Geschichte und Gegenwart eines GlaubensphänomensEngel sterben nicht

Während der Glauben an einen personalen Schöpfergott derzeit gesellschaftlich abschmilzt, erfreuen sich Engel gleichzeitig sogar wachsender Popularität. Die Erforschung des Engelglaubens bietet einen Zugang zu einem tieferen Verständnis menschlicher Religiosität vom Neolithikum bis in die Gegenwart.

 „Mit Gott kann ich nichts anfangen. Aber auf meinen Schutzengel lasse ich nichts kommen!“ Aussagen wie diese verblüffen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Religionssoziologen. Um Randphänomene handelt es sich längst nicht mehr: Bei einer Allensbach-Studie um 1997 in Deutschland gaben 50 Prozent der erwachsenen Befragten an, an „Schutzengel“ zu glauben. Aber nur 35 Prozent bekannten ihren Glauben an „eine von Gott erschaffene Welt“ und nur 31 Prozent an „Wunder“.

Längst entfalten sich, nicht zuletzt im Internet, blühende „Engelsszenen“ mit überwiegend weiblichen Verkünderinnen, Produkten und Kongressen auch außerhalb der Kirchen und Religionen, nicht ohne sich auf deren gewachsene Engelbilder zu beziehen. Und während der Theismus auch am Anfang des 21. Jahrhunderts weiter unter gesellschaftlichen Druck und Rechtfertigungszwang gerät, meldet eine neuere Umfrage für 2012 einen weiteren Anstieg des Schutzengelglaubens auf 54 Prozent.

Theologisch scheinen diese Entwicklungen auf den ersten Blick zunächst wenig Sinn zu haben. Wenn Gott nicht einmal die Welt erschaffen hat – woher kommen dann die Engel? Und wie können viele Menschen den Glauben an Wunder ablehnen, jenen an schützende Engel aber bekunden? Was wäre denn da noch ein Wunder?

Formen geflügelter Begleiter finden sich bereits in der Steinzeit

Aus Sicht der Kognitions- und Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen lassen sich die Befunde freilich sehr gut verstehen und entsprechen sogar den Erwartungen: Schon der studierte Theologe und Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin (1809–1882) erkannte gegen die damaligen Vertreter der „Urmonotheismus“-These, dass der sehr abstrakte, bildlose Eingottglaube nicht am Anfang allen Glaubens stand, sondern eine späte und – so Darwin! – „höchste“ Form der religiösen Entwicklung darstelle (vgl. HK, Januar 2013, 33 ff.).

In den frühen Erfahrungs- und Symbolwelten menschlicher Religiosität dominierten demnach kognitiv zugänglichere, also einfacher vorstell- und merkbare Wesenheiten wie Ahnen und Geister. Auch die Ursprünge des Engelglaubens sind in dieser religiös noch wenig institutionalisierten Vorzeit zu finden, wie der Alttestamentler Claus Westermann (1909–2000) auch erkannte: „Die Engel sind älter als alle Religionen – und sie kommen auch noch zu den Menschen, die von Religion nichts mehr wissen wollen.“

Tatsächlich lassen sich frühe Formen geflügelter Begleiter bereits in der Steinzeit identifizieren. So finden wir in der Karsthöhle „Hohe Fels“ in Süddeutschland bereits die filigrane Statuette eines fliegenden oder tauchenden Wasservogels mit einem Alter von etwa 30 000 Jahren sowie eine Flöte aus Geierknochen. Auch in der vor etwa 18 000 Jahren gestalteten Höhle von Lascaux wird ein Mann in der mythischen Begegnung mit einem gewaltigen Stier von einem Vogelgefährten begleitet. In den steinzeitlichen Tempeln von Göbekli Tepe sind eine Vielzahl von Vogeldarstellungen ebenso zu finden wie in Fels- und Höhlenzeichnungen Altamerikas – interessanterweise auch in jenen Bereichen, die ansonsten Symbolen der „Unterwelt“ vorbehalten sind.

