Priesterliches Leben in winterlicher ZeitZuversicht im Niedergang?

Das Wegbrechen kirchlichen Lebens auf allen Ebenen setzt Priester enormen Spannungen aus. Ihre abnehmende Zahl führt zu einem früher undenkbaren Arbeitszuwachs, Unzufriedenheit und Unsicherheit wachsen. Sollen Priester mit aller Kraft bestehendes kirchliches Leben zu erhalten versuchen oder aktiv die Betriebsamkeit reduzieren? Entscheidend in dieser Situation ist zu fragen, was helfen kann, die priesterliche Identität zu leben.

Zunächst ein Blick weg von der Kirche, hinein in die profane Arbeitswelt: Prozesse beschleunigen sich, der Leistungsdruck steigt, die Arbeitsmenge ist in der vorgesehenen Arbeitszeit nicht mehr zu bewältigen, Erreichbarkeit fast rund um die Uhr wird oft selbstverständlich eingefordert, Urlaub von mehr als einer Woche ist kaum durchsetzbar.

Schwache Mitarbeiter leisten das Geforderte nicht mehr und fallen aus dem System heraus. Auch in so genannten sozialen Einrichtungen erhöhen Evaluierung, Zertifizierung und Qualitätsmanagement ständig den Druck.

Arbeitende fühlen sich wie im Hamsterrad, wobei die Effizienz oft sinkt, weil die zunehmende Bürokratie Energien von der inhaltlichen Arbeit absaugt. Durch die größere Zahl von Mitbewerbern auf einem engeren Markt wird mit mehr Aufwand weniger Ergebnis erzielt. Für immer mehr werdende Arbeit gibt es immer weniger Geld. Und Vermögende bekommen ohne zu arbeiten immer mehr Geld, das hat die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht nachhaltig verändert. Der allgegenwärtige Veränderungsstress erschöpft die Menschen. Die Zukunft ist immer weniger absehbar und gestaltbar; daher plant man nur noch für drei bis fünf Jahre, auch wenn Entscheidungen über Institutionen viel weiter reichen und daher höchst riskante Folgen haben.

Die Kirche ist nun – der Eindruck ist kaum abweisbar – in vielem keineswegs anders als die „Welt“, sie ist ein Teil von ihr, weder besser noch schlechter. Auch hier nehmen Bürokratie und Arbeitsdruck zu, weniger Personal muss mehr arbeiten, die Effizienz sinkt – mit mehr Aufwand erreicht man weniger Menschen. Das ständige Verändern und Planen erschöpft die Menschen und macht, weil die Zukunft dennoch unabsehbar ist, Angst. Mancherorts wird die Bezahlung gekürzt, bisher vorsichtig und wohl nur für neu angestellte Laien. Evaluierung und Ranking gibt es in der Pastoral noch kaum – die offensichtliche „Abstimmung mit den Füßen“ wird bedauernd ignoriert.

Ein Mehr an Disziplin und Professionalität würde die Kirche glaubwürdiger machen

Die Kirche steht dabei unter höherem moralischen Druck als die „Welt“: Etwa erwartet man in Teams ein harmonisches, eben christliches Betriebsklima und für Amtsträger, die ja auch mit ihrem Privatleben christliches Zeugnis ablegen, persönliche Integrität. Dieser höhere Anspruch wird einerseits von außen – in Öffentlichkeit und Medien – an die Kirche gestellt, andererseits stellt ihn die Kirche selbst an sich und verkündet ihn in die Gesellschaft hinein. An ihm wird sie gemessen, mit fatalen Folgen bei Nichterfüllung, etwa wenn ein Priester sich verfehlt.

Man denkt da gleich an die Keuschheit, aber warum zählen die Armut nicht oder der Gehorsam? Oder wenn eine Bürokratie, bischöflich abgesegnet, eine neue „Struktur“ ziemlich rücksichtslos durchsetzt… Hinzu kommt: Der höhere Anspruch erhöht noch einmal den gefühlten Druck.

