zu teilen, gerade auch die Armut.

Sehr beeindruckend ist auch, dass der hier an der Fakultät gewagte theologische Ansatz genau diese Lebensperspektive vertieft. „Theology from the margins“, eine Theologie, die von den Rändern her denkt, ist das Programm. Versucht wird, Dogmatik und Spiritualität vom konkreten Leben der Menschen und kirchlichen Gemeinschaften her einzuholen. Konkret etwa: Was heißt Gnade aus der Perspektive einer Prostituierten und wie lässt sich von hier aus die Gnadentheologie eines Augustinus oder Pelagius erschließen? Darüber hinaus geht es aber auch ganz konkret um Fähigkeit des „Comunity organizing“, geistlicher Kirchenbildungsprozesse, um den pastoralen Umgang mit der Schrift und um jene praktischen Fähigkeiten, ohne die eine Kirche der Beteiligung nicht wirksam werden kann.

Inspirationen für Priesterausbildung in Deutschland

Die weltkirchlichen Erfahrungen können helfen, angesichts der beschriebenen Herausforderungen den Blick für vielleicht notwendige Weiterentwicklungen deutscher Priesterausbildung zu schärfen:

Wenn Kirchenentwicklung vor allem ein gemeinsamer geistlicher Prozess ist, dann will dies im Seminar eingeübt werden: Das Wort Gottes zu teilen, eine Kultur geistlicher Entscheidungsfindung einzuüben, das ist in unserem Kulturraum so selbstverständlich nicht. Dort, wo es gelingt, wird aus dem Seminar eine Wachstumsgemeinschaft. So können Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass später Priester in ihren Teams und im Umgang mit den ihnen anvertrauten Gemeinden diesen geistlichen Prozessen Vorrang einräumen. Braucht es also vielleicht einen mutigeren Weg, mit den Menschen, aber eben auch den Kandidaten einen existenziellen geistlichen Prozess anzugehen. Es wäre nicht gut, wenn Seminaristen am Ende ihrer Ausbildung nicht eingeübt wären in existenziellen Glaubensaustausch.

Gemeinschaft einzuüben in einer „Spiritualität der Gemeinschaft“ (Johannes Paul II.), das ist eine echte Herausforderung: Wenn die Kirche der Zukunft einen weitaus stärkeren Akzent auf Gemeinschaftsvollzüge und Partizipationsprozesse legt, dann ist zum einen intensiv an der Beziehungsfähigkeit der Seminaristen zu arbeiten. Zum anderen: Gemeinschaft kann man nicht glaubhaft ins Leben bringen, wenn man selbst keine Erfahrung damit hat. Wie kann die geistliche Dynamik der Gemeinschaft in unseren Seminaren prägend wirken – gerade in postmodernen Zeit stetiger Individualisierung?

Ist eine Kirche der Beteiligung, die sich als Netzwerk unterschiedlicher Gemeinschaftsformen darstellt, der Horizont des Kommenden, dann wäre es wichtig, dass Seminaristen eine eigene Erfahrung solcher Kirchlichkeit im Seminar und im Volk Gottes machen können: Nur was selbst erfahren und eingeübt wird, kann weitergetragen werden. Zu fragen ist aber auch: Sind die Praktika nicht oft zu harmlos, und kann hier wirklich erfahren werden, wie Kirche in Zukunft geht? Und welche weitenden Erfahrungen katholischer Kirche – hier und in der weltkirchlichen Catholica – müssten den Blick öffnen?

Wie werden Seminaristen menschlich und theologisch auf einen Dienst vorbereitet, der über die geprägte Seelsorgerrolle hinausreicht? Wie werden zukünftige Priester befähigt, in Zukunft jene Räume der Partizipation und Entscheidungsfindung zu eröffnen und zu gestalten, die dies ermöglichen? Was bedeutet das für die Ausbildung? Es geht um ein dienendes Selbstverständnis des sakramentalen Leitungsamtes am Mündigwerden des Gottesvolkes

Wie kann die weltkirchlich offensichtlich tiefer verankerte Kultur umfassender Evaluation, die dem Wachstum der Person und der Gemeinschaft dient, auch in unseren Ausbildungskontexten selbstverständlicher eingeübt werden? Wie können selbstverständlicher die Gebrochenheit und die Verwundungen der Biographien Ausgangspunkt heilender Begleitprozesse werden?

Kann die pastoralpraktische Ausbildung in Deutschland deutlicher mit einer Leitvision zukünftiger Kirchengestalt verbunden werden? Deutsche Seminarien setzen einen deutlichen akademischen Schwerpunkt, aber wahrscheinlich müsste noch intensiver an inneren Leit- und Kirchenbildern gearbeitet werden – und an den Fähigkeiten und Fertigkeiten, den konkreten Dienst an der Gemeinschaft der Getauften zu tun, die in Zukunft das Gesicht der Kirche prägen.

Die Priesterausbildung in Deutschland steht seit Langem vor großen Herausforderungen. Die sinkende Zahl der Seminaristen verlangt aber nicht nur nach einer Neugewichtung der Ausbildungsorte, sondern grundlegender nach einem Gespräch über die inhaltliche Zukunftsperspektive priesterlichen Dienstes und priesterlicher Ausbildung. Wäre nicht jenseits notwendiger pragmatischer Veränderungen ein grundlegendes Bedenken der Ausbildungsordnung und des ihr zugrunde liegenden Kirchenbildes an der Zeit?

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