Tatsächlich waren Vögel nicht die eindrucksvollsten Tiere in der Lebenswelt unserer Vorfahren; kaum je dominieren sie den religiösen Mythos. Aber gerade auch Wasservögel sind erkennbar in der Lage, „verschiedene Welten“ zu bereisen: den Himmel, die Erde, das Wasser. Auch vergemeinschaften sich Vögel zu Paaren und Schwärmen und scheinen als Zugvögel über geheimes Wissen zu den Jahreszeiten und unvorstellbar weiten Reisewegen zu verfügen. So wurden sie wohl schon vor Jahrzehntausenden zu beliebten Boten noch höherer Mächte und auch zu Begleitern der Menschen bei Trance- und Jenseitsreisen, als die sie noch immer im zeitgenössischen Schamanismus fungieren. Und bis heute tragen „gute“ Engel auch der Hochreligionen zuverlässig die Flügel von Wasservögeln, meist von Schwänen.

Aasfressende Vögel wie die auch in Europa verbreiteten Geier und Raben standen für unsere Vorfahren erkennbar mit der Totenwelt in Kontakt und sind schon in den Symbolwelten von Göbekli Tepe und Catal Hüyük oft als Transporteure von Köpfen und Körpern reichlich zu finden. In den bis heute bestehenden „Türmen des Schweigens“ des Zoroastrismus obliegt es ihnen, die Gebeine der Toten zu zerlegen und damit auch die Seele in die jenseitige Welt zu führen. Gerichts- und Todesengel werden bis heute mit dem schwarzen Gefieder von Geiern und Raben als unheimlich, nicht zwingend aber als böse dargestellt.

Während der Bronzezeit unterstreichen dann Vogelapplikationen etwa an Heiligen Stätten und Kultwagen die Heiligkeit der Zentralsymbole. Auch spätere Gottheiten wie der griechische Hermes, der indische Garuda, die ägyptische (den Pharao beschützende) Nephtys oder der altamerikanische Quetzalcoatl unterstreichen durch Flügel und Federn ihre Fähigkeiten zu Welten- und Gesandtenreisen, bleiben dabei aber stets noch höheren Gottheiten und Prinzipien unterworfen. Ebenso bekunden auch die babylonischen Lamasu – geflügelte Löwen mit Menschenköpfen – durch ihren symbolischen Dienst die Heiligkeit der Gottheiten und Herrscher, deren Tempel und Paläste sie bewachen.

Im Zoroastrismus wird dann das längst unüberschaubare Gewimmel höherer und niederer Gottheiten in einem Gut-Böse-Dualismus geordnet: An der Spitze stehen je die gute Gottheit Ahura Mazda und deren finsterer Gegner, denen jeweils niedere Gottheiten – oft mit Flügeln – helfend zugeordnet werden. Entsprechende Traditionen fließen auch in das entstehende Judentum ein.

So taucht beispielsweise der iranisch-zoroastrische Aeshma Daeva (Dämon der Wut) als männermordender Asmodaios im vorchristlich-biblischen Buch Tobit auf. Dort wird er vom göttlichen Engel Raphael bezwungen, damit die im Exil lebenden Israeliten Sarah und Tobias einander heiraten und die Familienlinie samt religiöser Tradition fortsetzen können. Während die jüdische Tradition das Buch Tobit schließlich als apokryph aussonderte, wurde es in den katholischen und orthodoxen Kirchen kanonisiert.

Dass die Entwicklung der Engelsvorstellungen auch noch zur Zeit Jesu andauerte, lässt sich unter anderem auch daran erkennen, dass Engel nach ihrem Erscheinen in den Evangelien gegenüber Zacharias, Maria, den Hirten auf dem Feld und anderen immer wieder versichern müssen: „Fürchtet Euch nicht!“. Auch im Streit mit den Sadduzäern um die Auferstehung – die zur Zeit Jesu durchaus noch innerjüdisch umstritten war und sich erst im rabbinischen Judentum als allgemeine Lehre durchsetzte – verweist Jesus laut Lukas 20,27 f. auf Engel.

