Warum ist der Toilettenraum so reizvoll?Wie ein Kita-Team reflektiert und handelt

Immer öfter ziehen sich Kinder in den Toilettenraum zurück, um dort unbeaufsichtigt zu spielen. Kürzlich verstopften sie dabei eine Toilette.

RITA KAUT FÜR DAS TEAM DER KITA WITTLICH-NEUERBURG

  • Seit zwei Wochen suchen einige Kinder immer wieder für längere Zeit den großzügig bemessenen Toilettenraum auf. Dort wollen sie, von Erwachsenen ungestört, tätig sein. Vor Kurzem war danach eine der Toiletten verstopft.
  • Als ich in der nächsten Teamsitzung meine Beobachtung anspreche, bestätigen mehrere Kolleg(inn)en diese. Um herauszufinden, weshalb der Toilettenbereich für die Kinder als Rückzugsort so attraktiv ist und was sie dort tun, sammeln wir folgende Fragen: Wann, wie und mit welchen Materialien agieren die Kinder im Toilettenraum? Welche Handlungsmöglichkeiten finden die Kinder dort besonders reizvoll? Welche Kinder ziehen sich verstärkt in diesen Bereich zurück?
  • Über eine Woche hinweg beobachten meine Kolleg(inn)en und ich die Kinder zielgerichtet mithilfe dieser Fragestellungen.
  • In der folgenden Teamsitzung tragen wir zusammen: Es sind v. a. die älteren, ganztägig in der Kita verweilenden Kinder, die den Toilettenraum häufig aufsuchen. Besonders begehrt ist dieser Bereich am frühen Nachmittag. Die Kinder stellen dann oft aus Wasser, Seife und Papier Bälle her, welche sie vorzugsweise an die Wände werfen. Sie zweckentfremden also Hygieneartikel auf spielerische Weise. Zudem machen sie ihre Haare und Gesichter nass und begutachten sich dann in den Wandspiegeln. Vereinzelt werfen die Mädchen und Jungen kleine Spielzeuge in die Toiletten, um zu beobachten, was während des Spülvorgangs damit passiert. Eine Kollegin stellte zudem fest, dass die Kinder Toilettenpapierrollen in den Toiletten versenken, was diese dann verstopft.
  • Wir fragen uns im Team: Welche Interessen und Entwicklungsthemen stecken hinter dem Handeln der Kinder? Welche Botschaften senden sie damit aus? Welche pädagogischen Schritte wollen wir daraus ableiten, damit die Kinder ihren Kita-Alltag bestmöglich für sich gestalten und sich gesund entwickeln können?
  • Wir vermuten, dass sich die Kinder den Toilettenraum als neuen, von pädagogischen Fachkräften weniger häufig frequentierten Spielbereich zu eigen gemacht haben, um dort u. a. sinnliche (Material-)Erfahrungen zu sammeln. Dies begrüßen wir grundsätzlich. Die Toiletten zu verstopfen, ist allerdings ein Regelverstoß. Wir beschließen folglich: Die Kinder sollen – vorwiegend in der frühen Nachmittagszeit – „erziehungsfreie“ Rückzugsräume erhalten, in denen sie sinnliche Erfahrungen sammeln und mit verschiedenen Materialien experimentieren können. Hierfür bieten sich u. a. das großzügige Außengelände, der Sinnesraum mit dem Wassertisch sowie der Werkraum an. Dort können die Kinder u. a. mit Wasser, Erde, Lehm, Kleister, Knete und Pappmaschee hantieren. Eine Experimentierecke soll den Kindern zukünftig ganztägig zugänglich sein. Darüber hinaus wollen wir ihnen im Rollenspielraum große Spiegel sowie Schmink- und Friseurutensilien zur Verfügung stellen. Wichtig ist uns auch, mit den Kindern eine Kläranlage zu besichtigen, um Abläufe und Hintergründe rund um die Toilettennutzung sichtbar zu machen. Gemeinsam mit den Kindern erarbeitete Regeln sollen zukünftig Toilettenverstopfungen vermeiden.
  • In den kommenden Wochen wollen wir im Team beobachten, ob unsere Vorgehensweisen die offensichtlichen Interessen und Bedürfnisse der Kinder angemessen beantworten.

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