In der Wirtschaft sind die Hierarchien meist streng und autoritär, es wird sehr viel mit Druck gearbeitet, und wer sich nicht fügt, wird ausgegrenzt, bisweilen schonungslos entsorgt. In der Kirche hingegen arbeitet man bisher – gegen den Anschein, gleichsam auch gegen die eigene „Ideologie“ – freilassender, das Klima ist familiärer, mit den Vorteilen der Menschenfreundlichkeit und der größeren individuellen Entfaltung, aber auch mit Nachteilen wie etwa einem heftigen Wildwuchs an Stilen oder auch an Ineffizienz, Teamunfähigkeit, Selbstherrlichkeit, offener Illoyalität gegenüber dem Arbeitgeber usw. Ein Mehr an Disziplin und Professionalität, mit vertrauensvoller Beratung und Supervision statt mit bürokratischem Druck, würde die Glaubwürdigkeit der Kirche verbessern.

In welcher Spannung stehen die Priester? Ihre abnehmende Zahl führt zu einem früher undenkbaren Arbeitszuwachs. Ihre Unzufriedenheit und Unsicherheit steigt. Sollen sie mit aller Kraft bestehendes kirchliches Leben zu erhalten versuchen? Oder umgekehrt aktiv die Betriebsamkeit reduzieren? Ersteres geht nicht ohne heillose Überforderung und dramatischen Qualitätsverlust, für letzteres müssen die Priester von allen Seiten ätzende Kritik einstecken. Sollen sie die gebietsweise noch starken volkskirchlichen (Rest-)Bestände trotz herbstlicher Stimmung weiterhin bedienen? Denn selbstverständlich gibt es da viel Wertvolles und Fruchtbares. Oder sollen sie diese vernachlässigen und ihre Energie in modern-postmoderne Event- und Citypastoral stecken?

Das Wegbrechen kirchlichen Lebens erscheint unaufhaltsam und wirkt kränkend: Ältere Priester haben Jahrzehnte ihr Herzblut und alle Energie in die nach dem Zweiten Vatikanum ja ausdrücklich modernisierte und, so glaubte man, menschlichere Pastoral gesteckt, jetzt sehen sie sich im Grunde vor einem Scherbenhaufen, denn je reflektierter, pädagogisch wertvoller und kindgerechter die Katechese, je erfahrungsgesättigter die Predigt und je lebensnaher die Liturgie wurde, desto leerer wurden die Kirchen. Misserfolg kränkt narzisstisch, denn wer will nicht erfolgreich und anerkannt und beliebt sein? Winterlich sind die Zeiten der Kirche, mehr noch als in der Epoche Karl Rahners, des Schöpfers dieses Wortes.

Außerdem bleibt der Nachwuchs aus: Sprach man schon in den siebziger Jahren von Priestermangel, sinken die Nachwuchszahlen heute auf immer neue, früher kaum für möglich gehaltene Tiefstände. Eine Trendwende ist schon deswegen nicht in Sicht, weil das katholische Milieu, in dem Berufungen wachsen könnten, weggebrochen ist. Die Berufungspastoral der letzten Jahrzehnte hat Gutes in der Begleitung suchender Menschen geleistet, doch auch hier wird man ehrlichen Blicks konstatieren müssen: Der Aufwand wuchs umgekehrt proportional mit dem „Erfolg“ – im Sinne der Quantität und, so sagen manche, auch der Qualität der geweihten Männer.

Auch hier gilt: Die „Kinderlosigkeit“ des Priesterstandes kränkt. Und sie stellt eminent spirituelle Fragen, etwa danach, ob Gott die Priester nicht mehr braucht oder nicht mehr will, denn sonst würde er ja mehr und gute berufen; und ob das, was priesterlicher Dienst über Jahrzehnte aufgebaut hat, nichts mehr wert ist, vor den Menschen und vor Gott. Für viele begabte junge Männer ist der Priesterberuf unattraktiv, und nur ständig gegen den Strom schwimmen zu müssen, überfordert die meisten. Initiativen zum Gebet für geistliche Berufe gibt es hervorragende, sie wenden sich zurecht an den allein Rufenden und an seine allein wirkende Gnade, doch die leise Frage sei erlaubt, ob das Insistieren auf dem Gebet nicht bisweilen dazu dient, unbequeme Fragen zu tabuisieren und fälligen Reformen auszuweichen. Fällig wäre, zu beten und sich zu bewegen, ganz katholisch auf die Gnade und auf das menschliche Mitwirken zu bauen.