Konkret betont er, dass die wieder Auferstandenen überhaupt „nicht mehr heiraten“ werden: „Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind.“ Dass ein Engel Jesus am Vorabend der Kreuzigung tröstet und stärkt (Lukas 22, 43), unterstreicht sowohl Christi umfassende Menschlichkeit wie auch seine treue Verbindung zum Göttlichen.

Aber die vielleicht größte kulturelle Fernwirkung erzielt ein Jesuswort, das Engel und Kinder in eine besondere Beziehung setzt und spätere Darstellung von Schutzengeln wie auch von Kinderengeln (Putten, auch nach dem Vorbild antiker Liebesboten) bis in die heutige Zeit hinein prägt. Nach Matthäus 18,10 würdigt Jesus die Kinder: „Sehet zu, dass ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel.“

Um aber wirklich böse Geflügelte von den guten, weißgefiederten Engeln wie auch den schwarzgefiederten, aber doch potenziell gottestreuen Gerichts- und Todesboten zu unterscheiden, werden in der christlichen Kunst Dämonen, Drachen und gefallene Engel zunehmend mit lederartigen Fledermausflügeln versehen. Endzeitliche Schlachtenszenen zwischen dem Engelsheerführer Michael und dem teuflischen Gegenspieler erfreuen sich großer und bis heute anhaltender Beliebtheit.

Die Beschreibung und Anordnung von Engeln gehört bis in die Renaissance zu den großen Themen christlicher Gelehrsamkeit und Offenbarung. So werden die Engelsvisionen von Hildegard von Bingen (1098–1179) bis in die heutige Zeit rezipiert. Das umfangreiche Schriftgut zur Angelogie (Engelskunde) trägt Thomas von Aquin (1225–1274) den Ehrentitel „Doctor Angelicus“ ein. Und sein Zeitgenosse Coelestin V. (1209–1294) ist nicht nur der erste Papst, der sein Amt zu Lebzeiten niederlegte, sondern wird auch als „Engelspapst“ gedeutet.

Auch Martin Luther (1483–1546) betont die Bedeutung der Engel und lehrt unter anderem den „Christkind“-Engel als Alternative zum Heiligenkult um den Bischof Nikolaus. Und doch setzen sich im Bilderstreit zunehmend reformatorische Strömungen von Engelsdarstellungen ab, wogegen sie in der katholischen Kirche eine neue Blüte erleben. Ab dem 17. Jahrhundert etabliert sich so über päpstliche Erlasse auch ein katholischer „Festtag der Heiligen Schutzengel“, der inzwischen mit wachsendem Zuspruch am 2. Oktober jedes Jahres gefeiert wird.

Gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem zunehmend bilderreichen Christentum schneidet bereits das rabbinische Judentum ab dem ersten Jahrtausend nach Christus die auch im Talmud noch reichen Engelmythen wieder zunehmend zurück: Sie werden zu strikt zweckgebundenen Schöpfungen Gottes ohne eigenen, freien Willen zurückgebunden, ihre bildliche Darstellung untersagt und eine Rationalisierung und Vergeistigung von biblischen Engelsberichten vorgenommen. Auch der Satan könne demnach nicht Gegenspieler Gottes sein, sondern handelt als Ankläger und Versucher im Auftrag des Höchsten.

In der jüdischen Mystik, der Kabbalah, kommen die Engel als Gottesboten und Bewohner geistig-seelischer Welten zu neuen Ehren – verbunden mit der Lehre, dass außer Gott auch Menschen durch ihre je guten und bösen Taten entsprechende Engel erschufen.

