Warum fällt es Jule so schwer, sich anzuziehen?Wie ein Kita-Team reflektiert und handelt

Jule (5;7 J.) gelingt es noch nicht, sich selbstständig an- und umzuziehen. Ihre Mutter ist darüber – mit Blick auf die bevorstehende Einschulung – besorgt.

SONJA MALKOWSKI FÜR DAS TEAM DER KITA WITTLICH-NEUERBURG

  • Gemeinsam mit einem Kollegen habe ich die angehenden Schulanfänger unserer Kita vorrangig im Blick. Frau Rot spricht mich in der Abholsituation an: Ihre Tochter Jule brauche zu Hause und in der Kita noch viel Unterstützung beim An- und Umziehen. Sie sei daher besorgt, Jule könnte in der Schule überfordert sein.
  • In der folgenden Teamsitzung besprechen wir, dass Eltern immer wieder die Frage an uns herantragen: „Ist mein Kind selbstständig genug für die Schule – und was tut die Kita, um dies zu unterstützen?“ Daher ist der Infoabend „Von der Kita in die Schule“ fester Bestandteil unseres Kita-Konzepts. In Absprache mit meinen Kolleg(inn)en lade ich Jules Mutter explizit zu diesem Elternabend ein.
  • In diesem Rahmen erörtern mein Kollege und ich, inwiefern unsere Kita dazu beiträgt, Kinder mit Blick auf ihre Schulfähigkeit zu stärken. Dabei gilt: „Es geht nicht nur der Kopf in die Schule, sondern das ganze Kind!“ Unsere Kita versteht sich als ein Entwicklungsraum für Kinder mit eigenständigem Bildungsauftrag, an den die Schule anknüpft. Es geht uns darum, Kinder auf das Leben mit all seinen Facetten vorzubereiten. Dazu gehört die Schule – und vieles andere darüber hinaus. Um den Schulalltag zu meistern, benötigen Kinder u. a. sozial-emotionale, moto rische, sprachliche und kognitive Fähigkeiten sowie Lernfreude und Neugier. Diese entwickeln sie während der gesamten Kita-Zeit. Die häufig erfragte „Schulvorbereitung“ beginnt daher am ersten Kita-Tag. Im letzten Kita-Jahr bieten wir den angehenden Schulkindern dann besondere Herausforderungen und Anreize: Bspw. führen sie in Lerngemeinschaften eigene Projekte durch und wir entwickeln gemeinsam Strukturen im Kita-Alltag, in denen sie noch mehr Verantwortung übernehmen sowie Partizipation erleben können. Zudem erschließen wir verstärkt neue Lernfelder außerhalb der Kita und pflegen eine intensive Kooperation mit der Grundschule im Hinblick auf die Übergangsgestaltung.
  • Direkt nach dem Infoabend tausche ich mich mit Frau Rot aus. Ich erläutere ihr, dass Jule im Kita-Alltag sicher und eigenständig agiert und sich als selbstwirksam erleben kann. Um sich selbstständig an- und auszuziehen, braucht sie offensichtlich noch etwas mehr Zeit. Wir überlegen gemeinsam: Woran könnte es liegen, dass Jule diesbezüglich zögert? Ist bspw. ihre Kleidung unbequem oder zu eng? Steht ihr genügend Zeit zur Verfügung, um die Kleidung zu wechseln? Wie viel Assistenz bekommt Jule dabei zu Hause? Usw. Im Gespräch zeigt sich u. a., dass es Jule besser gelingt, sich umzuziehen, wenn sie bspw. zu ihren Freunden nach draußen möchte und wenn der begleitende Erwachsene dabei möglichst gelassen sowie ohne Zeitdruck agiert. Dies wollen Frau Rot und ich zukünftig stärker berücksichtigen.
  • Frau Rot äußert anschließend, dass sie nun viel beruhigter sei. Sie stimmt darin überein, dass es nicht sinnvoll ist, Jule Vorläuferfähigkeiten für die Schule „anzutrainieren“. Vielmehr soll ihre Tochter zu Hause und in der Kita weiterhin Unterstützung bekommen, wo sie diese noch benötigt, jedoch auch Anreize erhalten, sich bspw. zunehmend eigenständig an- und auszuziehen. Wir vereinbaren, diese Entwicklung im Blick zu behalten und uns nach vier Wochen erneut darüber auszutauschen.

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