Das Pfarramt – ein Posten für „Looser“?

Manche betonen in der Krise verstärkt den klassischen theologischen Wert des Priestertums, oft in Absetzung vom Laien. Man versucht so, den Beruf wieder attraktiv zu machen, allerdings mit der Gefahr, dass die kleine, elitäre und – man muss es sagen – neu hochmütige Priesterkaste weltfremd wird, ins Ghetto abwandert und so sich selbst marginalisiert. Andere läuten, eher still im Hintergrund, das Ende des zölibatären Amts-Priestertums ein, indem sie in dessen Aufgaben andere Dienste einsetzen – was zu diesen nicht passt und gegen die rechtlichen und theologischen Vorgaben nur unbefriedigend und oft kontraproduktiv gelingt.

Beide Tendenzen stehen unverbunden nebeneinander, mit gegenseitigem Misstrauen, mit Machtkämpfen und in großer Sprachlosigkeit. Der Zölibat wird oft nicht mehr gestützt, in den Gemeinden nicht und auch nicht im Herzen manchen Priesters. Priester fühlen sich überarbeitet und ausgelaugt, übrigens teilweise auch durch ineffizientes Selbstmanagement oder durch ein schiefes Rollenbild; aber in diesen Dingen werden Priester weder genügend ausgebildet noch genügend unterstützt. Priester leiden oft auch unter ungerechten Vorwürfen: Was auch immer sie entscheiden, sie bringen Fraktionen der Gemeinde gegen sich auf, und in Zeiten, in denen um die Verteilung abnehmender Ressourcen härter gekämpft wird, gibt es schmerzhafte Entscheidungen, für die sie in jedem Fall beschimpft werden.

Viele entscheiden deswegen gar nichts, was die Situation verschlimmert. Wird das Pfarramt immer mehr zum Posten für „Looser“? Muss der Priester ständig Opfer von Übertragungen und Projektionen sein? Welche Hilfen bekommt er, um mit diesen Schwierigkeiten adäquat umzugehen? Viele verbleiben in Einsamkeit, Frustration, Entehrung.

Ein konzeptionelles Problem kommt hinzu: Das geistliche Amt der Kirche hat in seiner dreigestuften Gestalt – Diakon, Priester, Bischof – klassisch drei „Funktionen“. Der Amtsträger ist Priester, also „sacerdos“, Diener des Kultes, Spender der Sakramente, Vermittler der Gnaden Gottes. Er ist Prophet, also Verkünder des Wortes, Lehrer, Tröster, Seelsorger. Er ist Leiter, also Verwalter und Regent der kirchlichen Güter und Einrichtungen, im weltlich-institutionellen wie im geistigen Sinn. Diese drei „Funktionen“ finden sich schon im Messias-Christus-Bild: Dieser ist sacerdos, propheta und rex. In seiner Nachfolge repräsentiert ihn der Priester, und er führt seine Aufgaben in der Kirche weiter.

Im Spätmittelalter wurde der Priester auf Kult und Verwaltung reduziert: Er zelebrierte Messen – da er kaum Bildung hatte und oft kein Latein konnte, verstand er wenig von dem, was er tat –, und er verwaltete und verzehrte seine Pfründe. Seelsorge, Katechese und Predigt fielen weitgehend aus, gab es gerade noch in den Kirchen der Bettelorden.

Die Reformbewegungen des 16. Jahrhunderts, allen voran die Jesuiten, betonten wieder die Seelsorge, übrigens in diesem Punkt parallel zum „Pastor“ der Reformation, und beide mit der Voraussetzung solider Bildung. Das Tridentinum und in seiner Folge die Priesterseminare – wirklich durchgeführt vielerorts erst im 19. Jahrhundert – übertrugen diese Reform auf den Weltklerus: Nun erst finden wir den spirituell und intellektuell gut ausgebildeten Seelsorger-Priester der letzten 150 Jahre.