Engeltraditionen, aber auch Bilderverbote im Judentum und Islam

Im Islam wird der Glaube an Engel nicht nur zum Bestandteil des verpflichtenden Glaubensdogmas, sondern etwa in Sure 4, 16 des Koran sogar den Heiligen Schriften und Propheten vorgeordnet: „Und wer nicht den Glauben an Gott verinnerlicht und an Seine Engel, an Seine Schriften, an Seine Gesandten und an den Jüngsten Tag, der ist fürwahr weit in die Irre gegangen.“

Bis heute überaus reichen und vielfältigen mündlichen Engels­traditionen stehen jedoch auch im Islam Bilderverbote gegenüber, die lediglich in mystisch-sufischen und schiitischen Traditionen bisweilen aufgeweicht, in der Neuzeit jedoch populärkulturell unterspült werden.

Die unter einigen Sufis geflüsterte Glaubenslehre, dass der Teufel nicht wirklich gegen Gott rebelliert beziehungsweise sich wieder mit Gott ausgesöhnt habe und in seine alte Stellung als oberster Gottesbote wiedereingesetzt worden sei, wird als häretisch zurückgewiesen. Sie setzt sich jedoch bei der nachislamischen Religionsgemeinschaft der Yeziden durch, die im Nord­irak, im Nordiran und der Türkei von muslimischen Orthodoxen prompt als „Teufelsanbeter“ ausgegrenzt werden und allenfalls in der Verborgenheit beziehungsweise strengen Abgeschiedenheit eigener Dörfer überleben können. Im 20. Jahrhundert strömen entsprechend zehntausende verfolgter Yeziden als Glaubensflüchtlinge in den Westen und bilden in Deutschland unter anderem in Celle und Pforzheim auch größere Gemeinden.

Der Bruch zwischen der auch christlichen Gelehrsamkeit und der Befassung mit Engeln lässt sich im Streit zweier Denker des 18. Jahrhunderts verorten. Der wegen seines Ruhmes geadelte Bischofssohn, Erfinder und Theologe Emanuel Swedenborg (1688–1772) wendet sich im fortgeschrittenen Alter zunehmend Engelslehren zu, die schließlich auch den Argwohn der schwedischen Staatskirche erwecken. Wenige hundert Kilometer entfernt faszinieren seine Schriften auch einen aufstrebenden Philosophen namens Immanuel Kant (1724 –1804). Als dieser jedoch merkt, dass ihn das Interesse an den Schriften seines Namensvetters die lange angestrebte Professur in Königsberg zu kosten droht, grenzt er sich 1766 mit der für ihn ungewöhnlich polemischen Schrift „Träume eines Geistersehers“ von Swedenborg ab und sichert damit seinen eigenen Ruf.

Die Folgen dieser Ab- und Ausgrenzung sind bis heute zu spüren: Engel werden fortan noch in den Welten von Frauen, Kindern, Künstlern und volksnahen Predigern geduldet, akademische Theologen und Philosophen riskieren mit Arbeiten zu diesen Themen jedoch ihr Ansehen als ernst zu nehmende Gelehrte. Doch nicht nur im Volksglauben, sondern auch in der Religionsgeschichte bleiben verschiedenste Engelstraditionen präsent und religionsproduktiv.

So entsteht ab 1830 mit der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ in den jungen USA eine dynamisch wachsende Religionsgemeinschaft, auf deren Tempeln kein Kreuz, sondern der verkündende Engel Moroni leuchtet. Moroni ist dabei nicht mehr direkt als Engel durch Gott geschaffen, sondern ein im „Buch Mormon“ auftretender, altamerikanischer Prophet, der nach seinem Tod zum Engel aufgestiegen sei. Entsprechend können nach mormonischer Lehre Menschen über das irdische Leben hinaus wachsen und zu Engeln, ja zu Gottheiten werden, wie auch der Gott der Bibel vor langer Zeit ein Menschenwesen im einzig ewigen, ungeschaffenen Universum gewesen sei.

Und lassen sich schon in älteren Volksmärchen durchaus auch „unorthodoxe“ Engelsvorstellungen ausmachen, so brechen sie sich auch im zunehmend selbstbewussten Bürgertum schließlich Bahn. So bekennt beispielsweise Heinrich Heine (1797–1856) in seinem Gedicht „Die Engel“ bereits 1852: „Freilich ein ungläub’ger Thomas / glaub’ ich an den Himmel nicht / den die Kirchenlehre Romas / und Jerusalems verspricht. Doch die Existenz der Engel / die bezweifelte ich nie; / Lichtgeschöpfe sonder Mängel / hier auf Erden wandeln sie.“

Dass in den sich ausbreitenden, esoterischen Zirkeln etwa der Theosophie und ihrer zahlreichen Varianten bis heute verschiedenste Engel und Engelskunden eine große Rolle spielen, versteht sich da fast schon von selbst.

 „Engel in Raumanzügen“

Als überraschend religionsproduktiv entfalten sich schließlich auch die bereits von Carl Gustav Jung (1875–1961) als „Engel in Raumanzügen“ entschlüsselten Außerirdischen, über die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Kontakte berichtet werden. Gerade auch vermeintlich religionsskeptische Männer, die den gewachsenen Engelglauben in Bibel und Kirchen als dogmatischen Kinderkram verlachen, zeigen sich auffallend häufig fasziniert von Mythen über vom Himmel steigende Besucher. Diese können Hoffnung oder Bedrohung, Weisheit oder Strafe, Heilung oder Zerstörung verheißen, Auserwählte mit Botschaften versorgen und auf Himmels- und Weltenreisen entführen.

Dass sich die vermeintlich „wissenschaftlich-technologischen“ Herleitungen auch dieser Himmelswesen nicht belegen lassen, wird dabei zunehmend mit einer Verschwörung von Regierungen und Militärs erklärt, die auf diese Weise den Anbruch der neuen Zeit zu verzögern trachteten, wenn sie nicht gar selbst von bösen Außerirdischen gesteuert beziehungsweise von diesen unterwandert seien.

Neben inzwischen global präsenten Büchern und Filmen der Populärkultur (E.T., Men in Black, Roswell-Mythen etc.) entstehen so während des 20. Jahrhunderts auch ganze esoterische UFO-Gemeinschaften wie die Ashtarianer, Unarier oder Scientology. Autoren wie Erich von Däniken erreichen Millionen mit Botschaften des Paläo-SETI, die Befunde vor allem der Archäologie und Kunstgeschichte gezielt nach „Hinweisen“ auf außerirdische Besucher durchforstet.

UFO-Religionen wie die Raelianer kehren schließlich sogar zu einer wortwörtlichen Lesart biblischer Texte zurück, nach der Gott und Engel als Außerirdische zu lesen wären, die tatsächlich durch Terraforming die Erde gebildet, durch Gentechnik das Leben erschaffen und durch Kommunikation Offenbarungen vorgenommen hätten. So verstehen sich Raelianer bis heute als Vertreter einer atheistisch-wissenschaftlichen Weltanschauung und streiten zugleich an der Seite evangelikaler Kreationisten gegen die Evolutionstheorie und für die Akzeptanz von „Intelligent Design“! Ihr Prophet Rael (1946 als Claude Vorilhon in Frankreich geboren) umgibt sich unter anderem mit einem ausschließlich aus Frauen gebildeten „Orden der Engel“, die sich mit ihm auf die bevorstehende Landung der außerirdischen Elohim vorbereiten.

Entspricht die Engelreligion den Anforderungen an eine moderne, zeitgemäße Religion?

So wird im religionsgeschichtlichen Rückblick deutlich, dass der gewachsene Engelsglauben wohl gar nicht erst wieder wundersam erstarkt, sondern eigentlich nie verschwunden ist. Mit den Glaubwürdigkeitskrisen technologischer Verheißungen und menschlicher Krieger gewinnen derzeit einfach wieder zunehmend klassische Engelsvorstellungen an Popularität: geflügelte Schutzengel statt technologischer Aliens, der schützende Erzengel Michael statt dem ritterlichen Drachentöter St. Georg, persönlich nahestehende Wegbegleiter statt unerreichbarer Stars und Idole.