Zum „Jahr der Priester“ stellt Papst Benedikt dafür den heiligen Pfarrer von Ars vor Augen. Zu Recht ist dieser als Seelsorger und Zeuge ein Vorbild priesterlichen Dienstes, aber es wäre naiv, einfachhin die Situation seiner 230-Seelen-Pfarrei auf heutige Großgemeinden zu übertragen, und auch theologisch ist in nachvatikanischer Zeit mancher Steilflug schwer zu ertragen.

Der Priester wird auf Ritual und Verwaltung reduziert

Kehren wir heute zur Situation des Spätmittelalters zurück? Der Priester, vor allem der Gemeindepfarrer, wird auf Ritual und Verwaltung reduziert. Die Seelsorge, breit verstanden als Katechese, Unterricht, Begleitung von einzelnen und Gruppen, wird großteils von Laien verantwortet. Mancher Theologiestudent sagt, er wolle Seelsorger werden, also werde er Pastoralreferent, nicht Priester. Dieser Trend wäre nicht nur theologisch verquer, auch die derzeitige Priesterausbildung wäre verfehlt; diese zielt ja breit auf Seelsorge, etwas auf Liturgie und kaum auf Verwaltung. Und das Priesteramt würde für solche Kandidaten anziehend, die eben Verwaltung und/oder Kult „können“, aber für die Seelsorge keine Fähigkeit oder kein Interesse mitbringen.

Hätten Laien nicht sehr viel Seelsorge übernommen, wäre diese schon längst zusammengebrochen. Aber wenn die Priester die Seelsorge nicht als ihr Eigenes pflegen, verkümmert ihr Amt. Außerdem würde die wichtige Verbindung zwischen sakramental zugesprochener Gnade und spiritueller Begleitung und Unterweisung – vor allem in der Beichte und in der Eucharistie – verloren gehen. Und wie soll ein predigender Priester ein existentiell treffendes Wort finden, wenn er nicht mehr die Zeit und die Fähigkeit hat, den Menschen in ihren Sorgen und Nöten wirklich intensiv und hingebungsvoll zuzuhören? Warum wird manch guter Seelsorgepriester in Managementsaufgaben gedrängt, die er nicht will und nicht kann, während ein ihm untergebener Laie diese Aufgaben besser erfüllen könnte, sie aber nicht ausüben darf – eine permanente Quelle von Konflikten, Unzufriedenheit, vielleicht auch von fruchtlosen Machtkämpfen?

Bessere Qualität würde die geringe Quantität leichter verschmerzen lassen

Vielen Christen stellen sich Fragen: Warum kann man, um das umfassende geistliche Amt zu bewahren, nicht mehr Priester weihen? Geeignete und willige Personen gibt es zwar nicht in Mengen, aber doch zahlreiche, und der Hunger nach den Sakramenten und nach mit Sakramenten verbundener Seelsorge ist zweifellos da. Wirkt die Weigerung der Kirchenleitung, sich dieser Frage zu stellen, nicht wie eine Verleugnung von Wirklichkeit? Werden hier nicht der zweifellos große theologische Wert des Zölibats und der mit Sicherheit noch größere der Eucharistie in ein unseliges Gegenüber, ja in einen Konkurrenzkampf verwickelt, den aber die Eucharistie verliert? Ist es nicht theologisch bedenklich, um des Zölibats willen vielen Menschen die Eucharistie vorzuenthalten?

Wer wird diese Entscheidung am Ende verantworten? Und wenn die Leitung der Weltkirche sich verweigert: Könnte nicht eine Lokalkirche – jeder Bischof ist selbst verantwortlich – in widersprechender Loyalität eigenständig erste Schritte gehen? Würde mit einer Änderung der derzeitigen Regeln nicht auch mancher amtierende Priester aus einer persönlichen Lüge befreit? Könnte man nicht die Doppelmoral verringern und gleichzeitig den Wert der Ehe – wie sehr ist er angefochten! – betonen? Dass „es“ mit anderen Formen priesterlichen Lebens geht, beweisen ja nicht nur die katholischen Kirchen östlicher Riten.

Der Klerus hat etwas eigenartig Männerbündisches. Bisweilen zieht das homophile Stile an und fördert sie, was heute sichtbarer ist als früher. In manchen Seminaren und Klöstern dominieren diese Stile. Mancher homosexuelle Kandidat wird unter anderem deswegen Priester, weil er seine ungeliebte Anlage verdrängen will; mancher will sich dann als um so kirchentreuer erweisen, vielleicht Karriere machen. Mancher heterosexuelle Kandidat ist durch diese Stile irritiert und verlässt das Seminar.

Unklare Beziehungen zwischen Priestern werden leichter geduldet als die zwischen Priestern und Frauen – weil man meint, dass, was es nicht geben darf, nicht ist? Wird durch Tabuisierung die Subkultur nicht gefördert? Warum verbindet manches offizielle Dokument noch immer Homosexualität pauschal mit Unreife? Selbstverständlich gab und gibt es immer sehr gute homosexuelle Priester. Wie in allem macht sich die Kirche in diesen Fragen nur durch Respekt und Transparenz glaubwürdig.

Wie kann man verhindern, dass intelligente, spirituelle und engagierte Frauen, etwa Theologinnen, die nicht ein Leben lang Kinderkatechese machen wollen, sich in beträchtlicher Zahl von der Kirche abwenden, weil sie in ihr keinen Platz und keine adäquate Aufgabe finden? Will die Männerwelt das überhaupt verhindern? Will sie das Frauenbild und die Frauenrolle weiterentwickeln?

An einem toten Punkt angelangt?

Deutlich wird: Die Zulassung zur Priesterweihe sollte man einerseits weiten, andererseits – was spirituelle, psychische, soziale und intellektuelle Qualitäten betrifft – strenger machen. Von angehenden Pastoralreferenten und -referentinnen wird heute in diesen Dingen mehr verlangt als von Priesteramtskandidaten. Bessere Qualität würde die geringe Quantität leichter verschmerzen lassen, ja in gewisser Weise aufheben. Wobei: Der Zölibat hat einen guten Sinn, für Ordensleute ist er gar unaufgebbar. Ihn für Weltpriester aufzuheben, löst nicht alle Probleme und schafft einige neue; und das erste Ziel wäre ausdrücklich nicht, die Weihezahlen massiv zu erhöhen.

Wie kann man in dieser Situation priesterliche Identität leben? Was könnte helfen zu überwintern? Einige Hinweise, unter anderem aus der Praxis spiritueller Begleitung von Priestern, seien angefügt: Der neue Bischof von Trier, Stephan Ackermann, schrieb zu seinem Amtsantritt einen Brief an die Katholiken seines Bistums. Er zitiert darin Bischof Kurt Koch von Basel, der sagt, wir seien „irgendwie an einem toten Punkt angelangt und wissen nicht genau, wie es weitergeht“. Diese Aussage ist mutig und ehrlich, wäre dies aber noch mehr, würde man das „irgendwie“ und das „genau“ streichen. Wer heute zugeben kann, nicht zu wissen, „wie es geht“, lebt realistischer, offener, und er lässt sich leichter führen. Wer behauptet zu wissen, „wie es geht“, sei es vom linken oder vom rechten Rand her, wird auf dem Holzweg sein. Eine Kirche mit zu viel Wirklichkeitsverleugnung, Ideologie und Besserwisserei braucht einen spirituellen Prozess der Demut, der Armut des Geistes, der Öffnung für Fremdes und Neues.

Planen sollten wir nicht für drei bis fünf Jahre, sondern für 20 Jahre. Wer eine Kirche teuer renovieren will, muss sich der demütigenden Frage stellen, ob er sie in 20 Jahren noch brauchen wird. Wer vier bereits fusionierten Gemeinden vier weitere zuschlägt, soll nicht fragen, ob das Pastoralteam das neue Gebilde für die nächsten fünf Jahre irgendwie stemmen wird – einige tausend pensionierte Priester stützen das System ja gerade noch –, sondern ob und wie ein solches Konstrukt auf lange Sicht als christliche Gemeinde trägt.