Entsprechend beobachtet der Dortmunder katholische Theologe Thomas Ruster nicht unkritisch: „Die Engelreligion entspricht in idealer Weise den Anforderungen an eine moderne, zeitgemäße Religion. Sie gibt den Menschen schlicht und einfach das, was sie als Religion brauchen. Sie ist den Bedingungen angepasst, unter denen Menschen heute religiös sein können und wollen.“ Und er meint sogar: „Die Engelreligion schickt sich an, die Religion der Zukunft zu werden.“

Tatsächlich mehren sich die Belege, dass es Engelbilder sehr viel leichter haben, sich in grundlegende Wahrnehmungen und Emotionen von Menschen auch weit über die Kirchengemeinden hinaus zu verankern, als die oft sehr abstrakten und verbindlichen Lehren eines womöglich auch noch anspruchsvollen Gottes. In populären Vorstellungen erscheinen Engel häufig als vom Universum kostenfrei und unverbindlich zur Verfügung gestellte Dienstleister – unsichtbar und zurückhaltend, bis sie für zeitlich befristete Situationen gebraucht und beschworen werden, ohne andauernde Gegenleistungen zu erwarten.

Insofern entsprechen sie strukturell tatsächlich den heimlichen Idealen und Wünschen einer individualisierten Marktwirtschaft. Nicht zufällig werden sie immer wieder für Werbezwecke funktionalisiert, von den „gelben Engeln“ des ADAC bis zum himmlisch verköstigten Streichkäse.

In dieser vermeintlichen „Stärke“ liegt jedoch auch Schwäche verborgen: Individualisierte und durchfunktionalisierte Engelsvorstellungen, die weder zu Verbindlichkeit noch zu Gemeinschafts- und Familienleben ermutigen, haben wenig Chancen, über Generationen hinweg traditionsbildend zu werden. Wo echte „Engelsreligionen“ entstanden, mussten sie sich noch immer an eine theologische oder pseudowissenschaftliche (ufologische) Letztbegründung rückbinden – nur dann erreichten sie die notwendige Verbindlichkeit, um auch das Verhalten ihrer Anhängerschaften längerfristig maßgeblich zu beeinflussen.

Und zumindest bislang ist es dabei nur theistischen Varianten gelungen, dann auch zu kinderreichen Familientraditionen heranzuwachsen, woran ausnahmslos alle UFO-Religionsgemeinschaften bislang scheiterten (die Raelianer hoffen beispielsweise durch künftige Fortpflanzung per gentechnisches Klonen).

Insofern sind die zunehmend wieder aus den christlichen Mythen- und Bildschätzen schöpfenden Engelsvorstellungen auch der Gegenwart wohl weniger als unvermeidlich triumphierende Konkurrenz denn vielmehr als religiöse Suchbewegung aufzufassen – in ihnen drücken sich uralte, vorbewusste Wahrnehmungen und Sehnsüchte von „Homo religiosus“ aus. Den Kirchen ist zu empfehlen, diese Fragen und damit die Fragenden auf- und anzunehmen, statt sie mehr oder weniger obskuren Anbietern zu überlassen.

Für die empirische Evolutions- und Kognitionsforschung zum Menschen bieten Engeltraditionen schon jetzt faszinierende und oft erst in Umrissen erforschte Fälle. Wirklich spannende Entdeckungen und Debatten sind aber gerade auch durch die Geisteswissenschaften zu erwarten, etwa wenn Theologinnen und Philosophen, Erkenntnistheoretiker und Wissenssoziologinnen jene Fragen neu angehen, vor denen Kant seinerzeit zurückschreckte. Wer Natur, Kultur und Geist des Menschen forschend in den Blick nimmt, sollte dessen geflügelte, welten-verbindende Begleiter nicht länger ignorieren. Immerhin wird seit Jahrhunderten gerade auch in der Weihnachtszeit ihre Aufforderung tradiert: Fürchtet Euch nicht!

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.