Vielleicht liegt die Zukunft ja doch bei „Mittelpunktsgemeinden“ und geistlichen Zentren? Wo beispielsweise in einer Stadt vor 50 Jahren fünf Kirchen mit jeweils 2000 sonntäglichen Gottesdienstbesuchern waren, sind es heute nur noch jeweils 400. Wird es dort in 10 Jahren nur noch eine Kirche geben, diese aber mit 1000 Besuchern in wenigen, gut gestalteten Gottesdiensten? Die geringere kirchliche Präsenz in den Stadtteilen ist ein großer Verlust, aber wir leben in Zeiten des Verlierens. Und die Katholiken werden lernen müssen, weiter zu fahren; für viele andere Lebensvollzüge, etwa arbeiten, shoppen oder essen gehen, tun sie das ja auch.

Auf dem Land wird alles noch schwieriger werden als in städtischen Ballungsgebieten. Die Zahl der Katholiken wird zwar nicht ganz so schnell sinken wie in Relation die Zahl der Priester, aber mit mutigen Gemeindereformen könnte man einiges am Priestermangel auffangen. Vielleicht wird in den nächsten Jahren der erwartete harsche Einbruch der Kirchensteuereinnahmen oder gar das Wanken der Konkordate zu Reformen zwingen, die jetzt nur vage und angsteinflößend am Horizont stehen, aber dann sich als schmerzhaft-heilsam erweisen werden.

80 Prozent des priesterlichen Wirkens ist Menschsein und Christsein

Für die Pastoral und die Liturgie ist Qualität entscheidend – das „Publikum“ ist heute gebildeter, verwöhnter durch Medien und damit anspruchsvoller geworden. Bessere Qualität gibt es nur mit Reduktion der Quantität. Bessere Qualität des christlichen Zeugnisses kann man allerdings nicht mit rein quantitativer Evaluation und Zertifizierung erzwingen, sondern die Kirche muss andere Mittel der Qualitätssicherung suchen. Dazu gehören unter anderem eine ausreichende Zahl gebildeter und zufriedener Priester.

Der Priester soll immer mehr arbeiten, hat aber enge physische und psychische Grenzen. Könnte er in der Auswahl dessen, was er arbeitet, nicht stärker ressourcenorientiert denken? Er fragt also nicht mehr: Was gab es schon immer an Aktivitäten in meinen fünf Pfarreien, und was davon sollte ich unbedingt weiterführen, so dass Ärger und Verlustschmerzen über Abgewickeltes möglichst gering bleiben? Sondern er fragt: Welche Ressourcen haben sein Team und er zur Verfügung, und was kann man damit sinnvoll, fruchtbar und in Freude verwirklichen?

Nicht das Sollen bestimmt das Maß, sondern das Können. Weniger Aktivität bringt größere Trauer über Verlorenes, aber bessere Qualität, größere Berufszufriedenheit und im Letzten mehr Frucht. Die Charismen der Laien kann man vielerorts besser wertschätzen und einsetzen. Der Pfarrer behält die Führung, delegiert jedoch die Leitung von Teilbereichen und vor allem Verwaltung. Das Geld für professionelle Verwalter wäre sehr gut eingesetzt.

Der Priester muss sein Arbeiten und Leben so gestalten, dass er ein Privatleben führen und lesen und sich weiter bilden kann, sonst verkümmert er menschlich und beruflich. Spirituelle Quellen soll er für sich suchen, innerhalb und außerhalb der Gemeinde: Mancher Priester sucht bei geistlichen Bewegungen oder Zentren einen Ort für Auszeiten und zum freundschaftlichen Austausch. Das ist hilfreich, birgt aber die Gefahr, dass er spirituell und menschlich seine Heimat weit weg von seinem Dienstort findet und seine Gemeinde bloßer Arbeitsort ist. Auch Gemeinden sind Orte spirituellen Lebens und sollten Räume für Anbetung und geistliches Gespräch – wo sie verloren gingen – wieder schaffen. Ein Priester, der auch in seiner Gemeinde spirituell verankert ist und Freunde findet, bringt mehr und tiefere Frucht.

80 Prozent des priesterlichen Wirkens ist Menschsein und Christsein, 20 Prozent ist Amt: 80 Prozent ist liebevoller und barmherziger Umgang mit den Anvertrauten, ist Aufmerksamkeit und Zuhören und Freundlichkeit, ist die rechte Nähe und Distanz, ist Klarheit und glaubwürdiges Leben, ist Verbundenheit mit dem Herrn in Stille und Gebet, ist auch der ehrliche Zweifel, das Ringen um den Glauben, die Unsicherheit, das Eingeständnis von Mängeln und Fehlern, das Überantworten allen Lebens an Gott. 20 Prozent ist Vollmacht, Lehre, Sakramentenspendung, „Rolle“.

80 Prozent ist Taufgnade, die erste und tiefste Gnade, die jeden in Christus sein lässt und ihn zu Christi Lebenszeugen macht. 20 Prozent ist Weihegnade, die für die Kirche höchst wertvolle und notwendige Vollmacht, „amtlich“ Christus zu repräsentieren und den Menschen Heil zu vermitteln.

Vor welchen Herausforderungen steht die Berufungspastoral? Professionelle „Promotion“ durch entsprechende Arbeitsstellen ist wertvoll, aber Basis ist immer die Glaubwürdigkeit und Zufriedenheit der einzelnen Priester vor Ort; die meisten von ihnen fanden ja zu ihrer eigenen Berufung durch überzeugende Vorbilder. Sehen Jugendliche vor allem abgearbeitete und verhärmte Funktionäre, zwar würdig dunkel gekleidet, aber immer hektisch und fern von den Menschen, werden sie diesen Beruf niemals als attraktiv erleben und die geforderten Verzichte nicht geben wollen. Junge Menschen entscheiden sich mit großem spirituellen Recht nur für etwas, das sie als wertvoll und erfüllend ansehen.

Oft verweist man darauf, dass der Jünger Jesu eben sein Kreuz zu tragen habe. Darf der Priester sein Amt so deuten? Ja, denn mit Blick auf den Gekreuzigten muss er Mühsale, Überarbeitung, Verzichte, Konflikte, Einsamkeit ertragen; nein, denn er hat eben doch einen im Grund schönen Beruf, kann vieles frei gestalten und übersieht gern, dass es anderen – siehe die Arbeitswelt – viel schlechter geht. Es gibt in der Kirche auch einen Missbrauch des Kreuzes: Wenn ungerechte oder überfordernde, ja unmenschliche Zustände durch Verweis auf das Kreuz theologisch gerechtfertigt werden, anstatt dass man mit allen Kräften zu ändern versucht, was änderbar ist; wenn man die sich leerende Kirche allzu einfach als eben zu tragendes Kreuz deutet, mit einem trotzigen Rückzug auf neu „richtige“, aber umso lebensfernere Rituale; wenn man im Schwarzsehen „badet“ anstatt mutig das Leben zu gestalten.

Ignatius von Loyola gibt in einer Auferstehungsbetrachtung des Exerzitienbuchs folgende Übung: „Das Amt zu trösten anschauen, das Christus bringt“ (EB 224). Geistlicher Trost ist Friede und Freude, Ruhe und Zuversicht, aber auch Schmerz und Tränen, die, indem sie fließen dürfen, Wunden heilen und reinigen und versöhnen. Solchen Trost bringt der Auferstandene hinein in das Leiden der Menschheit. Priester haben in der Nachfolge Jesu das Amt Christi übertragen bekommen. Vielleicht ist „das Amt zu trösten“ ein Kern ihres Auftrags. Paulus schreibt (vgl. 2 Kor 1,3–7) über seinen Dienst: Überreiche Leiden und überreicher Trost wurden ihm zuteil. Beides für die Gemeinde: die Leiden in Solidarität mit den Leiden der Menschen und zu deren Trost, den Trost, um mit ihm die Menschen zu trösten, ihn also weiterzuschenken. Könnte dies ein Bild priesterlichen Dienstes sein?

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